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Der ökonomische Zwang

Ellen Meiksins Wood über Demokratie contra Kapitalismus – eine brillante Analyse

Keine zeitgemäße sozialistische Theorie kann an Ellen Meiksins Woods Werk vorbeigehen, da es zentrale Theoreme des Marxismus originär reformuliert und auf der Ebene der Gesellschaftstheorie einen Gegenentwurf zum modernen Liberalismus und seiner Staatsauffassung entwickelt. Die Kernthese ist, dass politische Demokratisierung und Liberalisierung im modernen Kapitalismus deshalb möglich ist, weil die wirkliche Macht in eine Ökonomie verlagert wurde, die auf der Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln basiert. Die Ausdehnung der bürgerlichen Freiheiten, ein großer Fortschritt, sei mit einem »Substanzverlust der demokratischen Idee« einhergegangen. Das allgemeine Recht auf politische Freiheit der Meinungsäußerung und der Wahl von politischen Repräsentanten sei in der Unfreiheit begründet, über die wirtschaftlichen Prozesse zu bestimmen.

In den vorkapitalistischen Gesellschaften, so Meiksins Wood, basiert Ausbeutung auf der direkten politischen Zwangsanwendung, durch die die Abpressung des Mehrprodukts erst möglich wird. Da die Produzenten (Sklaven, Leibeigene, die Dörfer und Gemeinden) nicht von den Produktionsmitteln getrennt gewesen seien, hätten sie sich selbst versorgen und erhalten können. Deshalb musste unmittelbare außerökonomische Macht eingesetzt werden, um die Umverteilung zugunsten der herrschenden Klassen zu sichern. Politik und Wirtschaft, Staat und Ökonomie sind untrennbar verschmolzen. Die politische Macht sei in diesen Gesellschaften die Grundlage der ökonomischen Macht. Der Zugang zu den politischen Gütern war deshalb das Privileg der auch ökonomisch herrschenden Klassen.

Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus stellt sich für Meiksins Wood nicht als Entstehung und Ausweitung kapitalistischer Enklaven im Meer feudaler Abhängigkeits- und Austauschverhältnisse dar, sondern als Transformation dieser Verhältnisse selbst, wie er in England durch die Grundherren im späten Mittelalter und vor allem im 17. und 18. Jahrhundert vorangetrieben wurde. Nicht die Produktivkräfte seien der Auslöser gewesen, sondern die veränderten Interessen der feudalen Grundherren. Sie trennten einerseits die unmittelbaren Produzenten völlig und endgültig vom Grund und Boden und nahmen ihnen damit jede Existenzgrundlage jenseits von Lohnarbeit. Andererseits delegierten sie die politische Aufrechterhaltung einer auf dieser zu Ende geführten Enteignung gegründeten Gesellschaft des Privateigentums an den zentralistischen Staat. Meiksins Wood schreibt: »Durch die Enteignung des direkten Produzenten sind bestimmte Formen direkter politischer Macht für die Mehrwertabschöpfung nicht mehr unmittelbar notwendig.«

Im unmittelbaren Produktionsprozess reicht die sachliche Abhängigkeit der doppelt freien Lohnarbeiter, solange nur der Staat gesamtgesellschaftlich deren Trennung von den Produktionsmitteln absichert. Dies erlaubt es, die Organisation der Produktion wie niemals zuvor ganz der Organisation der Aneignung unterzuordnen und zugleich gesellschaftsweit auszudehnen. Basis und Überbau sei für dieses besondere Verhältniss von kapitalistischer Ökonomie und Staat eine völlig unzureichende Metapher. Die frühere Identität von politischer Herrschaft und ökonomischer Auspressung differenziert sich aus in die unmittelbare ökonomische Macht, gegründet auf dem Eigentum der Wenigen an den Produktionsmitteln, und in die mittelbare politische Macht, die die Eigentumsordnung sichert. Die Erfindung der repräsentativen Demokratie in der US-amerikanischen Revolution stellte den Versuch der besitzenden Oligarchie dar, dem Druck auf eine alle (weißen) Männer einschließende Bürgerschaft nachzugeben, ohne dabei die eigene Herrschaft zu gefährden: Die Bürgerschaft wurde weitgehend passiv und der politische Machtbereich begrenzt auf die Aufrechterhaltung der Eigentumsordnung: »Es waren die siegreichen Antidemokratien in den USA, die der modernen Welt ihre Demokratiedefinition gaben.« Das Geheimnis der kapitalistischen Produktion sei letztlich ein politisches.

Meiksins Wood begründet ihre Thesen durch Rückblicke auf die Entstehung des modernen Kapitalismus, auf eine Klassentheorie, die an den britischen Historiker E. P. Thomsons angelehnt ist. Sie geht auf das Geschichtsverständnis von Marx und Weber ein und vergleicht immer wieder die attische Demokratie des 5. bis 3. Jahrhunderts v. u. Z., in der die arbeitenden Bauern zugleich den Staat regierten, mit der liberalen Demokratie der Gegenwart. Sie setzt sich auseinander mit dem »neuen Kult der Zivilgesellschaft« nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus und einer linken Identitätspolitik, die die zentrale Rolle des Lohnarbeitsverhältnisses zugunsten der Gleichrangigkeit von Klasse, Geschlecht und Rasse aufgibt: »Der Kapitalismus könnte die Abschaffung aller spezifischen Unterdrückungsformen gegenüber Frauen durchaus überleben – während er per definitionem die Abschaffung der Klassenausbeutung nicht überleben würde.«

Das Messer des historischen Materialismus von Meiksins Wood ist scharf und wird durch sie brillant gehandhabt. Sie deckt Schichten auf, die sonst völlig verborgen bleiben. Sie ist sich der Ambivalenzen der gegenwärtigen Gesellschaft bewusst, sieht die kapitalistische Machtstruktur und die Freiheitsgewinne, die sachliche Abhängigkeit der Arbeiter und ihre Organisationsmacht, die Entleerung der Demokratie und ihre Ausdehnung. Und sie stellt die zentrale Frage: »Wenn der Kapitalismus die politische Privilegiertheit durch die Macht des ökonomischen Zwangs ersetzt hat, was würde es dann bedeuten, die Bürgerschaft in die ökonomische Sphäre auszudehnen, und zwar nicht nur in Bezug auf größere ›Chancen‹gleichheit oder passive Anrechte auf Sozialhilfe, sondern auch in Bezug auf demokratische Verantwortlichkeit oder aktive Selbstverwaltung in der ökonomischen Sphäre?«

Die Schwächen ihres Ansatzes sind die Kehrseite der Stärken: Die modernen Gesellschaften erscheinen vor allem als zugespitzte Ausbeutungsgesellschaften, als vollendete Enteignung, als zu Ende geführte Entmachtung der Arbeitenden. Die Produktivitäts- und Innovationspotenziale des Kapitalismus sind für sie nur der Ausdruck zugespitzter Klassenherrschaft. Damit wird aber zugleich das eigentliche Problem jeder sozialistischen, über den Kapitalismus hinausweisenden Strategie verdeckt: Wie ist die Selbstbestimmung der Produzenten über die gesellschaftlichen Produktionsmittel mit ständiger innovativer Erneuerung vereinbar? Die Trennung der Arbeitenden von den konkreten Bedingungen der Produktion war historisch die Voraussetzung für die ungeheure Entfaltung der Produktivkräfte und den bisher einmaligen Wohlstand wie aber auch für zugespitzteste Formen der Ausbeutung und Umweltzerstörung, des Militarismus und Rassismus. Die Überwindung dieser Zwiespältigkeit des kapitalistischen Fortschritts kann nicht und darf nicht durch den Rückfall in eine stagnative Gesellschaft bezahlt werden. An dieser Frage sind bisher alle sozialistischen Experimente seit 200 Jahren gescheitert. Und Meiksins Wood stellt sie sich nicht einmal. Trotzdem gilt: Ellen Meiksins Wood hat ein großes Werk vorgelegt, das theoretisch interessierten linken Zeitgenossen zu empfehlen ist.

Ellen Meiksins Wood: Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus. Aus d. Engl. v. Ingrid Scherf u. Christoph Jünke. Neuer ISP Verlag, Köln 2010. 304 S., geb., 29,80 €.

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