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Verlorenes Spiegelbild

Das Hebbel am Ufer bietet »Hoffmanns Erzählungen« der frischen Art

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Jacques Offenbachs »Les Contes d’Hoffmann« ist ein Spielplatz für Regisseure. Als der Komponist 1880 starb, hatte er von seinem 102. Bühnenwerk nur den Klavierauszug fertig. Auf Wunsch der Familie besorgte ein Freund die Instrumentation, beließ die Dialoge in Prosa. So erlebte die Oper 1881 an der Pariser Opéra Comique ihre applaudierte Uraufführung, musste seither viele Eingriffe erdulden.

Auch Jules Barbier hatte sein Libretto aus verschiedenen literarischen Quellen E.T.A. Hoffmanns gefügt und machte den Dichter der deutschen Romantik zum Titelhelden einer französischen Oper, in der es um Liebe geht und den Fluch, den falschen Verlockungen zu erliegen. Tiefenpsychologisch bedeutet das, männliches Fehlverhalten den Frauen unterzuschieben. Auch Florian Lutz sieht das so und stellt, nach etwa Felsensteins Opernerfolg von 1958 oder Schillings Ballett von 1983 – beides für die Komische Oper – nun »seinen« Hoffmann auf die Szene des Hebbel am Ufer.

Dort spielt der Prolog vor der Rückwand der Kulisse eines Theaters auf dem Theater und inmitten von Bühnenarbeitern. Als Projektion sieht man das Halbrund der Ränge, hört den Applaus. Ein Glaskasten ist Garderobe, dann Olympias Kabinett und Beobachtungsstand ihrer Partygäste, schließlich Antonias Welt und hängender Käfig über Giulietta.

In dieser Reihenfolge laufen die Liebesepisoden, von denen der deprimierte Dichter seinen trinkfrohen Zuhörern erzählt. Das tut er nach deutschem Text von Janka Voigt und Hans Loewenfeld, der heutiger Sprache auf der Spur ist, und in Rainer Killius’ starker musikalischer Bearbeitung. Zu Hoffmanns Lied von Klein-Zack tanzen alle wild, bis er sich in Fantasien über Primadonna Stella verliert: Sie gastiert triumphal in dem Theater, um sie, seine alte Flamme, leidet er derzeit, in ihr spiegeln sich die drei verflossenen Geliebten.

Ein weißes Tuch überdeckt die Dekoration, gibt den Glaskasten frei, in dem Olympia für ihr Debüt geschmückt wird, während ihr »Vater« und Coppelius um die Bezahlung der Augen für die Puppe streiten. Man bewundert das Mädchen, debattiert über C.G.Jung und Freud. Zu Querflöte und Synthesizer singt Olympia ihre Arie, kippt ab, wird mit riesigem Luftballon aufgerichtet. Nur »Ja« kann sie sagen und bezirzt Hoffmann dennoch. Die Wendung bringt Coppelius, der sein Geld nicht bekam, weil – aktueller Bezug – die Bank bankrott ist: Mit der Axt, die er Olympia reicht, schlägt die mechanisch erhitzte Puppe alle Gäste in die Flucht. Aus Stellas Vorstellung tönt dazu Beifall. Die anderen Episoden lässt Lutz nach der Pause durchlaufen.

Gebündeltes Licht im Nebel umhüllt geheimnisvoll die Szene der lungenkranken Antonia. Hinter einer Jalousie hält der Vater sie gefangen, will sie vom Gesang abhalten. Fügt sich Hoffmann, der ihr einst ein Liebeslied geschrieben hatte, in dies triste Los, entfacht Doktor Mirakel, die andere Seele in ihrer Brust, die Sangeslust des Mädchens neu, indem er die Stimme der Mutter aufbietet. Mit ihr geht Antonia ins Theater und ins Verderben.

Dramatisch packend legen Lutz und freilich Offenbach an, wie Ehrgeiz die Liebe besiegt. Was meist Mittelteil der Oper ist, Hoffmanns Begegnung mit Giulietta, bildet hier das Finale. Vor gemaltem Venedig-Imitat begleiten auf drehender Bühne bucklige Musiker in Weiß unter Blondperücke gesungenen Barcarole-Pop, das Fest in seinem Reich dominiert, der prügelstarke, affenartig behaarte Schlemihl. Dapertutto, hier ohne Spiegelarie, hetzt dessen müde Geliebte Giulietta auf Hoffmann, der sein Spiegelbild verliert und Schlemihl tötet. Giulietta ist da längst hohnlachend auf der Flucht mit Dapertutto. Auch Stella verlässt brüskiert am Arm Lindorfs den Dichter. Am Ende senkt sich die Scheinwerferbrücke, wird die Bühne abgebaut. Ob Hoffmann, Punsch vom Fass süffelnd, geheilt ist, bleibt offen.

Wem der Abend gehört, indes nicht: Yuka Yanagihara brilliert in allen vier Frauenparts mit großer Stimme, sauberen Koloraturen und Spielintensität. »Hoffmann« Jens Krogsgaards leuchtender Tenor litt noch unter einer Erkrankung; Tye Maurice Thomas als Dämon und Martin Gerke als Vater bleiben im Gedächtnis. Zehn Sänger, Studenten, Absolventen, Wettbewerbsgewinner, bestreiten die Produktion der frischen Art, die Niklaus’ Warnungen nur als Flüsterstimme hören lässt, mehrfach zu bloßer Klavierbegleitung läuft und vom Berliner Symphonie-Chor sowie -Orchester unter Barbara Rucha mitgetragen wird.

Wieder 7., 9., 11.1., 19.30 Uhr, Hebbel am Ufer, Stresemannstr. 29, Kartentelefon 25 90 04 27, Infos unter www.hebbel-am-ufer.de

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