Werbung

Ein moderner Held

Der italienische Mafia-Experte Roberto Saviano wird aufgrund seines lebensgefährlichen Engagements geschätzt

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Die italienische Mafia ist nur die sechstgrößte kriminelle Organisation in der Welt. Aber dank Büchern wie Gomorrha ist sie bekannter als andere zusammen. Das rückt unser Land in ein schlechtes Licht und wenn ich Leute wie Roberto Saviano treffe, würde ich sie am liebsten eigenhändig erwürgen.« Das und ähnliches erklärte in den vergangenen Jahren der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Aber nicht wegen dieser »Morddrohung« wird der 31-jährige Schriftsteller und Journalist rund um die Uhr von sechs Polizisten bewacht. Nicht deswegen kann er sich in Italien nicht frei bewegen, kann er seine Eltern nur selten sehen und muss sie an immer unterschiedlichen Orten treffen, darf er möglichst nicht mehr als zwei Nächte am gleichen Ort verbringen und verlässt er Italien sobald es seine Arbeit erlaubt.

Roberto Saviano ist eine der bestbewachten Personen in Italien. Mehrmals hat die Camorra, die Verbrecherorganisation von Neapel, die er so gut und publikumswirksam beschrieben hat, verlauten lassen, dass der junge Mann ganz oben auf ihrer Abschussliste steht – und dass die Camorra nicht mit leeren Drohungen um sich wirft, wird durch die vielen Morde bewiesen, die sie in der süditalienischen Hafenstadt verübt.

Sympathien bei einem Millionenpublikum

Wenn Berlusconi, ebenso wie die Camorra, den jungen Mann mit den ewig traurigen Augen so überhaupt nicht leiden kann, stehen doch die meisten Italiener auf seiner Seite. Seine Bücher, die übrigens vom Berlusconi-eigenen Verlag Mondadori herausgegeben werden, verkaufen sich wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, der Film »Gomorrha« war ein Welterfolg und seine wenigen Fernsehauftritte werden von einem Millionenpublikum verfolgt. Saviano musste ganz schnell in eine Rolle hineinwachsen, die für einen so jungen Mann, der in Neapel Philosophie studiert hat und eigentlich ein ganz »normales« bürgerliches Leben führen wollte, viel zu groß war.

Was die Camorra ist, lernte er schon als Kind. Das Städtchen Casal di Principe, vor den Toren Neapels, wo er seine Kindheit verbrachte, ist eine der Hochburgen der Verbrecherorganisation. Hier regiert die Camorra, hier bestimmt sie die wirtschaftlichen, politischen und menschlichen Geschicke. Sein Vater, ein Arzt, wurde zusammengeschlagen, weil er ein Opfer der Camorra versorgte, obwohl die Bosse dies »verboten« hatten. Schon früh recherchierte Saviano und schrieb in verschiedenen Zeitschriften über Organisierte Kriminalität. Aber plötzlich, nach dem unerwarteten Erfolg von Gomorrha musste er jeden Tag um sein Leben fürchten und wurde mit Intellektuellen und Schriftstellern auf eine Stufe gestellt, die er bis dahin nur aus der Ferne bewundert hatte.

Saviano wurde auch zum internationalen Fall, als das italienische Innenministerium 2008 beschloss, seinen Polizeischutz zu lockern. Daraufhin appellierten sechs Nobelpreisträger – Günter Grass, Dario Fo, Michail Gorbatschow, Orhan Pamuk, Rita Levi-Montalcini und Desmond Tutu – an den italienischen Staat, den jungen Mann doch besser zu schützen. Sogar das Nobelpreiskomitee und die Schwedische Akademie setzten sich für ihn ein und organisierten eine Diskussion über das Thema »Das freie Wort und die gesetzlose Gewalt«, an der neben Saviano auch Salman Rushdie teilnahm.

Roberto Saviano ist in Italien eine Art moderner Held, obwohl er immer wiederholt, genau das nicht sein zu wollen und »eigentlich« ein ganz normaler junger Mann zu sein, der mit Worten – und nur mit Worten – gegen die organisierte Kriminalität, aber auch gegen Korruption und Misswirtschaft kämpft.

Als im Dezember vergangenen Jahres in Rom eine Demonstration von Schülern, Studenten, prekärem Universitätspersonal und vielen jungen Menschen, die sich in Italien ihrer Zukunft beraubt sehen, ausartete und in einer regelrechten Straßenschlacht mündete, bei der die Demonstranten auch Polizeifahrzeuge in Brand steckten, mischte sich Roberto Saviano ein. In einem offenen Brief wandte er sich an die Demonstranten. Er erklärte sich mit ihnen solidarisch, aber forderte sie gleichzeitig auf, nicht in die Gewaltfalle zu tappen, die von den »Mächtigen« so gut aufgestellt worden war. Ähnliches taten in jenen Tagen auch viele Oppositionspolitiker. Aber während sich die Jugendlichen im Allgemeinen weigerten, mit dem »Establishment« in irgendeinen Dialog zu treten, war das mit Roberto Saviano anders. Innerhalb von wenigen Tagen wurde vor allem das Internet von »Antworten« überflutet. Der junge Schriftsteller wurde als ein gleichberechtigter Gesprächspartner angesehen, als jemand, der weiß, worum es geht, dem man vertrauen kann – auch wenn man anderer Meinung ist.

So schrieb jemand, der sich Dylan79 nennt: »Ich bin wie Du 30 Jahre alt und die Wut eines 18-Jährigen ist verrauscht. Aber dies ist eine neue Wut, die unsere Generation heute hat: Es ist die Wut derjenigen, denen niemand zuhört, die von allen vergessen werden. Und diese Wut bricht aus, weil es keine Alternative gibt. Wir fühlen uns wie ein Fisch, der in einem Netz gefangen ist. Und was macht dieser Fisch? Er schlägt mit all seiner Kraft um sich, ohne an die möglichen Folgen zu denken.«

Marta wendet sich an Saviano: »Lieber Roberto, wie immer benutzt du wunderschöne Worte, aber dieses Mal greifen sie leider ins Leere. Ich bin 26 Jahre alt, habe zwei Universitätsdiplome und möchte endlich aktiv werden. Aber das wird mir nicht erlaubt und so bin ich wütend und verzweifelt. Ich glaube einfach nicht mehr, dass man im Guten etwas erreicht. Es stimmt, Gewalt ist furchtbar, aber sie ist das letzte Mittel der Verzweifelten. Verzweifelt sind die Menschen, die keine Hoffnung mehr haben. Und so bin ich: Ich bin erst 26 Jahre und habe schon jetzt keine Zukunft mehr.«

Respekt für den Mut, sich aufzulehnen

Für die jungen Menschen, an die sich Roberto Saviano gewandt hat, ist das Internet das einzige Mittel für einen Dialog mit ihm. In den elektronischen Briefen kommt viel Wut ans Tageslicht, aber auch ein großer Respekt vor einem Mann, der den Mut besitzt, sich gegen die herrschenden Verhältnisse aufzulehnen. »Machen wir es doch so, lieber Roberto«, schreibt eine Studentin, die mit Hexe unterschreibt: »Ich sehe ein, dass Du nicht mit uns auf die Straße gehen kannst – man würde Dich sofort erschießen. Schreibe Du Deine Bücher, gehe ins Fernsehen wenn man Dich lässt, und erzähle allen, wie Politik und Mafia gemeinsame Sache machen, wie sie Italien tatsächlich und im übertragenen Sinne in eine Müllhalde verwandeln. Das kann ich nicht – mir hört ja niemand zu. Aber ich kann auf die Straße gehen, ich kann mich von der Polizei verprügeln und vielleicht auch ins Gefängnis werfen lassen. Aber wenn ich mich dann wehre, wenn ich die Polizisten anspucke oder sie kratze und beiße, dann ist das Notwehr und keine sinnlose Gewalt, wie Du es darstellst.«

Roberto Saviano ist vor allem für die jüngeren Menschen in Italien ein Hoffnungsträger. So schreibt Valerio, ein arbeitsloser Akademiker: »Roberto, bitte, sei Du unsere Alternative, gehe in die Politik und zeige uns, dass das Wunder möglich ist, dieses Land tatsächlich zu verändern!« Die Antwort, die der Schriftsteller darauf gibt, ist typisch für ihn: »Ich glaube nicht, dass Politik mein Beruf ist. Diese Politik macht mir Angst. Wenn man ins Ausland geht, dann sprechen die Menschen darüber als etwas Schönes, das man macht, um etwas aufzubauen. Wenn man sich in Italien der Politik annähert, dann riecht man förmlich sofort, dass sie ranzig stinkt, dass man die übelsten Kompromisse schließt.«

Als Berlusconi den Schriftsteller beschuldigte, mit seinen Veröffentlichungen dem Ansehen Italiens zu schaden und daraufhin viele Politiker forderten, der Ministerpräsident solle sich bei ihm entschuldigen, antwortete Saviano so: »Er soll sich nicht bei mir entschuldigen sondern bei den Verwandten der Menschen, die ermordet wurden, weil sie das Land so dargestellt haben, wie es wirklich ist. Wenn man sagt, dass diejenigen, die von der Macht der organisierten Kriminalität berichten, schlechte Werbung für das Land machen, dann verbessert man so nicht das italienische Ansehen sondern isoliert diese Menschen.« Und Isolation kann im Kampf gegen die Mafia tödlich sein.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!