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Hinaus ins Schneetreiben

»Nora« von Henrik Ibsen am Berliner Maxim-Gorki-Theater

  • Von Christoph Funke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Aus Henrik Ibsens Puppenheim, wohlausgestattet, aber verlogen, ist ein Großraum geworden, hässlich tapeziert, seelenlos, leer. Kahle Wände, eine Art Multimedia-Kühlschrank, ein Stühlchen, der Aschenbecher, ein Sessel – das ist alles.

Nora, die junge Frau mit Kindern, seit vielen Jahren ehelich gebunden an einen aufstrebenden Bankmenschen, ist hier in eine bürgerlich wohlanständige Existenz verbaut – Leben gibt es für sie nicht, und für alle, mit denen sie zu tun hat, auch nicht. Schräg, bedrohlich fast frisst sich das Riesenzimmer ins Parkett, als ein kahles Experimentierfeld für menschliches Miteinander und Gegeneinander (Bühne/Kostüme: Susanne Schuboth). Ehen werden hier probiert, zerstört und vielleicht auch neu gestiftet, Kinder sind da, Freunde kommen und gehen, ein Erpresser macht sich breit.

»Nora oder Ein Puppenheim«, 1879 uraufgeführt, spielt im Berliner Maxim-Gorki-Theater etwa einhundert Jahre später, kräftig verwandelt, wie es Brauch ist im heutigen Theateralltag. Verantwortlich dafür: die Übersetzer Gottfried Greiffenhagen und Daniel Karasek und das Theater selbst.

Wenn Nora zum Schluss alles stehen und liegen lassen, die Tür zuknallen will, kommt ihr Torvald, der Angetraute, im dichten Schneetreiben vor der Tür fast zuvor. Auch er will weg, es gibt eine doppelte Flucht. (Man wird den Ibsen doch ein bisschen aufbessern dürfen). Dass Frau und Mann wegwollen, macht Regisseurin Jorinde Dröse durch die Öde, die Hässlichkeit der Behausung allerdings nur zu verständlich. Es gibt keine Entwicklungsmöglichkeit für die Figuren, sie leben mechanisch, die Wände anstarrend, und jede in ihrem eigenen kleinen Gefängnis. Schiebetüren, dann eine drehende Wand, spucken künstliches Leben von draußen ins künstliche Leben drinnen. Langeweile, mitunter erstarrt alles in einem dunkel-quälenden Nachdenken – der Strom ist gewissermaßen abgeschaltet. Dann gibt es aufgedrehte Fröhlichkeit, aber auch die ist angefault. Alle wollen etwas miteinander anfangen, keinem gelingt es.

Wie an Drähten gezogen irren Männer und Frauen durch den Riesenraum, verloren und gehemmt. Nora, die als lebendes Weihnachtspäckchen auf die Bühne kommt, spielt Hilke Altefrohne als ein stereotyp lächelndes Trotzköpfchen, fremd herumstehend mit an den Körper gepressten Armen, ungelenken Bewegungen. Aber hinter einer naiven Dümmlichkeit wird zugleich lauernde Wachheit spürbar – diese junge Frau verbirgt ihre Ahnungen, ihr Wissen sehr geschickt. Sie ist naiv, wie entrückt, und doch auch trotzig und gescheit. Wenn ihr Mann Torvald zur großen, wütenden, verlogenen Abrechnung ansetzt, betrachtet sie den Tobenden wie ein wildes Tier im Zoo.

Dabei gibt Peter Kurth dem Banker zunächst Gutmütigkeit und Liebenswürdigkeit, aber sein kräftiger Kerl lebt nur in sich und für sich. Gerade weil von Kurths onkelhaftem Kraftkerl fast ein Sog ausgeht – er könnte vielleicht doch »gut« sein, ist dann die Fallhöhe groß: ein Feigling, ein widerlicher Egoist, nichts sonst.

Überraschend ist, dass die Regisseurin den Erpresser Krogstad verständnisvoll behandelt. Gunnar Teuber zeigt einen jungen Mann, der nicht nur mit Wut und Unterwürfigkeit, sondern auch mit Klarheit und Schärfe seine Forderungen vorbringt. Dass sich Kristina Linde (Anja Schneider), die erst scheue, dann sinnlich trumpfende Witwe zu ihm hingezogen fühlt, wird dadurch verständlich. Und Andreas Leupold darf den todkranken Niels Rank mit einem Hauch unverstellter Freundlichkeit spielen, muss aber dann einen ungehemmten Ausbruch zuckender Todesangst hinlegen.

Es ist das Prinzip der Aufführung, im leeren Kunstraum alles zuzulassen. Ein Hauch Sympathie für unvermutetes Handeln ist möglich, und große Albernheit auch. Bitter Ernstes wird verhandelt und verfängt sich in gleichmütiger, fader Trostlosigkeit. Zum Ende hin wird die Ehekrise immer putziger und alberner. Die Kinder auf der Bühne merken es wohl zuerst, aber die Zuschauer auch. Es darf gekichert werden.

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