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Die Ideen leben weiter

Klemens Ludwig über das weibliche Ferment im Bauernkrieg

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Abb.: Buchcover
Abb.: Buchcover

Wer Publikationen zur Geschichte des deutschen Bauernkriegs der Jahre 1524/25 zur Kenntnis nimmt, wird leicht feststellen: der »gemeine Mann« dominiert das Geschehen. Übersehen wird zumeist, dass es den Frauen oblag, den Hof, das Vieh und das Feld zu besorgen, wenn die Männer sich einem Haufen der Aufständischen anschlossen. Nicht auszuschließen ist zudem, dass im einen oder anderen Fall auch Frauen mit ihnen zogen. Namentlich bekannt ist indes nur eine: Margarethe Renner aus Böckingen bei Heilbronn. Die wenigen überlieferten Quellen, die Auskunft über sie geben, charakterisieren sie als gewalttätig und blutrünstig, und Historiker sind diesem Bild lange Zeit willig gefolgt: der liberale Wilhelm Zimmermann im 19. Jahrhundert ebenso wie Günther Franz im 20. Jahrhundert. Für letzteren war sie die »Ratgeberin« der Hauptleute Jäcklein Rohrbach und Endres Remy »und vielleicht auch ihr böser Geist«.

Nun hat der Schriftsteller und Publizist Klemens Ludwig einen neuen Zugang zu dieser bemerkenswerten Frau gesucht. Der Autor ist bekannt durch seine zahlreichen Sachbücher über Tibet und andere asiatische Regionen sowie das Baltikum. Er bereiste diese Länder und interessierte sich vor allem für die Probleme nationaler und religiöser Minderheiten. Nun liegt ein lesenswerter historischer Roman aus seiner Feder vor. Den Schlüssel, warum er sich einer Gestalt der Bauernkriegszeit zuwandte, lieferte er in einem Interview: Ihn interessieren die Verlierer der Geschichte mehr als die strahlenden Gewinner.

Zu den Verlierern zählte am Ende Margarethe Renner, die Tochter eines Leibeigenen. Aber was führte sie an die Seite der Aufständischen? Obwohl deren Aktionen in und um Heilbronn quellenmäßig gut belegt sind und Ludwig aufgrund eingehender Recherchen diese – den ermittelten Tatsachen folgend – zuverlässig nachzeichnet, bleibt die Gestalt der »Hofmännin« (so genannt, weil sie die Frau eines zu Diensten verpflichtenden Hofmanns war) weithin im Dunkel. So bieten die Lücken in den Quellen dem Autor den Freiraum, das Bild einer Frau zu zeichnen, das fiktiv ist, aber der Wahrheit nahe kommen könnte.

Er führt Margarethe als eigenwilliges junges Mädchen vor, das von frühen Erlebnissen geprägt wird. Sie verliert ihren (als Romangestalt erfundenen) jungen Bruder durch herrschaftliche Willkür und ihren Ehemann, der dem Heilbronner Rat, als dieser Steuern erhöht, die Zahlung verweigert, ins Gefängnis geworfen wird und nach der Freilassung das dort Erlebte nicht verdrängen kann. Andererseits hört sie von Joß Fritz, dem legendären Anführer der Bundschuhverschwörungen, und sie will es ihm gleichtun. Diese Erfahrungen führen sie an die Seite derer, die Abgaben verweigern und zum Widerstand gegen die Obrigkeiten bereit sind, und sie zieht mit den Aufständischen, als es zu offenem Aufruhr kommt.

Das alles wird in einer verständlichen, schnörkellosen Sprache spannend erzählt. Der Leser erhält Einblicke in den bäuerlichen Alltag, erfährt manches über die Motive für den Widerstand der Böckinger, über die Meinungsverschiedenheiten unter den Aufständischen. Noch einmal sei es gesagt: Es handelt sich um einen Roman, und nicht jedes Detail mag stimmig sein. Doch beim Leser verfestigt sich der Eindruck: So könnte es gewesen sein. Margarethe ist hier nicht das zum Blutvergießen auffordernde, Recht und Gesetz verachtende böse Weib. Sie tritt vielmehr mäßigend auf, ohne die Sache aufzugeben, für die sie streitet. Für ein solches Charakterbild spricht, dass sie offenbar nach der Niederlage der Aufständischen nicht – wie viele andere – belangt und bestraft wurde. Als ihr Leibherr Güte walten lässt und sie freigibt, heißt es im Roman: »Margarethe schwindelte ein wenig bei dem Gedanken, dass sie womöglich die Einzige von allen war, die ein Leben in Freiheit und Würde erreicht hatte, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie sie es gestalten sollte.«

Ja, sie gehörte zu den Verlierern der Geschichte. Und da sie nach der Niederlage noch einige Jahre lebte, mag es für sie schmerzhaft gewesen sein, dass die alten Herren nun wieder Herren waren, nachdem eine kurze Zeit ihre Herrschaft ins Wanken geraten war. Aber Ideen leben auch nach Niederlagen weiter. So endet der Roman denn auch mit einer Traumvision: In einer Kathedrale findet Margarethe viele Menschen versammelt. »Ohne irgendwelche Standesunterschiede zu beachten, standen von der Sonne gebräunte Bauern in schmutziger Arbeitskleidung neben blassen, feinen Adelsdamen in ihrer vornehmsten Ausgehtracht; Alte und Kinder, Gelehrte und Ungebildete, reiche Kaufleute und abgerissene Bettler sagten vereint das Lob Gottes, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Und mit der gleichen Selbstverständlichkeit streckten sich Margarethe zahlreiche Hände entgegen, um sie in den Kreis aufzunehmen. ›Alle sind gleich vor Gott, so lehrt es die Bibel‹, strahlte sie eine adelige Dame an. Margarethe liefen die Tränen, und ein Bauer wischte sie mit einem Tuch weg.«

Vielleicht klingt das zu banal, um dieser Frau gerecht zu werden. Als Margarethe erwacht, bedauert sie, dass es nur ein Traum war. Immerhin: Hier wird versucht, einer Vergessenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Klemens Ludwig: Die Schwarze Hofmännin. Ein Bauernkriegsroman. Verlag Josef Knecht im Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2010. 340 S., br., 9,95 €.

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