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  • Der nächste Castor-Transport ist unterwegs

Die Kernfrage von Lubmin

Wie aus Stolz auf das KKW Greifswald Nachdenken über die Atomkraft wird

  • Von Velten Schäfer, Greifswald
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Greifswalder KKW war zu DDR-Zeiten der Stolz der Stadt – und vor allem der Partei. Erst nach seiner plötzlichen Schließung begann dort ein langsames Umdenken.

Nein: Im »Klex« war Peter Multhauf nicht in den letzten Tagen. In dem Jugendzentrum in der Greifswalder Innenstadt ist in diesen Tagen so etwas wie eine Logistikzentrale des Castor-Protestes, inklusive einer »Jobbörse«, wo man Aufgaben übernehmen kann. Dafür hat der Lehrer im Ruhestand derzeit zu viel zu tun. Gerade wurde Multhauf, als Delegierter des berühmten Wende-Sonderparteitages, Vorsitzender der Ortsteilvertretung in Schönwalde I/Südstadt und Mitglied der Bürgerschaft seit 1990 ein Urgestein der Greifswalder PDS, mit 19 zu 22 Stimmen aus dem Aufsichtsrat des Theaters Vorpommern gekegelt. Die Zeitung meldet es auf der ersten Seite, gleich neben Silvio Berlusconi.

»Aber das wäre ein anderes Thema«, sagt Multhauf. Heute soll's um Kernkraft gehen, und da ist seine Position sehr klar: Die Probleme überwiegen, sagt er, gerade auch die Endlagerfrage, »und

mehr Arbeitsplätze entstehen durch alternative Energien«. Dann zeigt der Lokalpolitiker, Jahrgang 1944, eine Postkarte, auf der sogar

Caspar David Friedrich gegen den Castor protestiert. Eine Freundin hat sie hergestellt, Multhaufs Beitrag besteht darin, dass er jahrelang für das abgebildete Denkmal des in Greifswald geborenen Malers gekämpft hat.

Das Motiv gefällt ihm sichtlich, und auch sonst gibt es keinen Grund daran zu zweifeln, dass Peter Multhauf ein Atomkraftgegner ist. Wie so viele andere aus der Partei, deren ganzer Stolz bis 1990 das Kernkraftwerk »Bruno Leuschner« in Lubmin war. »Das ist schon Linie, aber ohne Druck«, versichert Peter Multhauf. Um umstandslos darüber zu sprechen, welch Segen das Kraftwerk seinerzeit für die Stadt gewesen sei.

So viel Widerspruch muss man in Greifswald schon aushalten. Multhauf, 1964 aus Thüringen gekommen, hat alles hautnah erlebt. Als Geschichts- und Sportstudent war er zunächst in einer Baracke untergebracht. Um 1967/68 gab es Gerüchte – und bald wurden gegenüber die ersten Blöcke hochgezogen, »mit Fernheizung und allem«. Die Stadt, zuvor unbedeutend mit ihrer kleinen Uni, wuchs von 50 000 auf 70 000 Einwohner. Mit Schönwalde I und II sowie dem Ostseeviertel entstanden neue Stadtteile, Kulturhaus und das Stadion waren KKW-Sache, selbst die Fußballmannschaft des KKW Greifswald schlug sich um Ligen besser als heute. »Für die Frauen der Kernkraftwerker«, zählt Multhauf auf, »wurde das Nachrichtentechnikwerk gegründet, dessen Reste heute zu Siemens gehören. Und Ende der 80er Jahre gab es West-Kabelfernsehen in den Neubauvierteln der Kernkraftwerker.«

Dass es schon in diesen Jahren, spätestens nach Tschernobyl, Kernkraftgegner in der Stadt gegeben hat, zunächst in kleinem kirchlichen Rahmen, hat Peter Multhauf damals nicht wahrgenommen. Richtig verstanden hätte er es auch nicht. Die DDR lag unter den Kernkraftnationen auf dem siebten Rang, die Lubminer Werker galten als Helden seit dem Katastrophenwinter 1978/79. So war Multhauf auch sicher nicht unter denen, die in der Wendezeit gegen das Kraftwerk demonstrierten. Noch heute klingt Leidenschaft durch, wenn er unterstreicht, »dass jetzt auch die Grünen sagen, dass die Sicherheitsstandards in Greifswald nicht schlechter waren als im Westen«.

Doch die Ereignisse überschlugen sich. Ehe Gelegenheit bestand, sich über Grundsätzliches zu verständigen, hatten sich bereits die Folgen der Schließung auf die Agenda gedrängt – zunächst sehr elementare Dinge wie der Ersatz der Fernwärme in mehreren Stadtteilen. Erst nach und nach, als sich der Rauch der Wende verzogen hatte, reichte die Zeit, sich eingehender mit dem Thema zu befassen, sagt Multhauf. Mit den Halbwertszeiten von Atommüll, auch mit der Art, wie Tschernobyl im Osten heruntergespielt wurde. Natürlich spielte eine Rolle, dass ein Atommüllstandort die Nachteile dieser Technologie so drastisch vor Augen führte. Auch ein gewisses Revanchegefühl mag es anfangs gegeben haben: Jetzt schalten wir den Wessis eben auch die Kraftwerke ab. Irgendwann war der »Seitenwechsel« einfach komplett. »An einen richtigen Knick« in seiner Meinung kann er sich aber nicht erinnern.

Ob inzwischen alle so denken in der Partei? Der eine oder andere, lacht Multhauf zum Schluss, hat da auch mal eine abweichende Meinung – wie er selbst ja auch oft genug. »Wir zerruppen deswegen niemand.« Der jetzige Transport aber, da ist er sich sicher, wird von fast allen zutiefst abgelehnt. »Hier geht es um Wortbruch«, sagt Multhauf. Selbst die früheren Kraftwerker in der Partei hätten zum Demonstrieren aufgerufen. Und das, sagt Peter Multhauf vielsagend, wolle schon was heißen.

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