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Wir alle, die wir etwas tun

John Holloway wirbt dafür, nicht-kapitalistisch zu handeln, bleibt dabei aber höchst unkonkret

  • Von Gerhard Hanloser
  • Lesedauer: 3 Min.

Der zweite Streich nun also. Nach »Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen« von 2002 hat der in Dublin geborene und im mexikanischen Puebla lehrende marxistische Politikwissenschaftler John Holloway nun »Kapitalismus aufbrechen« vorgelegt. Holloway steht für einen »offenen« Marxismus, der von der Frankfurter Schule und von libertären Vorstellungen geprägt ist. Im Zentrum seiner Kapitalismusanalyse stehen das Tun bzw. die Tätigkeit, die im Kapitalismus in falsche Formen gepresst wird: in Arbeit, homogene Zeit, fixe Identitäten und Rollen.

Getreu dem von ihm geschätzten Motto der mexikanischen Zapatistas »Fragend schreiten wir voran« hätte man erwarten dürfen, dass Holloway angesichts der tiefen Krise des globalen Kapitalismus, aber auch angesichts der diversen Sackgassen, in denen antagonistische Bewegungen stecken, neue Überlegungen aufwirft. Nichts davon aber in seinem aktuellen Buch. Die Marxsche Methode wird hier in einer philosophischen Reduktion vollständig auf den Gegensatz von abstrakter Arbeit und konkreter Tätigkeit gebracht, das Aufbrechen des Kapitalismus erschöpft sich einzig darin, durch Tätigkeit den Kapitalismus nicht mehr selbst zu reproduzieren. Doch: Wie frei ist diese Tätigkeit im gegebenen Rahmen? Welche konkrete Tätigkeit hat das Potenzial, den Kapitalismus zu sprengen? Zählt auch Käfersammeln und Meditieren dazu? Ist gesellschaftlich notwendige Arbeit in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft verschwunden? Das alles bleibt offen.

Holloway will sich dezidiert nicht an die konkreten Orte begeben, an denen die einzelnen Arbeiter in der Kooperation zusammengebracht werden und dort sowohl entfremdet als auch gemeinsam zu produzieren gezwungen sind. Er kassiert sowohl die soziologische als auch die politische und historische Dimension der Marxschen Kritik. Auf die von Marx klassenpolitisch beantwortete Frage, wer denn die reale Macht hat, den Kapitalismus an sein wohlverdientes Ende zu bringen, antwortet er lediglich: Wir alle, die wir etwas tun. Zu vielen Fragen schweigt Holloway: Warum war die Kommune von Oaxaca nur von kurzer Dauer? Warum kommen die Zapatistas in Chiapas nicht in die Offensive? Welche Momente im argentischen Aufstand und den dortigen Selbstverwaltungsprozessen hatten eine kommunistische Tendenz und welche waren leicht von Peronisten kooptierbar? Diese Leerstellen sind besonders deshalb ärgerlich, weil sein erster Theorieentwurf von einiger Bedeutung im argentinischen Aufstand ab 2002 war.

Marx und Engels waren sich nicht zu schade, die Pariser Kommune und ihr Scheitern zu untersuchen. Holloway schätzt Adorno und Horkheimer, von diesen Vertretern der Kritischen Theorie übernimmt er manch falsche Vorstellung vom Kapitalismus, dahingegen ignoriert er den zuweilen bösen, aber auch treffenden Blick von ihnen auf allerhand Pseudo-Praxis und Pseudo-Aktivismus. In wenig hilfreicher und zuweilen altväterlicher Weise klopft Holloway den Bewegungen und Individuen, wie sie sind, auf die Schulter. Das stellt das Gegenteil Kritischer Theorie dar und lässt sich nicht bloß mit einer am »Prinzip Hoffnung« orientierten Grundhaltung erklären. Offener Marxismus sollte etwas anderes sein als Unbestimmtheit in poetisch anmutender Redundanz.

John Holloway: Kapitalismus aufbrechen. Westfälisches Dampfboot, Münster 2010, 276 S., 24,90 €.

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