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Dieses System ist verdorben

In Tunesien herrscht relative Einigkeit: Weg mit der Ben-Ali-Partei

  • Von Claudia Altmann, Tunis
  • Lesedauer: 6 Min.

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Mehr als zwei Jahrzehnte war Tunesien eines der Länder, in denen die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt war. Nun will sich niemand mehr den Mund verbieten lassen.

»Uns hat niemand aufgerufen herzukommen. Ich halte es zu Hause nicht aus. Ich muss meine Meinung sagen.« Wie der jungen Frau geht es tausenden Menschen, die in der Tuniser Innenstadt erneut auf die Straße gegangen sind. Diesmal lässt die Polizei sie gewähren. Immer mehr Leute strömen auf den sonnengefluteten Boulevard Habib Bourguiba. Leidenschaftlich diskutierend laufen sie vorbei an den Reihen der aufgebotenen Polizisten, vorbei an den Panzern der Armee, auf denen Bürger immer wieder Blumensträuße ablegen. Die Soldaten nehmen die Geste gelassen und lächelnd zur Kenntnis. Auf halber Höhe der Prachtstraße versammeln sich die Menschen schließlich zu einer Kundgebung. Sie bleibt friedlich, aber von allen Sprechchören und von allen Transparenten geht eine mächtige Botschaft aus: Weg mit der RCD!

Die Menschen trauen dem Frieden nicht

Die Forderung nach dem Abtreten der einstigen Regierungspartei des gestürzten Präsidenten Ben Ali eint alle Altersgruppen und Schichten. Einige Demonstranten haben ihre Kinder mitgebracht. Überall bilden sich kleine Gruppen, die über die jüngsten Neuigkeiten debattieren. Es geht um die gelockerte Ausgangssperre, die Situation im Landesinneren, aber vor allem um die Zusammensetzung der Übergangsregierung. Die Menschen trauen dem Frieden nicht. Immer noch sind sechs Mitglieder der RCD im Kabinett von Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi. Auch dessen Schritt vom Vortag, ebenso wie der derzeitig amtierende Staatspräsident und Parlamentschef die Partei zu verlassen, hat die Gemüter nicht beruhigt. Der Drang der Tunesier, ihrer Meinung Luft zu machen, scheint grenzenlos. Alles, was sich in den Jahren angestaut hat, bricht aus den Menschen heraus. Auf vielen Plakaten, denen man ansieht, dass sie schon viele Tage im Einsatz sind, haben die Träger ergänzend hinzugefügt: »RCD und Co. – haut ab!«.

Ein Mann läuft durch die Menge mit einem Blatt Papier, auf dem er in selbst geschriebenen Lettern fordert: »Weg mit der RCD und ihren Helfershelfern«. »Ehrliche Leute hätten die RCD verlassen. Sie müssen weg. Am Namen dieser Partei klebt das Image Ben Alis«, erklärt er. Seine Worte werden unterbrochen vom immer lauter werdenden Sprechchor der Menge: »Weg mit der RCD – und wenn für uns nur Wasser und Brot bleibt!« skandieren die Demonstranten. Ihnen steht die Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben.

»Wir wollen den ganzen Clan weghaben«, ruft ein Mann. »Der ganze Ben-Ali-Klüngel muss mit Stumpf und Stiel ausgerissen werden«, pflichtet ihm ein anderer bei. »Wir sind erst am Anfang«, sagt ein Hochschullehrer. Ihnen ist die Sorge anzumerken, der verjagte Diktator könne seine Macht mit Hilfe seiner Stroh- und Hintermänner wieder zurückholen.

Dabei besteht in den Debatten keineswegs immer nur Einigkeit. »Die Islamisten haben sich in ihren Kellern versteckt, während wir revoltiert haben«, sagt eine Gewerkschafterin und löst damit den Protest eines Mannes um die 50 aus. »Sie haben unrecht, das ist nicht wahr«, fällt er ihr ins Wort. Die etwa Gleichaltrige besteht auf ihrer Meinung und schreit gegen den Lärm der Demonstration und den Kontrahenten an. »Lassen Sie mich ausreden! Ich bin frei und kann sagen, was ich denke«, sagt sie aufgewühlt. »Es gab keinen Aufruf, nichts von den Islamisten. Sie haben sich abgeduckt, als die echten Tunesier auf die Straße gegangen sind. Ihr Chef Rachid al-Ghannouchi lässt es sich im Exil in London gut gehen. Die Islamisten wollen uns spalten«, ruft die Dunkelhaarige und erntet erneut den Widerspruch des aufgebrachten Mannes. Nach seiner Meinung steht das tunesische Volk in dieser entscheidenden Stunde vielmehr einheitlich zusammen wie nie zuvor. »Schämen Sie sich. Am Aufstand waren alle Tunesier beteiligt, ohne Ausnahme, schämen Sie sich«, hält er ihr entgegen und ihm stehen vor Wut die Tränen in den Augen.

Beispiel für die arabische Welt

Eine Frau etwa gleichen Alters, den Kopf von einem beigefarbenen Schleier verhüllt, mischt sich ein und teilt seine Position. »Hören Sie sich das an! Das ist genau die Denkweise, die unter Ben Ali gelehrt wurde. Da haben wir das Ergebnis. Das hier ist der Sieg aller Tunesier, der politischen Kräfte und der Leute, die sich nicht für Politik interessieren.« Sie wendet sich gegen Ausgrenzung. »Tunesien gehört doch allen, egal welcher politischen Überzeugung sie sind. Islamisten, Gläubige und Atheisten, das ist völlig egal. Wenn wir zusammenhalten, kann unser Land ein Beispiel für alle arabischen Länder, ja für die muslimische Welt werden.«

Auf eine bestimmte politische Richtung will sich die Geschäftsfrau nicht festlegen. Ihre Vision vom künftigen Staat indessen ist klar: »Ich möchte ein demokratisches, freies und moderates Tunesien. Ich erkenne die Wahl der Mehrheit des Volkes an, selbst wenn es nicht meiner eigenen politischen Überzeugung entspricht. Alles was ich will, sind ehrliche Politiker, die nicht nur an sich denken. Ich will nicht die Leute, die ein Theater inszenieren und den Ben-Ali-Kurs weiterfahren wollen, auch wenn der Diktator selber nicht mehr da ist. Ehrliche Leute sind doch da! Nehmen wir Moncef Marzouki. Er ist ein sehr guter Mann. Er ist integer und ehrlich und verteidigt unsere Bürgerrechte. Und davon gibt es viele. Wir brauchen nur etwas Zeit. Es ist alles so schnell gekommen.«

Der Name des ehemaligen Chefs der unter Ben Ali verbotenen Menschenrechtsliga, Moncef Marzouki, fällt bei den Teilnehmern der Kundgebung oft. Am Vortag erst war der jetzige Chef der ebenfalls nicht zugelassenen Partei »Kongress für die Republik« aus dem Pariser Exil zurückgekehrt. Seine Anhänger hatten ihm einen begeisterten Empfang auf dem Tuniser Flughafen bereitet. Marzouki hat sofort angekündigt, für das Amt des Präsidenten kandidieren zu wollen. Seine Popularität wird vor allem dadurch befördert, dass er aus der Region Sidi Bouzid stammt, wo die Revolte durch den Selbstmord eines jungen arbeitslosen Akademikers ihren Anfang genommen hatte. Während die Menschen in Tunis auf der Straße ihre Freiheit verteidigen, hat sich Marzouki zum Grab begeben, um dem Märtyrer seine Ehre zu erweisen.

Eine Geste, die bei den Tunesiern mit großer Hochachtung belohnt wird. Immerhin zeigt endlich ein Politiker Achtung vor der Jugend des Landes. Auch wenn er den meisten nicht bekannt ist. So geht es auch einem jungen Informatiker auf der Kundgebung.

Die Wut hat sich über Jahre angestaut

»Moncef Marzouki kenne ich aus einigen Videos. Aber was er sagt, ist ehrlich. Wir werden es in den nächsten Tagen sehen. Erstmal soll die RCD weg, sie war am Massaker am Volk beteiligt, so oder so. Sie haben die Leute jahrelang manipuliert. Dieses System ist verdorben. Auch wenn sie sagen, es würde ehrliche Leute in der Partei geben, irgendwie haben alle mitgemacht. Auch die, die ruhig geblieben sind, haben sich mit ihrem Schweigen schuldig gemacht. Das Argument, Angst gehabt zu haben, lassen wir nicht gelten. Die Wut der jungen Tunesier hat sich über Jahre angestaut. Dieser Aufstand ist nicht spontan. Er ist das Resultat von jahrelanger Unterdrückung. Man wirft uns Unordnung vor. Okay, wenn die Unordnung konstruktiv ist, sind wir bereit. Aber es gibt auch viele junge Leute in den Parteien und Organisationen, die unter Ben Ali gelitten haben. Die kennen sich aus, die haben was im Kopf. Aber uns interessiert nicht eine bestimmte Person, egal wie alt sie ist. Wir werden uns sein Programm genau anschauen und dann entscheiden. Und künftig wird nichts mehr ohne die Kontrolle durch das Volk passieren. Weder in der Präsidentschaft, noch sonst irgendwo. Dazu muss die Justiz reformiert werden. Und wenn das nicht geschieht, wenn sie weiter versuchen, uns zu manipulieren oder gar die Diktatur zurückzuholen, wird es einen neuen Aufstand geben.«

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