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Exportschlager aus alten Reifen

»Arme-Leute-Schuhe« aus Äthiopien: Arbeit statt Entwicklungshilfe

  • Von Philipp Hedemann, Addis Abeba
  • Lesedauer: 4 Min.
Als die Rebellen 1991 in Addis Abeba einmarschierten, trugen viele von ihnen Sandalen aus alten Lastwagenreifen. Heute können sich die meisten Äthiopier diese Sandalen nicht mehr leisten. Eine findige Unternehmerin hat die Arme-Leute-Schuhe zu einem Exportschlager gemacht.
In der kleinen Manufaktur am Stadtrand Addis Abebas herrscht Hochbetrieb. Morgen müssen 1500 Paar Schuhe rausgehen. Der Internetversand Amazon hat sie bestellt, Nachschub für den Schuhmarkt der USA. Bethlehem Tilahun Alemu nimmt ein Paar rote Hausschuhe, zerrt an Stoff und Sohlen. Die Nähte halten, die Chefin ist zufrieden. »Das Internet hilft uns, die Nachfrage in Echtzeit zu erfassen und zu bedienen. Aber wenn die Qualität nicht stimmt, bringt es auch nichts, wenn die Schuhe vier Tage nach Bestellung in New York sind.«

Bis zu 500 Paar Schuhe können ihre Arbeiter pro Tag herstellen. Rund 55 000 Paar verließen die Manufaktur, seit Alemu die Firma SoleRebels vor fünf Jahren gegründet hat. SoleRebels konnte den Umsatz Jahr für Jahr steigern, blieb stets in der Gewinnzone. In diesem Jahr will sie 1,2 Millionen Euro Umsatz und bis zu 120 000 Euro Gewinn machen. »Ich habe hier vor fünf Jahren mit fünf Leuten angefangen, heute beschäftige ich 75 Menschen«, betont Alemu. Wenn man die Zulieferer mitrechnet, leben sogar 225 Menschen von den Reifen-Schuhen.

Über 200 verschiedene Flip-Flops, Sandalen, Sneakers, Schiffsschuhe, Slipper und Hausschuhe hat die Manufaktur im Programm – die Kollektion wächst unaufhaltsam. Jeder SoleRebel ist ein Unikat. Nur dass der Träger auf Lastwagenreifen geht, die schon Tausende Kilometer zurückgelegt haben, ist bei jedem SoleRebel gleich. »Äthiopien ist ein armes Land. Hier wird nichts weggeworfen. Alles wird immer und immer wieder verwertet, auch Lastwagenreifen«, sagt die Firmenchefin.

Die meisten ihrer Arbeiter tragen billige Plastikschuhe aus China. Die SoleRebels sind für den äthiopischen Markt zu teuer. 95 Prozent gehen in den Export. Begünstigt durch den »African Growth and Opportunity Act«, landen 75 Prozent zollfrei in die USA, 10 Prozent in Japan. Wer die Designerstücke in einer Boutique kauft oder über Amazon bestellt, zahlt zwischen 12 und 45 Euro, inklusive Versand. Da keine weiteren Händler zwischengeschaltet sind, bleibt der Großteil des Gewinns in Äthiopien. Alemu: »Demnächst sollen unsere schicken Ökoschuhe, die zwischen 30 und 50 Euro kosten, über den Internetvertrieb spartoo auch in Deutschland erhältlich sein.«

»Seit meiner Kindheit habe ich gesehen, wie Hilfsorganisationen Milliarden Dollar nach Äthiopien gepumpt haben«, sagt Alemu. »Aber wir sind immer noch ein armes Land. Entwicklungshilfe kann kurzfristig die schlimmste Not lindern, aber sie wird keinen langfristigen Aufschwung schaffen. Wir müssen endlich verstehen, dass wir unsere Probleme nur lösen können, wenn wir beginnen, hochwertige Produkte statt Rohstoffe zu exportieren«, fordert die Unternehmerin, die nach ihrem Wirtschaftsstudium kurz beim Deutschen Aussätzigen-Hilfswerk in Äthiopien gearbeitet hat. Nach ihrer Meinung hat sich seit der Hungersnot von 1984 und 1985 fast eine ganze Generation auf Hilfe von außen verlassen. Das habe Spuren hinterlassen. »Anfangs hatten wir große Probleme mit der Disziplin. Die Angestellten kamen, wann sie wollten. Aber mittlerweile haben wir das im Griff. Es erfüllt unsere Leute mit Stolz, dass sie nicht bei Hilfsorganisationen um Almosen bitten müssen. Außerdem bekommen sie ihr Gehalt auch, wenn die Industrieländer die Entwicklungshilfe kürzen.«

Zwischen 300 Birr (18 Euro) für Auszubildende und 4000 Birr plus Krankenversicherung zahlt die Unternehmerin ihren Angestellten, zudem übernimmt sie für die Kinder ihrer Arbeiter die Kosten für Schuluniformen und Unterrichtsmaterialien. Die Löhne liegen 230 Prozent über dem Durchschnitt. »Für äthiopische Verhältnisse zahlt SoleRebels hervorragend, die Arbeitsbedingungen sind im Vergleich zu anderen Fabriken sehr gut«, sagt Gerd Ladstätter, bis vor kurzem Wirtschaftsexperte des Deutschen Entwicklungsdienstes in Äthiopien. Die Firma habe Zukunft.

Dass der Erfolg nicht auf Kosten der Arbeiter geht, hat sich herumgesprochen. Die Mode-Bibel »Marie Claire« berichtete über die Schuhe, BBC und CNN waren hier, US-Außenministerin Hillary Clinton erwähnte die Firma in einer Rede, Weltbank-Chef Robert Zoellick besuchte sie im vergangenen Februar.

Um die Nachfrage zu befriedigen, will Alemu bis 2015 weitere 300 Arbeiter einstellen, Kleidung und Taschen in ihre Kollektion aufnehmen, den Umsatz auf zehn Millionen Dollar steigern und eine mit Solarenergie betriebenen Fabrik bauen. Die Regierung hat ihr dafür ein 15 000 Quadratmeter großes Grundstück zur Verfügung gestellt. »Meine Marke soll die afrikanische Antwort auf Nike, Puma und Timberland werden.«

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