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Der Abgeschiedene oder die Ehrung eines Sohnes der Stadt

Theodor Weißenborn

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Theodor Weißenborn, geboren 1933 in Düsseldorf, studierte zunächst Kunstpädagogik (sein Vater war der Maler Karl Weißenborn), dann Philosophie, Germanistik und Romanistik. Später folgten Studien der medizinischen Psychologie und Psychiatrie. Als Schriftsteller hat er sich seit Anfang der 60er Jahre vor allem durch zahlreiche Prosawerke und Hörspiele einen Namen gmacht. »Empörung angesichts der unwürdigen Lebensbedingungen, denen große Gruppen von Menschen in dieser Gesellschaft ausgeliefert sind«, nennt er als Hauptmotiv seines Schreibens. Auf das im öffentlichen und privaten Bewusstsein Verdrängte zielen seine Texte, die innere Welt von Ausgestoßenen und Außenseitern wird von ihm auf eindringliche Weise ausgeleuchtet. So behutsam, dass sie in ihrer Not und ihrer Verstörtheit vor dem Leser Würde bewahren. Das gelingt ihm besonders gut, wenn er seine Gestalten in Form von Rollenprosa selbst zu Wort kommen lässt. Vorliegenden Text hat Theodor Weißenborn uns als Erstveröffentlichung zur Verfügung gestellt.


Manchmal, wenn ich so liege wie jetzt: die Füße zur Erleichterung meines Kreislaufs auf die untere Bettkante gestützt, die Augen geschlossen vor dem grellen Licht der Neonröhre, dahindämmernd und nur gelegentlich, wenn der Lärm über mir anschwillt, zur Decke aufblickend, deren Kalkung bei meinem Einzug noch makellos weiß gewesen, nun aber gelbfleckig-schmutzig ist und deren Wölbung (man staune) eine Last von 30 Tonnen zu tragen vermag – dann, wenn es über mir schollert, wenn das rhythmisch wiederkehrende O'plock für Sekunden zum Dröhnen eines Dampfhammers wird, wenn die Wände meiner Gruft erzittern – dann erwacht Angst in mir, und ich frage mich, wie es möglich ist, dass die Menschen dort oben, die diesen Lärm verursachen, nicht einmal dann, wenn ich mit dem Stock unter die Decke klopfe, meine Anwesenheit bemerken, dass sie fortleben dort oben ohne das leiseste Wissen in ihren Herzen, dass ich hier unter ihnen sie höre, dass ich noch atme und die Lider hebe.

Nicht, als ob jene dort wohnten wie in einem Haus, dessen Bewohner sich auf der Treppe begegnen und einander grüßen und also von der Anwesenheit des andern Kenntnis haben, vielleicht gar dem Nachbarn das Salzfass leihen und sich dafür die Zeitung ausborgen – jene dort streben nur vorwärts, zu Fuß oder auf Rädern, und ihr Ziel ist vielleicht ein Haus, dessen Bewohner ...

Ich, ich habe kein Ziel. Ich bleibe am Ort und warte, und während ich die Augen schließe, mache ich mir, mühsam mich selbst beruhigend, klar, dass ich ein freier Mann bin, frei wie jene. Es kostet mich nur wenige Schritte bis zur Tür (die unverschlossen ist), und ich kann meine Behausung verlassen (etwa wenn die Lüftung einmal versagt oder auch grundlos, nur weil ich es will) – ich stehe dann im Freien, auf der Viktoria-straße, und bin ein Mensch unter andern. Und nutze ich nicht diese Möglichkeit täglich, täglich einmal, um in die Fischbratküche am Rönneperplatz zu gehen und dort zu Mittag oder zu Abend zu essen? – Aber meine Beine sind müde geworden; ich halte diese Ausflüge in die Welt der Lebendigen so kurz wie möglich. Eine warme Mahlzeit, ein wenig Luft, eine Rast auf einer Parkbank, dann liege ich wieder ... Bin ich nicht schon gestorben?

Meine Wohnung, im Zentrum der Stadt, befindet sich im Südpfeiler der Viktoria-Unterführung, dort also, wo die Heerstraße die Viktoriastraße überquert, nahezu im Schnittpunkt beider Straßen. Hier, in dieser Stadt, die ein Symbol gleichsam der Lebenskraft genannt werden darf, das muss der Fremde wissen, hier befindet er sich auf kultursattem Boden. Stadt der Tradition, Stadt der Zukunft, Stadt der Dichter, der Maler, der Komponisten, so hat man sie genannt oder auch – nach dem größten ihrer Söhne – Rönneperstadt. Meine Wohnung besteht aus einem großen quadratischen Raum, sie ist modern möbliert mit Bett, Tisch, Stuhl und Kleiderspind und hat elektrisches Licht, das brennt den ganzen Tag, weil meine Wohnung kein Fenster hat. Ich bin ein alter Mann. lch habe in Haus Feierabend gewohnt und dann, bevor ich hier einzog, im August-Bebel-Heim in Bernau-Kastell, und mein Herz ist voll Dankbarkeit gegen den Rat der Stadt unter Leitung von Herrn Oberbürgermeister Becker, der mir zu dieser Unterkunft verholfen und unserer Zeit, die so rasch vergisst, ein Beispiel gegeben hat für das, was möglich ist.

Oft steigen Erinnerungen in mir auf; Bilder, die sich meinem Gedächtnis eingeprägt haben, sie bewegen sich hinter meinen Lidern, ich schaue ihnen zu mit Verwunderung. »Wir werden Sie Vater Bernhard nennen«, sagt die Frau mit dem grauen Häubchen, die Schwester Gertrud gerufen wird, obwohl sie nicht Ordensfrau ist. Und wie ich bei den Mahlzeiten an dem langen Tisch – ich sang damals noch Operetten – zwischen Vetter Krischan und Ohm Lüders saß, der mir immerzu was von Landewycktabak erzählte, obwohl ich doch Nichtraucher bin mit Rücksicht auf meine Stimme. Und Krischan, der Vielfraß, redete schon morgens um fünfe vom Essen und was es zu Mittag gibt. Gott, war das komisch, die Eifersuchtsszene auf dem Flur zum Frauenflügel wegen der dicken Lisbeth dem Krischan die Wurst zugesteckt hat, aber Ohm Lüders der hat's gesehn und wie Stotterer-Alfons Schiedsmann der Männerabteilung sein wollte. Das reinste Tollhaus. Und wie sich dann alles in Wohlgefallen auflöste mit dem Brief des Rates der Stadt an Herrn Kammersänger Bernhard Ostermeyer »in Anerkennung Ihrer Verdienste« sowie aus Anlass der Feier des 75. Todestages von Ferdinand Rönneper um 10 Uhr in der Rönneper-Halle ...

Ich habe die Achtzig überschritten und bitte um Nachsicht, wenn meine Gedanken – denn immer noch stehe ich unter dem Eindruck jener ergreifenden Feier am 11. Oktober vergangenen Jahres, dem 75. Todestag des großen Komponisten und Erneuerers des weltlichen Preisliedes, oder vielleicht hat auch der jähe Umschwung von Unglück zu Glück meine Sinne ein wenig ... Sehr deutlich erinnere ich mich jenes Tages, da das Städtische Altersheim mich entließ und zugleich die Tür dieses meines eigenen Heims sich vor mir auftat. Sulzbach, Stadtinspektor Sulzbach war es, der mich im Anschluss an die Feierstunde hierher geleitete. Die eiserne Tür in der Seitenwand des Brückenbogens schwang auf, Tür, die mit ihren Hebelgriffen einer Schiffsschotte oder der Tür eines Bunkers glich, und wir traten ein in dieses Gewölbe, das früher Kästen mit Viehsalz, Kehrbesen, Hacken, Schneeschippen und ähnliche Gerätschaften beherbergt hatte, dann im Zuge der Wohnraumbeschaffung von der Stadtverwaltung freigegeben worden war und nun, als das Neonlicht aufflackerte, sich als modern und komfortabel eingerichtetes Apartment erwies. Auf dem Tisch lag mein Koffer, den aus dem Heim herüberzuschaffen man inzwischen Sorge getragen hatte und der meine Wäsche, meinen zweiten Anzug, mein zweites Paar Schuhe und meine Strümpfe enthielt, links daneben, in einer ihrerseits mit Blumen bemalten Vase, stand ein Strauß roter Nelken, seitwärts, zu unsern Häupten, machte es o'plock. »Das ist der Kanaldeckel«, sagte Sulzbach. Er blickte bedeutend zur Decke hinauf, nickte mir zu und meinte: »Sie werden sich daran gewöhnen.« Er stand vor mir mit amtsmüdem Blick, hielt in der einen Hand das Schlüsselbund, in der andern das Blumenbouquet. »Der große Schlüssel ist für die Wohnungstür«, erklärte er. »Dieser kleine – Sie werden ihn kaum benötigen – passt auf die Tür zum Kabelschacht. De Lüftung ist erst gestern einreguliert worden – und ... die Brötchen und die Milch, wie gesagt, dafür ist gesorgt, finden Sie morgens vor der Tür.« Und endete forsch, wenn auch etwas übergangslos: »Hiermit, Herr Kammersänger, übergebe ich Ihnen im Namen der Stadt Ihre Wohnung. Der Rat der Stadt unter Leitung von Herrn Oberbürgermeister Becker entbietet nochmals beste Grüße und Wünsche für Ihr Wohlergehen.« Ich dankte Sulzbach und schüttelte ihm die Hand, geleitete ihn zur Tür und sah ihm noch nach, wie er seitlich des Brückenpfeilers die Treppe zur Heerstraße hinaufstieg, dann wandte ich mich um, die Tür hinter mir fiel ins Schloss, und ich war allein, allein für lange Zeit, und zum erstenmal in meinem Leben in einer eigenen Wohnung.

Die lange Feier, das Interview, die vielen Reden hatten mich erschöpft. Ich streckte mich aus auf dem Bett, die Füße zur Erleichterung ..., und schloss die Augen. Mein Herz jubelte – o'plock, o'plock –, und ich bedachte mein Glück. Ich gehöre zu jenen Menschen – das kann ohne Sentimentalität gesagt werden –, die im Leben viel Schweres durchgemacht haben. Ohne Familie, fern aller Angehörigen, die sich im Anfang meiner unsicheren Laufbahn von mir distanzierten und deren Teilnahme ich später nicht mehr bedurfte, habe ich die Jahre meiner beruflichen Tätigkeit (und die des Erfolges) im Eisenbahnzug, in Konzertsälen, Hotelzimmern und Pensionen verbracht, stets auf Tournee, allein, bald in dieser, bald in jener Stadt, die Bahn von Freunden und Bekannten, zumeist Kollegen, nur kreuzend oder flüchtig berührend für die Dauer eines Abends, einer Veranstaltung, eines kurzen Gesprächs beim Glase Wein, da man, schon im Zeichen des Abschieds, sich verbrüderte und den Traum nährte, die Welt verändern zu können. Adressen zu Dutzenden in Wien, Kopenhagen, Amsterdam, willkommen als Gast, solange die Stimme trug, Abstieg in die Provinz, Rückkehr in meine Vaterstadt und – wie es schien – ein Ende ohne Würde

Aber es schien nur so. Wie grundlegend und wider alle Erwartung hat sich meine Lage gewandelt! Ich bin, ich bin nicht vergessen! Ergreifend die Feier in der Rönneper-Halle, die Rede des Oberbürgermeisters – ich sitze ein wenig versteckt hinter seiner Gattin, ihr Rücken mit dem schneeigen Dekolleté versperrt mir die Aussicht –, aber ich werde nach vorn geholt. Lorbeerbäume, roter Läufer, kleine Mädchen in Weiß überreichen Blumen unter dem Applaus des festlich gekleideten Hauses, ein Blumenbouquet dem verdienten Sohn der Stadt, der Chor des Rönneper-Gymnasiums intoniert Rönneper, Opus 310: »Freud der Götter, Sohn der Muse ...« (als Kind sang ich's selbst) – ist nicht diese Stunde der ideelle Höhepunkt meines Lebens, die späte Krönung meiner beruflichen Laufbahn?

Ich will nicht eitel sein; ich bin es nicht – ich bin glücklich. Täglich sage ich mir: Ich bin glücklich und – in Erinnerung der unvergesslichen Ansprache des Herrn Oberbürgermeisters – nicht nur dies: ich bin stolz, stolz auf diese Stadt, zu deren Bürgern – o'plock – ich mich zählen darf und die mich zu ihren Bürgern zählt, und auf ihren Sohn, den großen Rönneper, der seit mehr als hundert Jahren seiner Vaterstadt zum Ruhme gereicht – o'plock, das ist der Kanaldeckel – und dem seine Vaterstadt zum Ruhme gereicht – o'plock –, dem die Stadt drei Denkmäler gesetzt hat an drei verschiedenen Plätzen: im Hofgarten, man erinnere sich, am Kaiserplatz und am Ende der Schönauer Allee, und dem ein viertes Denkmal gesetzt ist, ein unsichtbares – o 'plook, o'plock –, in den Herzen seiner Nachgeborenen, die es sich heute zur Ehre an seinem Stellvertreter weltlicher Macht und Herrlichkeit des Gesanges gleichsam in symbolischer Form der Geltung seiner Werke über die Schranken der Zeit hinweg und seiner Muse ... O'plock, Sie werden sich daran gewöhnen – dass sie ihren Sohn als den großen zu tiefer Ehrfurcht auch heute wie zu seinen Lebzeiten mit freudiger Genugtuung freudiger Genugtuung freudiger Genugtuung freudiger ... Gelungen ist Herrn Bernhard Ostermeyer Kammersänger und gleichfalls ein Sohn unserer Stadt – o'plock –, manchmal ist's unerräglich.

Seit jener Feier sind dreiviertel Jahre vergangen. Zu Beginn eines jeden Monats erscheint der Geldbriefträger und bringt mir 200 Euro, der Absender ist die Stadtkasse, und ich meine mitunter, dass einmal ein Brief, ein Gruß, ein Gedanke der Stadtväter an mich mich erfreuen sollte; oder könnte nicht Sulzbach einmal hereinschauen? Aber ich wähne offenbar noch immer, auf der Bühne zu stehen. Die Herren, so rede ich mir ein, haben Wichtigeres zu tun. Die Feier ist verrauscht – nun geht das Leben weiter. Diese Stadt ist ja so lebendig! Der Strom des Lebens fließt zu meinen Häupten dahin, über die Decke meiner Wohnung hinweg, ein ununterbrochener Strom von Autos, Straßenbahnen, Motorrädern und Bussen, von morgens fünf bis abends zwölf schüttern und dröhnen die Wände meines Heims vom Puls des brausenden Lebens. An Singen ist nicht zu denken. So liege ich denn mit geschlossenen Augen und lausche, lausche mit meinem ganzen Körper, dem die Schwingungen sich mitteilen wie Gläsern in einem Schrank, ich zittre an allen Gliedern, die Klapperlaute des Kanaldeckels fallen in mein Inneres, gleichmäßig wie Wassertropfen auf das Haupt eines Häftlings, dessen Geist – aber ich schlummere nur; ich liege im Halbschlaf tagaus, tagein, und wenn eine Kette von Fahrzeugen über mir dahinrollt, kein Ende nimmt und den Kanaldeckel in rhythmischen Abständen erschüttert, so spüre ich, wie mein Mund Silben formt, und es klingt mir im Ohr bei jedem o'plock wie: hin-weg, hin-weg, weg, weg ...

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