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Blick in – Gesichter!

Berliner Schaubühne: »Lulu – Die Nuttenrepublik« von Volker Lösch

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Güte, in erhofft großem Maßstab, ist in dieser Welt unmöglich zu haben. So entsteht Bosheit wider die bestehende Welt – Wut, die aber an den Grenzen der Kultur, an den Barrieren des Zivilen immer wieder ihre Kraft verliert. An dieser Schnittstelle von unwirksamer Güte und unbefriedigter Bosheit lebt das putschende Theater des Regisseurs Volker Lösch. Er hat, oft gemeinsam mit dem Dramaturgen Stefan Schnabel und ohne die Grundform des Theaterspiels zu verlassen, die große Staats- und Stadttheaterbühne den Elenden geöffnet. Den aus Markt und Geltung und Sicherheit und Mitsprache Verstoßenen. Medea ist türkisch, Dogville liegt in Schwaben, Woyzeck säuft Flaschenbier, Marats Erben liegen suffbetäubt vor Hamburgs Hauptbahnhof. Ganz unten, das ist der soziale Grund einer Poesie, die schmutzig und grell ist, jenseits alles Wohl-Ständischen.

Nun hat Lösch an der Berliner Schaubühne Frank Wedekinds »Lulu« verknüpft mit Erzählungen von Sexarbeiterinnen. Sie bilden den Chor, dessen Text aus biografischen Recherchen besteht. Das Spektrum umfasst Straßenstrich, Pornodrehs, Luxusbordell, Tabledance, Tantramassage. Von jung bis alt. Eine der Frauen schließt gerade ihr Mathe-Ökonomiestudium ab und arbeitet in einem Dominastudio. Eine wollte unbedingt Sex, Sex, Sex haben, aber keine Beziehung. Eine hat Psychologie studiert und ist jetzt »teilnehmende Beischlafbeobachterin«. Eine ist unabhängige Escortdame für »intellektuelle Schlauberger«. Eine hatte »'ne ganz schwere Trennung, ich hatte richtig das Gefühl, mit jeder Vögelei befreie ich mich mehr von diesem Mann«.

Bei der Definition der Arbeit kommen die Worte »Zärtlichkeit« und »Entertainment« und »Berufung« und »Ekel« und »Werkbank« und »fairer Handel« vor. »Am Anfang habe ich noch geküsst, aber dann habe ich gemerkt, das geht gar nicht, da wird man ja verrückt.« Wer sich als Mann eine Frau kaufe, so der Chor, sei irgendwie damit überfordert, »die Frau dann irgendwie auch noch als Mensch zu sehn«. Die Freier-Typen? Entweder »Realitätsverleugner«, verheiratet, zwei Kinder, sie gehen zur Hure, aber reden sich das zur Beziehung hoch. Oder »Stinktiere, eklig, die haben nie gelernt, ihren Arsch richtig zu waschen«, die Syphilis »ist wieder im Kommen, hier in Berlin«. Dann aber auch jene, »die mich als Hure sehen und sich selber als Freier aushalten können«, ungeschminkte Realisten also, das sind die wahren »Helden«. Alle suchen sie eine Illusion, »die sie draußen nicht kriegen können«, zwischen zwei Geschäftsterminen oder kurz bevor sie nach Hause fahren zur Familie. Oder auf Dauer von Jahren. Eine der Frauen war auf einer »Nuttenkonferenz in den USA, zwei Drittel der Frauen waren lesbisch mittlerweile, die haben privat nix mehr mit Männern zu tun, null, aber was für Frauen, woow!« Die Ehe, heißt es, sei die erste Form der Prostitution, »weil die meisten Frauen ihre Männer nicht lieben«. Treue und Ehrwürdigkeit und gute Moral – »das ist ein wunderschöner Mantel, der die Familie schützt«, aber was, »wenn du innen drin kaputt bist?«

Sie sprechen über ihre Angst – vor tiefen Beziehungen oder davor, nie wieder eine haben zu können. Sie sprechen über Missbrauch und Gewalt und Ausstieg und die Unmöglichkeit, auszusteigen. Sie sprechen darüber, genutzt und ausgenutzt und gleichzeitig verachtet zu werden.

Aber im Zwingfeld dieser öffentlichen Doppelmoral, so der Eindruck, ist mit diesem Theaterabend für die Frauen der Moment eines geradezu heiteren Selbstbewusstseins gekommen.

Das ist der Kern der Inszenierung. Löschs Theater der bedrängenden, aufstörenden Chöre kennt die geharnischte Satire, beherrscht den aggressiven Schrei oder die provokative Verachtungsgeste der Rand-Gestalten, es hat Masse stets zum erweckenden oder erschreckenden Erlebnis werden lassen. In seinen Inszenierungen hat uns der Geruch der Kreatur auf die Spur sozialer Missverhältnisse gesetzt, die zum Himmel stinken. Aber dass die Masse doch immer Mensch plus Mensch plus Mensch ist und dieser einzelne Mensch in der Masse, im Chor nicht verloren, sondern plötzlich aufgeht – das war außer vielleicht bei den Ex-Häftlingen von »Berlin Alexanderplatz«, ebenfalls an der Schaubühne, in jüngster Zeit bei keinem anderen Lösch-Versuch so deutlich zu empfinden wie jetzt.

Auch wenn die Sexarbeiterinnen sehr unbeschauliche Berichte aus einem harten Behauptungskampf geben: Jeder Blick ins Publikum wirkt wie ein kleines Glück der erhobenen Gesichter, die gerade einen Sieg über das dauerpräsente Klischee-Bild gespreizter Beine feiern.

Das Theater, das Stück? Es findet statt vor einer bühnenhimmelhohen Wand aus Bettkissen. Zuerst ragen Beine heraus. Dann die Frauen ganz, in Kleidern, dezent mit Schamhaarschatten versehen. Sozusagen Zielscheibensignets. Aber die gesamten zwei Stunden über: keine Chance für Voyeure.

Der Chor, in wechselnder Stärke (dirigiert von Bernd Freytag): stets in Frontalposition zum Publikum. Zunächst scheinen die Berichte der heutigen Frauen in fast nichts die Geschichte der Lulu zu streifen: des Wesens, das sich aufreizend durch die Lustprojektionen ihrer Männer lebt, bis sie Lustmordopfer von Jack the Ripper wird. Aber mehr und mehr wirkt die schöne, freie, fragende, ins Schweben verliebte Lulu der Tina Ruland selbst wie eine Frau des Chores, wie eine von der männlich dominanten Realität gnadenlos Vernuttete. Die Männer (Sebastian Nakajew, Felix Römer, David Ruland, Nico Selbach): schwitzende, piepsende, brüllende, tanzbrünstige, gierhechelnde Idioten. Deren einzige Fallhöhe: die Hosenfallhöhe.

Lösch treibt Wedekinds »Monstretragödie« im Hartholzschnitt auf das Schicksal der Nuttenrepublikanerinnen zu; die Striche, die er am Drama macht, führen konsequent auf den Strich. Wenn Lulu ermordet wird, geht es allen Frauen an den Hals, und an der Rampe stehen die Einweckgläser des wahnwitzigen Rippers, gefüllt mit den herausgeschnittenen Geschlechtsteilen seiner Opfer.

Bis die Kissenwand herunterstürzt. Mauerfall der weichen Art. Revolution aus den Betten. Der Chor lächelt jetzt. Ruft augenzwinkernd das Manifest der »Muschi-Partei« aus, fordert die Kultivierung der Lüste, befiehlt schlechte Liebhaber in eine »Sexwork-Akademie«, erklärt das mannsblöde »Schimpansen-Zeitalter« für beendet und verteidigt die Interessen der Frauen, zum Beispiel auch gegen die »Vereinigung nicht-fickfreudiger asexueller Kirchgängerinnen ... Steht auf für ein befriedigtes Deutschland«.

Gewiss nicht der provokativste Versuch von Volker Lösch. Noch wirkt der Chor nervös, man sucht einander nach Halt, die Aufregung wirkt kurios, nämlich: irgendwie jungfräulich. Der Sinn dieser Aufführung liegt klar und deutlich in der Sympathieerklärung für Frauen, die sich hier von einem Ruf befreien, und die Frage lautet plötzlich ganz anders: nicht, wie nuttig sie, sondern – im umfassenden Sinne – diese Republik ist.

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