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Absteigend

TV-Tipp:

Doch, es ist eine Art Weihnachtsgeschichte, auch wenn der Titel das gut verbirgt. Denn Charles Dickens Ebenezer Scrooge tritt uns bei Niki Stein (Buch und Regie) sehr neuzeitlich als John Ganten entgegen. Ein Erfolgsmensch auf der absteigenden Lebensbahn. Auch Zyniker altern und das meist nicht unbedingt vorteilhaft. Eine Glanzrolle für Uwe Kockisch! Er spielt diesen Ganten als Mann ohne Eigenschaften, der selbst nicht mehr weiß, ob er nun lebt oder doch schon tot ist. Und dem das auch völlig egal zu sein scheint.

Da kennt jemand das Leben. Es geht niemals gut aus. Aber was heißt das fürs Hier und Jetzt? Ganten kann nichts mehr wirklich überraschen. Der emeritierte Professor für Städtebau hat alles längst hinter sich, so glaubt er, und was ihm bleibt ist, die Verbitterung über das Alter mit lässiger Handbewegung in eine Dandypose zu verwandeln.

Ganten, unnahbar und unberührbar auf seiner Lebensbahn kreisend, behandelt seine Mitmenschen mit unübersehbarer Verachtung, so als könnte ihm niemals jemand etwas anhaben, als stehe er weit über allen anderen. Doch irgendjemandem muss das nicht gefallen haben. Denn plötzlich findet Professor Ganten einen Zettel in seinem Briefkasten mit der Botschaft, die dem Film den Titel gibt: »Morgen musst Du sterben.«

Lächerlich, findet er. Vergisst den Zettel. Als kurz darauf ein Weihnachbaum aus einem der oberen Stockwerke seines Hause knapp an seinem Kopf vorbei- fliegt, erinnert er sich wieder. Doch es ist nur der Baum einer Nachbarin, die ihren Weihnachtsbaum keinen Tag länger als nötig behält, weil sie sich ebenso wie Ganten ganz und gar nicht begabt für die stille Nacht hält. Die hinreißende Susanne Lothar spielt diese mysteriöse Nachbarin mit all der umständlichen Verklemmtheit und Hilflosigkeit der Annäherung, die diesem ungewöhnlichen Film den absurden Ton vorgibt.

Wir tauchen ein in eine Welt, die aus wachsendem Unbehagen gemacht ist. Denn es wird tatsächlich ernst für Ganten, jemand trachtet ihm offensichtlich nach dem Leben. Ein Schock. Etwas, das mit rationalen Mitteln nicht zu begreifen ist. Oder doch nur Zufall, eine Verwechslung? Gantens Schutzpanzer bröckelt, bald steht er ganz hilf- und schutzlos da, etwas weniger Dandy, etwas mehr Mensch.

Was macht diese schwarze Komödie, die zugleich eine melancholische Elegie in langsam fließenden und kreisenden Bildern ist, zu so einem besonderen Weihnachtsfilm? Die Kompromisslosigkeit, womit er sich jedem Klischee von Handlung verweigert. Wir wissen am Ende nicht viel mehr als am Anfang. Aber das auf eine sehr poetische Weise. Ganten, sollte er noch einmal davonkommen, weiß sich nun nicht mehr unverwundbar. Ein Film, den man liebt, weil er uns alles Erwartbare vorenthält.

Heute um 20.15 Uhr in der ARD

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