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Wer am schnellsten feuert, gewinnt

Ein Kartenspiel, bei dem es um die Entlassung von Beschäftigten geht, ist in Frankreich ein Renner

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

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In Frankreich sorgt derzeit ein Gesellschaftsspiel für Aufregung, dessen Ziel die Entlassung möglichst vieler Mitarbeiter ist. Die Nachfrage nach dem bizarren Zeitvertreib ist enorm.

»Sozialplan« heißt verharmlosend das Abkommen, das auch in Frankreich die Unternehmensleitung bei Massenentlassungen mit dem Betriebsrat und den Behörden aushandeln muss und das die Abfindungen sowie Umschulungen und eventuelle Ersatzjobs festlegt. »Sozialplan« heißt auch ein Kartenspiel, das gerade erst entwickelt und auf den Markt gebracht wurde – wo es sofort einen Riesenerfolg hatte. Eine erste Auflage von 3000 Exemplaren war innerhalb weniger Tage vergriffen, die zweite mit 10 000 Spielen zum Stückpreis von 12 Euro bringt der bretonische Hersteller in den nächsten Tagen in den Handel.

Die Regeln des boomenden Kartenspiels sind einfach: Alle Mitspieler sind Aktionäre und die 52 ausgeteilten Karten repräsentieren Beschäftigte – vom Hilfsarbeiter über den Meister und den Angestellten bis zum leitenden Manager. Das Bestreben der Spieler muss darin bestehen, ihre Karten beziehungsweise Mitarbeiter so schnell wie möglich loszuwerden. Wer das als Erster schafft, hat gewonnen und darf seinen Betrieb nach China oder ein anderes Billiglohnland verlegen. Spielvorteile bekommen die, denen es gelingt, Karten mit gesetzlich besonders geschützten Mitarbeitern – Betriebsräte, Behinderte oder Schwangere – abzuwerfen.

»Das Spiel weckt Ihre Raubtierinstinkte und Ihren verdrängten Sadismus«, heißt es – wohl ironisch gemeint – zur Einführung in die Spielregeln. »Damit kann jedermann üben, ein effizienter Aktionär zu werden, ohne Gewissensbisse Mitarbeiter auf die Straße zu setzen und so den Profit des Unternehmens wie seinen eigenen Gewinn zu mehren.« Mit schwarzem Humor wird darauf hingewiesen, das »bevorzugte Spiel der großen Patrons« sei »zu 200 Prozent zynisch«. Während sich ein Sprecher des Arbeitgeberverbandes Croissance Plus »entsetzt über das Bild, das da von den Chefetagen unserer Unternehmen gezeichnet wird«, äußerte, meint Edouard Martin vom Gewerkschaftsverband CFDT: »Das Spiel ermöglicht das Anprangern eines Kapitalismus, der völlig aus dem Ruder gelaufen ist.« Auch der renommierte Chef der Psychiatrie am Pariser Bichat-Krankenhaus, Professor Michel Lejoyeux, meldete sich in der Diskussion zu Wort. Die Spielidee sei moralisch unakzeptabel, erklärte Lejoyeux, und fragte: »Was könnte als nächstes kommen, vielleicht ein Spiel mit Selbstmorden in Unternehmen?«

Dass das neue Kartenspiel so großen Erfolg hat, liegt zweifellos an der jüngsten Krise, die noch nicht überwundenen ist, und an den zahllosen skandalösen Vorgängen, die in diesem Zusammenhang bekannt wurden. Besondere Aktualität bekommt »Sozialplan« durch Karten mit korrupten Politikern, die verdeckt auf der Lohnliste des Unternehmens stehen oder mit »illegalen« Ausländern ohne gültige Papiere, die doppelt ausgebeutet werden.

Neben viel Beifall von Käufern und von den Medien bekommt Stéphane Daniel, der Inhaber des Spieleverlages Arplay in Rennes, aber auch Briefe von empörten Franzosen, die der Meinung sind, dass hier »böser Scherz mit einem sehr ernsten und für viele Familien dramatischen Problem getrieben« wird und dass es »nicht erlaubt sein dürfte, über Opfer auch noch zu lachen«.

Daniel ist jedoch sicher, dass die meisten Käufer »die Ironie und den Humor des Spiels« als durchaus angebracht empfinden. Zur eigenen Verteidigung verweist der Unternehmer darauf, dass seine Ende der 90er Jahre gegründete Drei-Personen-Firma, die auch schon »alternative Öko-Spiele« herausgebracht hat, grundsätzlich alle Karten und Faltschachteln in Frankreich und nicht in China drucken lasse.

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