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Eingebung dank einem Kater

Grabung III – Archäologische Funde von Karthago bis Alaska

Was bleibt nach dem Tode? Diese Frage beschäftigt nicht nur Philosophen, sondern auch Archäologen. Und es sind nicht nur der Parthenon in Athen, die Ruinen von Machu Picchu oder die Goldschätze aus Troja und die des Tutenchamun, sondern zumeist eher die kleinen, unspektakulären Funde und Beobachtungen, durch die der Alltag der Menschen einst, ihr Leben und ihr Tod, wie in einem großen Puzzle rekonstruiert werden kann.

Die Archäologin Angelika Franz schreibt seit vielen Jahren für »GEO«, »ZEIT« und »SPIEGEL« über diese aufregende Spurensuche. Sie berichtet über Grabungen zwischen Nord- und Südpol, von der Steinzeit bis in die heutigen Tage. Nunmehr hat sie 40 Reportagen gebündelt herausgegeben.

Paul Gauguin kam 1901 auf die Marquesas-Insel Hiva Oa, erbaute sich ein Haus und lebte hier bis zu seinem Tode 1903. Hernach warfen die neuen Besitzer des Anwesens den unverkäuflichen Teil seines Hausrates in einen Brunnen, der 100 Jahre später, beim Bau eines Kulturzentrums, wieder ausgegraben wurde und einiges über den Maler verriet. Alkoholflaschen bezeugen dessen Vorliebe für Absinth. Mit einer Flasche französischen Parfums hatte er wohl die Gunst einer Inselschönheit erlangen wollen. Eine Dose mit Tigerbalsam diente der Schmerzlinderung. Spritzen und Fläschchen mit Morphium weisen auf seine Syphilis hin. Man fand auch Farbreste, die Gauguin in einer Kokosnussschale selber mischte – Zeugnisse aus dem Alltag eines Künstlers.

Auf Irland gibt es über 4500 flache Erdhügel, die fulacht fiadh, aus der Zeit zwischen 1500 und 500 v. Chr. In der Mitte weisen alle eine Grube respektive einen Trog auf, umgeben von hufeisenförmig gesetzten Steinen. Über die Funktion der Anlagen gab es unterschiedliche Meinungen: Handelte es sich um Dampfbäder, Koch- oder Produktionsstätten zum Gerben oder Schmieden? Eines Morgens schließlich hatte ein Archäologe im Ergebnis eines schlimmen »Katers« die entscheidende Eingebung: Könnte es sich hier nicht um bronzezeitliche Bierbrauanlagen handeln? Der Wissenschaftler experimentierte – und heraus kam ein kupferfarbenes, süffiges Ale.

»Nichts für schwache Nerven« überschreibt die Autorin die Geschichte über einen Tatort in der Steinzeit, im pfälzischen Herxheim. Dort fand man sorgfältig abgeschabte Knochen von über 500 Menschen, vom Baby bis zum Greis, die aus dem weitläufigen Gebiet zwischen Seine, Elbe und Donau stammten. Nichts deutete auf ein Massaker oder eine Seuche hin. Die Menschen waren kerngesund gewesen und wiesen keinerlei Kampfverletzungen auf. Die Toten waren fachmännisch zerlegt und wie für eine Speise zubereitet worden. Wenn auch schwer vorstellbar, so waren doch diese Menschen um 5000 v. Chr. freiwillig in die Pfalz gepilgert, um dort als rituelle Opfer zu dienen. Dahingegen räumte die Untersuchung von 348 Urnen auf einem Friedhof in Karthago mit der von römischen Geschichtsschreibern überlieferten Mär auf, die Karthager hätten ihrem Gott Baal-Hammon Kinderopfer dargebracht. Bei den Bestatteten handelte es sich um Totgeburten oder kurz nach der Geburt verstorbene Säuglinge – ein Beweis für die hohe Kindersterblichkeit in der Antike. Hier haben wir es also nicht mit einem karthagischen Kindermord zu tun, sondern einem römischen Rufmord.

Angelika Franz klärt u. a. auch das Geheimnis der aztekischen Kristallschädel auf, mit deren Hilfe »Indiana Jones« in seinem bislang letzten Film die Welt rettete. Die Azteken benutzten echte Totenschädel oder schnitten Schädel aus Basalt. Kristallschädel wurden für europäische Sammler im 19. und 20. Jahrhundert angefertigt.

Ein spannendes Buch, nicht nur für Archäologen.

Angelika Franz: Der Tod auf der Schippe oder Was Archäologen sonst so finden. Konrad Theiss Verlag. 176 S., kart., 14,90 €.

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