Unbekannte Rettungsinseln

Viele Kommunen stellen Notunterkünfte bereit. Obdachlose wissen oft jedoch nicht davon

  • Von Romina Kempt, dpa
  • Lesedauer: 2 Min.
In der Vorweihnachtszeit wird wieder mehr an die gedacht, die sonst am Rande der Gesellschaft stehen – Obdachlose. Bahnhofsmissionen und Wärmestuben sind oft die ersten Anlaufstellen. Dennoch wissen viele Betroffene in Sachsen-Anhalt nicht, wo sie übernachten können.

Magdeburg/Halle. Bei klirrend kalten Temperaturen haben es Obdachlose noch viel schwerer als sonst. Eine Nacht auf der Straße kann den Tod bedeuten. Die Kommunen stellen ihnen zwar Schlafplätze zur Verfügung – doch viele Wohnungslose kennen diese Angebote nicht. Und die Zahl der Männer und Frauen ohne Dach über dem Kopf, die in Sachsen-Anhalt Hilfe in Anspruch nehmen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Keine offizielle Statistik

Die ersten Anlaufstellen sind meist die Bahnhofsmissionen in den Stadtzentren. »Obdachlose bekommen bei uns genauso warme Getränke und Decken wie Durchreisende«, sagt Adelheid Bornholdt, Leiterin der Bahnhofsmission in Magdeburg. Bis zu 80 Wohnungslose kommen täglich; oft mehrmals, je nachdem wie sehr die Witterung sie dazu zwingt. Bornholdt meint, dass die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren gestiegen ist.

In Deutschland wird nach wie vor keine offizielle Statistik über Wohnungslose geführt. »Unsere Bitte, eine bundeseinheitliche Berichterstattung einzuführen, ist 30 Jahre unerhört geblieben«, sagt Thomas Specht, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Der Verein kann die Zahl der Betroffenen nur schätzen. Seit dem Jahr 2008 steigen die Zahlen demnach jährlich um fünf bis sieben Prozent. Inzwischen gibt es den Schätzungen zufolge bundesweit 250 000 bis 255 000 Obdachlose. Im Osten der Bundesrepublik ist die Lage jedoch nicht ganz so kritisch wie im Westen.

»Vor gut einer Woche gab es in Sachsen-Anhalt den ersten Erfrierungstoten«, erklärt Frieder Weigmann, Sprecher der Diakonie Mitteldeutschland. Alle Kommunen im Land stellen Notunterkünfte für Betroffene bereit. Den wenigstens seien diese Rettungsinseln jedoch bekannt, so Weigmann. Beispielsweise gebe es in Halle und Bitterfeld ein »Haus der Wohnhilfe«, in Sangerhausen und Wittenberg Notschlafstellen für die Nacht.

Verzweifelte Menschen

Gerade tagsüber, wenn die Nachtasyle geschlossen sind, suchen die Betroffenen in der kalten Jahreszeit Möglichkeiten sich aufzuwärmen. 30 bis 40 Menschen kommen regelmäßig in die »Wärmestube« in Halle, jeder Fünfte hat keinen festen Wohnsitz oder droht ihn zu verlieren. »Menschen, die zu uns kommen, sind in besonderen Lebenssituationen, brauchen Beratung oder schätzen das günstige Mittagessen«, sagt Jutta Schneller, Sozialarbeiterin der »Wärmestube«. Das habe nicht zwangsläufig etwas mit der kalten Jahreszeit zu tun. »Verzweiflung ist das ganze Jahr da, nicht nur im Winter«, unterstreicht Jutta Schneller.

Informationen zu Notunterkünften für Obdachlose in der Region finden sich im Internet unter: diakonie-mitteldeutschland.de

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