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Ein Zweiglein wartet noch

Werner Stötzer – Werkschau im Georg-Kolbe-Museum Berlin

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein großer, massiver Marmorblock, grau, Licht fangend und zurückschimmernd, kostbar durchwirkt mit Schwarz, scharfkantige Konturen, da und dort eine Rundung – man erkennt zwei menschliche Figuren, die einander zugewandt und unzertrennt sind: das »Paar« (2008), in seiner Strenge von großer plastischer Kraft. Es kam vom Atelier ins Atelier – direkt aus Werner Stötzers Garten in Altlangsow ins ehemalige Atelierhaus des deutschen Bildhauers Georg Kolbe (1877-1947) in der Sensburger Allee in Berlin. Wie auch die beiden überlebensgroßen stelenartigen Sandsteine, die in weitem Abstand zueinander postiert sind und in starker Abstraktion einen Mann und eine Frau erkennen lassen: das »Märkische Tor« (2006-2008).

Auf der schönen, weißen »Stehenden« (2007-2009) hält sich noch ein bemoostes Zweiglein, in einer kleinen Furche des rauhäutigen Marmors verfangen, als warte es noch im Wind, unterm Himmel, ebenso wie an dieser und jener Stelle des Vorbedachten stehengebliebene Markierungslinien, dass der Meißel weiter auf den Stein schlage. Auch die dicke breite Holztafel, aus der sich »Kain und Abel« (2009) herauswölben, ist in unfertigem Zustand und wurde wie andere der hier gezeigten Plastiken von Werner Stötzers Frau, der Bildhauerin Sylvia Hagen, aus dem Freiluftatelier im Oderbruch in die Ausstellung gegeben. Aus dem Nachlass. Und die zum 80. Geburtstag am 2. April vom Landesmuseum für Skulptur lange geplante Werkschau ist nunmehr eine des Gedenkens. Am 22. Juli 2010 ist der große Bildhauer gestorben.

In den hellen Räumen sind rund zwei Dutzend Steine und Bronzen versammelt – im Versuch, mit markanten Beispielen das ganze Werk zu durchmessen. Von der bronzenen, vollfigurigen »Stehenden« (1964), die in ihrer voluminösen, versonnen in sich ruhenden Weiblichkeit noch den Einfluss des Lehrers Gustav Seitz verrät, bis eben zu der fragmentarisch-abstrakten, doch schon vollendet wirkenden »Stehenden«, an der Stötzer gearbeitet hat bis zum Versiegen seiner Kraft.

Unter den Kohle-, Bleistift-, Tusche-Zeichnungen aus dem Nachlass – hohe zeichnerische Kunst – auch eins der letzten Blätter. Den Anlass der Ausstellung vor Augen, wirken sie wie Trauerflor. Stötzer hat gern gezeichnet, hat das Aktzeichnen genutzt für Studien. Es machte ihm Freude »wie anderen das Angeln«. Denn er musste in sich haben, was er dem Stein entriss. Er arbeitete in einer Technik, die höchst bewundernswert ist: »Taille directe«, das unmittelbare Herausschlagen der Form aus dem Block. So frei hat Stötzer hineingehauen ins Harte, Widerständische – wie der verehrte Michelangelo und sein Freund Alfred Hrdlicka; zog vorher nur mit Kohle oder Gouache ein paar Linien, angedeutet manche nur, um sich Strukturen besser vorstellen zu können.

Immer das große Abenteuer am Stein: »Sensibel« müsse der geschlagen werden, denn am Ende müsse er sein wie ein Gedicht, sagte der Mann, der aus Sonneberg in Thüringen stammte und von dort (mindestens) sein wunderschön rollendes »r« mitbrachte. Der ein Belesener, ein Erzähler war, also schriftlich wie mündlich prägnant, poetisch, philosophisch, witzig. Aus seiner »Zwiesprache« mit dem Stein, dessen respektvoller Befragung, aus »Kumpanei« mit ihm wusste er, dass seine Spröde und Härte zu verletzen bestraft werde. Stötzer hat auf einmalige Weise befolgt, was der Stein will und kann. Der habe ein Gesetz. Dem, und nur dem, unterwarf er sich – meisterhaft die Empfindung dafür.

Und dann hat er ihn so behauen, den Stein, dass es stets die nackte menschliche, meist weibliche Figur ist, die Antwort gibt auf die großen Menschheitsfragen; eingemeißelte Nachricht von lebendigen Konflikten, von der Wahrheit des Werdens und Vergehens. »Der Stein führt auf das Wesentliche.« (Stötzer) Und so sind es immer wieder Torsi, teils den Maßgaben der Steine folgend (die er sich oft von aufgelassenen Gräbern und aus Ruinen holen musste), teils bewusste Entscheidungen auch beim großen Format, wenn er frei war in der Wahl des Materials. Betrieb eine Reduktion hin zum Abstrakten, nutzte Spuren der Bearbeitung zum Gestalten, ließ Unbehauenes stehen. Die Spannung ist enorm. Die Steine geben ihre Energie weiter, sind »offen für Gefühl und Gedanken« (Wolfgang Kohlhaase). »Mir wurde oft der Vorwurf gemacht, meine Arbeiten seien nicht fertig«, erwähnte Stötzer in einem ND-Gespräch. »Aber ich gebe Anstöße zum Sehen.«

Georg-Kolbe-Museum, Berlin, bis 3. 4., Di-So 10-18 Uhr. Am 27. 2., 3. 4., 11.30 Uhr: Vorführung »Der nackte Mann auf dem Sportplatz«, Regie Konrad Wolf, Drehbuch Wolfgang Kohlhaase – Film über einen Bildhauer (Kurt Böwe). In Stötzers Atelier wurde gedreht, seine Hände waren Böwes Hand-Double, er selbst spielte die Rolle des Bürgermeisters.

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