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Warum der Markt kein Öko wird

Konsumieren statt reparieren – denn der Euro muss rollen. Rollen. Rollen!

Der Kapitalismus liefert uns in der Regel Produkte, die nicht wirklich langlebig sind. Sogar der als wirtschaftsliberal bekannte Ökonom Meinhard Miegel wettert gegen »Ex-und-hopp-Mentalität« und »ressourcenvergeudende Wirtschaftsformen«. Wohlfeile Worte!
Der Film »The Story of Stuff«
Der Film »The Story of Stuff«

Planwirtschaft bizarr: Menschen müssen im festen Takt – nämlich alle zwei Jahre! – ein neues Produkt erwerben. Ob sie es brauchen oder nicht. Zum Wohlverhalten bewegt werden sie mit »sanftem Druck«. Wer die wirtschaftlich Unfreien sind? All jene Menschen, die einen Handyvertrag abschließen. Mit ihrer Grundgebühr stottern sie bekanntlich auch das Mobilfon ab. Nach zwei Jahren schließlich haben sie das »Anrecht«, ein neues Gerät einzufordern. Gewiss, sie können darauf verzichten, dieses Recht in Anspruch zu nehmen. Doch auch dann blechen sie weiter. In gewohnter Manier. Und zwar für das alte Abbezahlte...

So kann man natürlich künstliche Nachfrage schaffen: Kauf, auch wenn wir in den letzten beiden Jahren nur Pseudoinnovationen vollbracht haben! Nimm das – und denk nicht an Rohstoff- und Energieverschwendung, an Abraumhalden, an Elektroschrott, an Bürgerkriege für den Rohstoff Coltan!



Ich kenne einen älteren Herrn, der noch immer mit seinem allerersten Bundespost-Telefon aus dem Jahre 1958 telefoniert. »Warum sollte ich mir denn ein Neues kaufen?«, fragt er in kölschem Idiom. Technischen Schnickschnack brauche er nicht. »Ich will nur telefonieren!«. Recht hat er: Viel mehr Sinnvolles können auch die High-Tech-Geräte unserer Tage nicht ermöglichen. Dafür sind sie erheblich komplizierter, weil mit überflüssigen Funktionen gespickt. Und – sie kosten Geld.



52 Jahre mit ein und dem selben Telefon – das mag ein Einzelfall sein. Doch Fakt ist: Während man heute seine Festnetzapparate permanent austauschen muss (nach meiner Erfahrung auch annähernd im Zwei-Jahres-Takt!), weil sie kaputt gehen und für eine Reparatur kein Ansprechpartner zur Verfügung steht, zeichneten sich die alten Telefone der westdeutschen Bundespost durch äußerste Langlebigkeit aus. Mitten im Kapitalismus.

Dafür gibt es einen simplen ökonomischen Grund: Für die Bundespost hätten sich kurzlebige Geräte nicht gerechnet. Das damalige Staatsunternehmen vermietete die Apparate größtenteils, hatte also kein Interesse an kostenintensiven Reparaturen. Hinzu kam die Marktmacht des Noch-Monopolisten. Unter dem Strich setzte die Bundespost halbwegs gescheite Technik-Standards auf hundert Prozent des Noch-nicht-Marktes.

Auf ungezähmten Märkten gelten andere Regeln: Wenn in 52 Jahren lediglich ein Telefon pro Nase verkauft wird, klingelt die Kasse auch nur einmal. Das ist ein bisserl wenig – zumindest aus Sicht von Händlern und Herstellern. Das Prinzip gilt natürlich nicht für Telefone, sondern für die meisten anderen Waren. Genau genommen sollen nur noch AKWs Jahrzehnte lang in Betrieb bleiben. Selbst jene Schrottreaktoren, die besonders viel Gewinn abwerfen, weil sie längst abbezahlt sind. Ansonsten ist die Kurzlebigkeit Programm.



Schöner Begriff: Geplante Obsoleszenz. Heißt: Produkte werden nicht obsolet, also ungebräuchlich, weil objektiver Fortschritt Bewährtes durch Besseres ersetzt oder weil der Kunde es so beschließt. Nein, der Hersteller will es so – oft im Rahmen einer klaren Produktstrategie. Bewusst werden Schwachstellen eingebaut. Das Gerät »altert« künstlich – und muss durch ein Neues ersetzt werden.

Geplante Obsoleszenz definiert die Filmemacherin Annie Leonhard als »produziert für die Müllhalde«. Auch ansonsten beschreibt ihr Dokumentarfilm »The Story of Stuff« (»Die Geschichte des Krams«) unsere Wirtschaft als eine ziemlich irrationale Veranstaltung. Zehn Jahre lang hat Leonard recherchiert, um eine simple Frage zu beantworten: »Wo kommt das ganze Zeug eigentlich her?« Und: Wo geht es hin? 99 Prozent aller Rohstoffe würden binnen sechs Monaten zu Müll, zumindest in den USA. Der Konsum bestimme als Ritual unser Leben. Güterproduktion nebst ihrem Anhängsel, dem Konsum, hätten absoluten Vorrang. Die ganze Veranstaltung gehe auf Kosten der Gesundheit, der Umwelt, des Klimas, der Konsumenten und der »Dritten Welt«.

Es sei die »Profit-Motivation«, das uns zu überbilliger, schwer zu reparierender und kaum aufrüstbarer Technik geführt habe, glaubt Leonhard. Der Film ist manchmal etwas plakativ, Leonhard argumentiert mitunter naiv, gleichwohl faktengesättigt.



Solche »Ex-und-Hopp-Mentalität« ruft jetzt sogar Meinhard Miegel auf den Plan, den durchaus nicht einflusslosen Ökonomen und wirtschaftsliberalen Sozialstaatsgegner. »Ohne Zweifel« hätten wir, auch was Ressourcen-Verbrauch und Schadstoff-Eintrag betrifft, »über unsere Verhältnisse gelebt«, sagte Miegel unlängst im Interview mit der Zeitschrift »Ökotest«. Doch seien wir gezwungen, auf »ressourcenvergeudende Wirtschaftsformen zu verzichten«, bewegten uns deshalb von der »ressourcenintensiven Produktionswirtschaft zur arbeitsintensiven Reparaturwirtschaft«. Er sieht also eine Wiedergeburt der menschlichen Arbeitskraft in den Industrieländern. Denn Arbeit werde, dank steigender Rohstoffpreise, relativ preiswert. Sein Lamento (Mehr Lohnverzicht!) täte in diesem Modell ein Übriges...



Wird der Markt also ein Öko, wie Miegel glaubt? Eher nicht. Selbst die politisch konservative und wirtschaftsliberale »Frankfurter Allgemeine« zitiert mitunter Experten, die der Elektrochip-Industrie bescheinigen, sie orientiere »vor allem am Massenmarkt schnelllebiger Wegwerfware wie Computer oder Handys«. »Wie macht man Wegwerfware haltbar?«, fragt das Blatt, wenn auch nur bezogen auf »langlebige Maschinen« wie Autos, Gabelstapler und Fertigungsanlagen. Viele Ersatzteile seien nur wenige Jahre lieferbar, so die FAZ. Chips werden möglichst billig hergestellt, die Nachrüstung wird teuer. Ebenso teuer ist es, alte, passende Chips aufzubewahren – und die Lagerung habe einen »schwerwiegenden, wirtschaftlichen Nachteil«, so die FAZ unter Berufung auf einen Bosch-Vorstand: »Das Kapital ist lange gebunden und verzinst sich erst beim Verkauf des Ersatzteils.« Schon baut die Bensheimer Firma HTV Bunker. Das Ziel: Ersatzteile zeitnah und langfristig einlagern. Gegen Bezahlung, versteht sich.

Doch auch solche bizarr anmutenden Maßnahmen beseitigen nicht das grundsätzliche Problem: Privatwirtschaftliche Unternehmen wollen und müssen Umsatz und Gewinn machen. Heute, morgen, übermorgen. Das funktioniert – vereinzelte Ausnahmen bestätigen die Regel! – nicht mit allzu haltbaren Produkten.

Surftipps:

Der Film »The Story Of Stuff« (deutsche Version)

www.storyofstuff.com Die Webseite zum Film

»Das SPRUKO-Prinzip«, Weblog zur Kritik des »Hauptsache billig!“-Kapitalismus

FAZ-Artikel »Wie macht man Wegwerfware haltbar?«

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