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Der Aufklärer als Weltbürger

Regisseur Kurt Maetzig wird heute 100

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Der Aufklärer als Weltbürger

Mecklenburg bei Röbel im Januar. Über den Feldern liegt ein Meer aus Nebel, darauf schimmern weiße Schneeinseln. Kurt Maetzig hat eine weite unverbaute Landschaft vor Augen, wenn er an seinem Schreibtisch sitzt. Vor dem Fenster fließen Erde und Himmel ineinander. Maetzigs Gesicht wird in diesem Nachmittagslicht zu einem Teil der Landschaft. Ein wenig harmonisches Jahrhundert hat sich da mit ausgesuchtem Sinn für Harmonien eingezeichnet. Oder sollte man eher sagen, Maetzig hat nun ein Jahrhundert lang sein Gesicht gegen die Zeit verteidigt, die ihm, dem Charlottenburger Bürgersohn, erst Geborgenheit versprach, ihn dann rassisch und politisch verfolgte, ihm viel ideologischen Ballast auflud, von dem das meiste zu tragen nicht lohnte, so dass nun am Ende wieder nur das bleibt, was er schon am Anfang hatte: seine Neugier auf die Zukunft, seine Lust am Leben?

»Mich interessiert immer der erste Schritt«, sagt er – und wählt die Gegenwartsform. Denn alles, was ihn einmal am Film fasziniert hat, das fasziniert ihn heute immer noch. Sein Computer ist auf dem neuesten Stand und wer ihm eine E-Mail schreibt, darf auf schnelle Antwort hoffen. Die Website, die ihm Freunde zu seinem neunzigsten Geburtstag geschenkt haben, wird nun zehn Jahre alt. Maetzig ist der Technik nie hinterhergelaufen, er war immer auf gleicher Höhe mit ihr. Mindestens. Patente des Erfinders Maetzig zeigen, dass er Film immer schon als etwas begriffen hat, was viele Seiten hat, nicht nur künstlerische: technische vor allem, aber auch ökonomische und juristische.

1923 erfährt der Zwölfjährige von der Erfindung des Radios – und baut sich sofort selber eins, nach den Plänen eines Mitschülers, dessen Vater Ingenieur bei Siemens war. Aber er hört nichts, kein Ton dringt aus dem Äther. Hat er einen Fehler gemacht? Unmöglich, er probiert es weiter – und dann hört er doch eines Tages etwas: das Testprogramm der Berliner Funkstunde, das zum Radioabonnement einlädt. Sofort läuft er zur Post, sich einen Anmeldeschein zu holen. »Und weil ich schneller lief als alle anderen, bekam ich das Formular mit der Nummer 1 in Berlin-Charlottenburg!« Maetzig lacht. Er lacht mit der Unbeschwertheit eines Jungen, der es wieder einmal als Erster geschafft hat, etwas Neues auszuprobieren. Seine Mutter, die er so liebte, habe immer gesagt: »Es gibt immer zwei bis siebzehn Möglichkeiten.«

»Kennen Sie das schon?« fragt er und öffnet den alten Bauernschrank, in dem sein Fernseher steht. Das ist der Film, den die Akademie der Künste zu seinem Geburtstag zeigen wird. Eine Stunde Gespräch über sein Leben und Werk. »Ohne Schnitte«, bemerkt Maetzig, »gar nicht so schlecht für einen Hundertjährigen, nicht wahr?« – »Nicht so schlecht«, ist eine dieser Untertreibungen, die zu den Geheimnissen seines langen Lebens gehören, das sich die Lust am Neuen erhalten hat. Man kann das – ohne falsche Übertreibung – weise nennen. Man muss ihn erleben, wie er die von ihm geschriebenen Geschichten vorliest, mit welcher unerhörten Freude er die erlebten oder von anderen gehörten Anekdoten vorliest: die Tragikomödie seines Lebens hat in Maetzig einen selbstironischen Chronisten gefunden.

Ein Leben voller Kontraste, von Anfang an: Großbürgersohn und Kommunist. Staatsfilmer und verbotener Regisseur. Bebels »Die Frau und der Sozialismus« las er mit acht Jahren, weil seine Mutter der Meinung war, das sei bessere Lektüre als Karl May. Als er »The Kid« von Charlie Chaplin zum ersten Mal sah, bei der Großmutter in Hamburg, spürte er, es gibt auch die andere, die proletarische Welt voller Not und Sorge ums tägliche Überleben. Und ein Leben ohne Solidarität mit anderen Menschen ist ein verfehltes Leben.

Sein Vater war Besitzer eines Filmkopierwerks. Ein vorbestimmter Weg auch für ihn. Darum studierte er auch alles, was wissen muss, wer so eine Fabrik später einmal leiten will: Physik, Chemie, lauter technische Fächer, an der Pariser Sorbonne Rechtswissenschaften. Er promovierte schließlich über »Das Rechnungswesen einer Filmkopieranstalt«, betrieb ein Trickfilmatelier in der Berliner Friedrichstraße. Doch dann kam die Politik dazwischen, 1937 wurde er aus der Reichsfilmkammer ausgeschlossen – seine Mutter, die aus einer Hamburger Teehändlerfamilie (»Lauter Weltbürger«, so Maetzig) kam und protestantisch getauft war, galt den Nazis als Jüdin. Bisher hatte das Thema nie eine Rolle in der Familie gespielt. Hier hielt man es mit den Aufklärern und der Vernunft. Damit sie die Fabrik behalten konnten, hatte sich sein Vater pro forma von der Mutter scheiden lassen – ein tödlicher Fehler, denn als die Mutter die Aufforderung zur Deportation bekam, sah sie nur noch einen Ausweg: Gift. Maetzig war damals bei seiner Mutter und konnte ihr doch nicht helfen. Er selbst überstand die Nazi-Zeit in einem Filmlabor in Werder, das als kriegswichtig eingestuft war. 1944 trat er in die Untergrund-KPD ein.

Kontraste: 1945 versucht er im amerikanischen Sektor einen volkseigenen Betrieb aufzubauen, mit vorhersehbarem Resultat. Da ging er eben in die sowjetische Besatzungszone, eine Aktiengesellschaft zu gründen: die DEFA. Maetzig, der Aufklärer denkt sofort an eine Kinowochenschau, die sich von der Ufa-Wochenschau ganz und gar unterscheidet. Der Anspruch: »Sie sehen selbst! Sie hören selbst! Urteilen Sie selbst!« wurde zum Vorspruch des »Augenzeugen«. Irgendwann verschwand der Vorspruch und mit ihm der Anspruch.

Als Maetzig einige Seiten Text zu einem Filmexposé von Hans Schweikart über den Schauspieler Joachim Gottschalk in die Hand bekommt, der mit seiner jüdischen Frau gemeinsam Selbstmord begeht, weiß er, diesen Film muss er selbst machen. »Ehe im Schatten« entsteht und wird 1947 der letzte große gesamtdeutsche Kinoerfolg. 12 Millionen Zuschauer! Gestartet ist er in allen vier Besatzungszonen gleichzeitig. »Überall bei den Premieren waren die Reaktionen gleich. Nach dem Film nur Stille. Die Zuschauer gingen schweigend hinaus.« Nun drehte er einen DEFA-Erfolgsfilm nach dem anderen: Die Geschichte eines Dienstmädchens mit »Die Buntkarierten«, »Schlösser und Katen« mit dem grandiosen Schauspieler und notorischen Trinker Raimund Schelcher als »Krummen Anton« (dessen Szenen Maetzig, um ihn zu disziplinieren, anfangs noch mit einem zweiten Schauspieler parallel drehte), »Vergeßt mir meine Traudl nicht« mit Eva-Maria Hagen, »Der Rat der Götter« über die IG Farben und Auschwitz, auf den Dokumenten des Nürnberger Prozesses basierend. »Sonst hätte das 1950 doch kein Mensch geglaubt«, sagt Maetzig.

Und er dreht auch die beiden Thälmann-Filme, die später als Inbegriff des Stalinismus im Film galten. »Für diese Filme schäme ich mich heute«, sagt Maetzig, der weiß, man hätte das ganz anders machen müssen. Thälmann war ein derber Hamburger Hafenarbeiter, so hätte man ihn zeigen müssen, statt Günter Simon als allwissenden Thälmann immer wieder die Faust recken zu lassen. Aber an diesem Film drehte das halbe Politbüro mit – er hatte keine Chance, es sollte Propaganda und nicht Kunst werden. Ulbricht war mit »seinem« Maetzig jedenfalls hochzufrieden. Bis zu jenem Dezember 1965, als das 11. ZK-Plenum der SED »Das Kaninchen bin ich« sah. Die Geschichte einer junge Frau, die einen karrieristischen Richter liebt, der ihren Bruder ins Gefängnis gebracht hat. Die versammelten Funktionäre erkannten sich darin als deutsche Untertanen porträtiert und waren außer sich: So etwas gibt es doch im Sozialismus nicht! Man kann das in den Protokollen von damals nachlesen, auch Margot Honeckers Zwischenruf, das sei doch »der letzte Dreck«. Maetzig wurde gezwungen, sich von seinem Werk zu distanzieren, »Selbstkritik üben« hieß das stalinistische Ritual – das so das im Film Angeprangerte noch einmal bestätigte. Warum er sich denn öffentlich von seinem Film distanziert habe, fragte ich Maetzig einmal und er antwortete: »Wenn Sie eine Lokomotive auf sich zurasen sehen, dann machen Sie ganz instinktiv einen Schritt zur Seite!« Ja, er hatte Angst. Die Lust aufs Filmemachen kam ihm danach abhanden. Zu viel Kompromisse! An seinem 65. Geburtstag legte er der von ihm mitgegründeten DEFA die Kündigung auf den Tisch.

Statt dessen kümmerte er sich mehr und mehr um die andere Seite des Films: den Zuschauer. »Wissen Sie, dass es in Frankreich etwa fünftausend Filmclubs gab, in der DDR nur etwa 300? Große Regisseure wie Truffaut kamen aus dieser Bewegung.« Jeder sollte lernen, was ein guter Film ist – und Kunst braucht immer den, der sie braucht. Da spricht wieder Kurt Maetzig, der Aufklärer und Weltbürger.

Hat er denn nicht manchmal den Wunsch, noch einmal einen Film zu machen? Doch, Voltaires »Candide«, das wäre ein Thema nach seinem Geschmack. Ein notorischer Optimist inmitten einer Abfolge von Katastrophen. Ein Narr vielleicht, aber einer, ohne die die Welt, wie sie ist, nun mal nicht auskommt.

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