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Barfuß neben Lackschuh

45 Vietnamesen wurden Ende November aus Berlin abgeschoben – in ihrem Herkunftsland erwartet sie ein Leben ganz unten

  • Von Marina Mai, Hanoi
  • Lesedauer: 7 Min.

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Die kleine Frau steht gebückt am Flugsteig A des Hanoier Flughafens. An den Füßen trägt sie einfache Gummisandalen ohne Socken. Ihr Kopftuch dient als Staubschutz bei der Feldarbeit. Zum ersten Mal in ihrem Leben steht die Bäuerin aus einem armen zentralvietnamesischen Dorf in der hauptstädtischen Glitzerwelt. Es ist der 30. November. Sie möchte ihren Sohn abholen, der aus Deutschland abgeschoben wurde.
Zurück in Vietnam bleiben nur die einfachsten Jobs: Dieser Mann fährt mit dem Fahrrad Kohle in Restaurants (oben).
Zurück in Vietnam bleiben nur die einfachsten Jobs: Dieser Mann fährt mit dem Fahrrad Kohle in Restaurants (oben).

Es ist 9 Uhr morgens. Die Aeroflot-Maschine wird mit 20 Minuten Verspätung landen, sagt gerade ein Flughafensprecher. Unter den Fluggästen sind 46 Vietnamesen, die die Heimreise unfreiwillig angetreten hatten. Sie waren als Flüchtlinge nach Berlin, Brandenburg und Norddeutschland gekommen und mussten wieder ausreisen, weil sie in Vietnam nicht politisch verfolgt waren. Flüchtlingsinitiativen hatten in Schönefeld gegen die Massenabschiebung protestiert.

Statussymbole in der Empfangshalle

Der Flughafen von Hanoi – hier landen die Abgeschobenen (links).
Der Flughafen von Hanoi – hier landen die Abgeschobenen (links).

»Mr. + Mrs. Moll« steht auf dem Schild, das ein Hotelboy in Matrosenuniform in die Höhe hebt. Er holt Hotelgäste ab. Eine im neuesten Design gekleidete vietnamesische Familie wartet mit riesigen Blumenbuketts auf Verwandte, die aus Polen zum Heimaturlaub kommen. Eine Sechsjährige weint. Ihre Schwester hat ihr den iPod weggenommen. Die beiden Mädchen in Lackschuhen haben sich neben die kleine Frau gedrängelt, die ihren Sohn aus Deutschland abholen will. Lackschuh neben nackten Füßen. Über ihnen blinkt die Werbung von Vinamilk, der führenden Milchfirma hier. Milch ist gesund, lautet die Botschaft. Wer sie trinkt, hat starke Knochen, kann die Wirbelsäule aufrichten und wird groß. Das alles sind Statussymbole in Vietnam.

10 Uhr. Die ersten Passagiere kommen aus dem Transitraum. Zu der Frau in Gummisandalen hat sich ein rundes Dutzend kleiner geduckter Menschen in staubigen grauen Jacken und Hosen gedrängt, die ebenfalls aus Deutschland abgeschobene Verwandte abholen wollen. Sie sind durch ihr Äußeres deutlich als Bauern zu erkennen. Vinamilk, die auf dem Flughafen für einen Dollar pro Minipack verkauft wird und in Geschäften ebenso viel kostet wie in Deutschland, ist für sie unerschwinglich. Die Flüchtlinge aus Deutschland und ihre Verwandten stammen aus dem nördlichen Zentralvietnam. Die Region hat vom vietnamesischen Wirtschaftswunder kaum profitiert. Was ein Bauer in der von Naturkatastrophen häufig heimgesuchten Region verdient, reicht für Reis, Gemüse und manchmal Fleisch. In den Dörfern gibt es das teure Luxusgut Milch, das erst in den letzten zehn Jahren in Hanoi Einzug gehalten hat, gar nicht zu kaufen.

Die Mädchen mit dem iPod haben aufgehört zu weinen, die Aeroflot-Crew kommt aus dem Flugsteig geschritten. Eine halbe Stunde später werden Mr. und Mrs. Moll von ihrem Hotelboy zum Taxi geleitet. Touristen aus ganz Europa machen erste Gehversuche in Hanoi. »Das fühlt sich an wie im Schwimmbad«, sagt ein junger Leipziger zu seiner Freundin. In Hanoi herrschen 23 Grad und für Europäer hohe Luftfeuchtigkeit. Die Blumenbuketts wechseln die Besitzer und glückliche Familien liegen sich in den Armen.

Zweieinhalb Stunden nach der Landung scheint der Flugsteig wie leer gefegt. Nur die Gruppe Dorfbewohner wartet immer noch auf ihre aus Deutschland abgeschobenen Verwandten. Die werden von den vietnamesischen Behörden bis zum frühen Nachmittag festgehalten, um Formalitäten zu erledigen. »Ich freue mich, meinen Sohn wiederzusehen«, sagt eine Mutter mit vom Betelkauen schwarz gefärbten Zähnen. »Aber für ihn wäre es besser gewesen, er wäre in Deutschland. Hier ist keine Zukunft.«

»Hier« meint nicht Hanoi. Hanoi ist Zukunft. In der Metropole am Roten Fluss reiht sich Baustelle an Baustelle. Waschmaschinen, Ventilatoren und Kühlschränke gehören seit Jahren in vielen Wohnungen zur Standardausrüstung. »Hier« meint Zentralvietnam, eine vom Boom in Fernost abgeschnittene Region. Der Klimawandel führt dazu, dass auf vielen Feldern kein Reis mehr gedeiht.

Der Traum des Taxifahrers

Szenenwechsel. Ha Thinh ist mit einer halben Million Einwohnern eine der großen Städte im nördlichen Zentralvietnam. Vor dem großen Hotel, in das sich manchmal hauptstädtische Firmen zu Meetings und Konferenzen zurückziehen, warten Taxifahrer auf Kunden. Ngoc ist Anfang 40 und fährt seit fünf Jahren Taxi. Das ist ein besserer Job als der, den er viele Jahre zuvor ausgeübt hat. Aber gut leben kann er nicht davon. Wer kann in diesem armen Landstrich schon mit dem Taxi fahren?

»Mein Bruder lebt in Berlin und verkauft Blumen«, sagt er voller Neid. »Meine Schwester lebt in Taiwan und ist Hausfrau.« Der Bruder ging vor acht Jahren als Flüchtling nach Deutschland, heiratete dort. »Wenn er die deutsche Staatsangehörigkeit bekommt, kann er zu Hause bleiben, wenn er alt und krank ist, und bekommt Geld vom Staat«, will Ngoc gehört haben. Auch wenn das nicht ganz exakt ist, Ngoc träumt vom Leben des Bruders und der Schwester. Noch fühlt er sich nicht zu alt, um auch auszuwandern. »Hier will doch jeder weg. Und wer hier bleibt, lebt von dem Geld, das die Angehörigen schicken.«

Sein Problem: Ihm fehlen Geld und Beziehungen. Beziehungen brauchte er, um als Vertragsarbeiter nach Thailand, Malaysia oder Korea zu gehen. Und Geld brauchte er, um sich von Schlepperbanden nach Europa bringen zu lassen. 10 000 Dollar kostet das als Anzahlung. Dazu kommen Schulden, die man in Europa abarbeiten muss. Ngoc weiß, dass das ein Risiko birgt. Dass er nach Vietnam abgeschoben werden kann, bevor er die Schlepperschulden abgezahlt hat. Hätte er die 10 000 Dollar, wäre ihm das Risiko nicht zu groß. »Ich bin gesund. Ich kann arbeiten. Warum soll es bei mir schiefgehen?«

Zurück mit 55 Euro in der Hand

Das hat Dat (Name geändert) auch einmal gedacht. Der 23-Jährige wird von einem Cousin am Flughafen abgeholt. Er ist übermüdet, die Zeitverschiebung sitzt ihm in den Knochen. Die Nacht hat er im Flugzeug verbringen müssen, die Nacht davor war bereits um 4 Uhr zu Ende, weil die Bundespolizei die Vietnamesen so früh nach Schönefeld brachte. Alles, was er aus Deutschland mitbringt, sind ein wenig Kleidung, ein Handy und 55 Euro. Das Geld hat die Bundespolizei jedem der Abzuschiebenden ausgezahlt, damit sie selbst von Hanoi in ihren Heimatort fahren können.

Als in Schönefeld gegen die Abschiebung protestiert wurde, galten die Proteste ganz besonders seiner Abschiebung: Dat hat sich in einer deutschen JVA an Hepatitis C infiziert. Die Krankheit ist noch nicht ausgebrochen. Tut sie das, und niemand kann voraussagen, wann das der Fall ist, dann droht der Tod. Das Gesundheitssystem in Vietnam ist nicht solidarisch organisiert. Wer krank ist, muss – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – selbst zahlen. Als Mann aus bäuerlichen Verhältnissen und ohne Berufsausbildung kann der 23-Jährige das Geld nicht aufbringen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt: Der Berliner Verein »Medizinische Hilfe für Vietnam« will sich um die Medikamente kümmern. Wie lange der kleine privat finanzierte Verein das tun kann, hängt natürlich vom Spendenaufkommen ab.

Was tut man mit 55 Euro, wenn man nach Vietnam kommt? Dat hat Glück, dass sein Cousin ihn mit dem Motorrad abholt. Das spart 12 Euro für die Taxifahrt in die Innenstadt. Man könnte auch mit zwei verschiedenen Bussen für 25 Cent dorthin fahren, aber dazu müsste man in Hanoi ortskundig sein. Der Cousin bietet ihm an, mit in seine Hanoier Wohnung zu kommen und sich erst mal auszuschlafen. Die unentgeltliche Hilfe ist keine Selbstverständlichkeit, denn Dats Familie hat vor sechs Jahren 10 000 Dollar für seine Schleusung nach Berlin gezahlt, in der Hoffnung, dass er von dort aus die Familie ernährt, nicht umgekehrt.

»Versager« werden gemieden

Eine Woche später ist Dat in einer kleinen Provinzstadt bei seinen Eltern angekommen. Die Stadt kennt er nicht. Die Eltern haben in den letzten Jahren hierher umziehen müssen, weil Haus und Reisfeld einer Straße weichen mussten. »Ich muss mir eine Arbeit suchen, um zu überleben. Aber ich habe immer noch keine Ahnung, was ich tun soll«, sagt er.

Die 55 Euro sind verbraucht. Beziehungen zur Jobsuche fehlen ihm, da er so lange in Deutschland war. Und vor allem: Er ist mit leeren Händen gekommen. Wer aus einem vermeintlich reichen Land zurückkehrt und nichts mitbringt, gilt als Versager und wird von anderen gemieden. Dat bleiben Jobs auf der untersten Stufenleiter. Er könnte mit dem Fahrrad Kohlen in Restaurants fahren. Er könnte sich als Müllsammler verdingen. Solange seine Gesundheit das mitmacht.

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