Von Katja Herzberg

Verwaiste Bahnhöfe, volle Straßenbahnen

Einstellung des S-Bahn-Verkehrs an der Stadtgrenze trifft erneut besonders die Pendler

Kein Zug, nirgends – am S-Bahnhof Hohenschönhausen
Kein Zug, nirgends – am S-Bahnhof Hohenschönhausen

Gibt es ersatzweise Busse? Kann ich auf die U-Bahn oder Straßenbahn ausweichen? Wie viel mehr Zeit benötige ich für den Arbeitsweg? Diese Fragen stellten sich die Kunden der S-Bahn am Montagmorgen an Endhaltestellen. Denn auf vier Streckenabschnitten stellte die S-Bahn den Verkehr am Sonntag für unbestimmte Zeit ganz ein. Die abgesperrten Bahnhöfe blieben unbeachtet. Stattdessen drängelten sich die Menschen in Straßenbahnen und Busse.

Verwaiste Bahnhöfe, volle Straßenbahnen

Später, als die Züge nicht mehr ganz so voll waren, machte sich dagegen Gelassenheit breit. Liebevoll wurde in der M 17 ein nervöser Hund von in den Gängen stehenden Fahrgästen gestreichelt, Mathematik-Nachhilfe gegeben oder einfach ein neues Buch gelesen. Die Berliner haben sich scheinbar mit ihrer unzuverlässigen S-Bahn abgefunden.

Das neue Jahr begann damit am Montag für viele Arbeitnehmer und Schüler wie das alte endete. Für einige Bahnfahrer kam es mit dem Aussetzen des S-Bahn-Verkehrs sogar noch schlimmer. An 19 S-Bahnhöfen der Linien S 75 zwischen Wartenberg und Springpfuhl sowie zwischen Spandau und Westkreuz, der S 25 zwischen Henningsdorf und Schönholz sowie der S 5 von Strausberg nach Strausberg Nord mussten sich die Fahrgäste erst einmal neu orientieren.

Auch der Lichtenberger Bezirksstadtrat Andreas Geisel (SPD) ärgerte sich über die neuerlichen Beeinträchtigungen bei der Berliner S-Bahn. In seinem Bezirk wurde kein Bus-Ersatzverkehr eingerichtet, ebenso nicht auf dem Streckenabschnitt zwischen Westkreuz und Spandau. Die S-Bahn riet stattdessen, auf die Straßenbahnlinien M 17 und M 4 auszuweichen. Sie verkehrten am Montag wie üblich alle zehn Minuten, benötigen jedoch deutlich länger als die S-Bahn. Für Geisel ist dies keine Alternative. »Die Zahl der Fahrgäste in Hohenschönhausen ist so groß, dass dieses Versorgungsangebot keinesfalls ausreicht«, erklärte der Bezirksstadtrat, der selbst am Morgen in einer »kuschlig warmen« Tram fuhr. Er fordert kurzfristig eine Taktverdichtung der Tramlinien und zusätzliche Regionalzüge, die am Bahnhof Hohenschönhausen halten sollten. Außerdem kritisierte er die Fahrpreiserhöhung, die seit dem 1. Januar wirksam ist. Sie sei derzeitig »völlig ungerechtfertigt«.

Doch nicht nur die Berliner Randgebiete sind von den lahmgelegten Streckenabschnitten betroffen. Die Brandenburger Regionen seien »nahezu abgekoppelt«, sagte die verkehrspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Brandenburger Landtag, Kornelia Wehlan. Für die Pendler aus Henningsdorf und Strausberg Nord wurde zwar ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet. Doch viele Bahnfahrer seien sauer und würden nun wieder auf das Auto umsteigen, vermutet Wehlan. Kurzfristig sieht sie keine Möglichkeit, die Situation zu verbessern. Die S-Bahn hätte frühzeitig reagieren müssen. Schließlich seien die Probleme bei Wartungsarbeiten und der Personalmangel bereits aus dem letzten Winter bekannt gewesen.

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