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Rhetorik, Reformen, Revolution?

Stéphane Hessel – Autor der Streitschrift »Empört Euch!« – über Werte, Zorn und Visionen

ND: Herr Hessel, in Ihrer Streitschrift sprechen Sie aus, was viele Menschen nicht nur in Frankreich empfinden: ein tiefes Unbehagen und Zorn über den Zustand der Welt. Was hat Sie so empört, dass Sie auch andere zur Empörung aufrufen?
Hessel: Ich habe das Gefühl, dass die Werte, die für mich die wichtigen Werte meines Lebens sind, übergangen, vergessen, missachtet werden. Für diese Werte habe ich mit vielen tapferen Menschen gegen die Faschisten gekämpft, damals in der Résistance, und mich nach dem Krieg als UN-Botschafter Frankreichs für die Umsetzung der Menschenrechtserklärung engagiert. Diese Werte – so scheinen es heute nicht nur Regierungen, sondern auch Teile der Bevölkerung zu sehen – sind zwar schön, aber sie hindern beim Tanz ums Goldene Kalb. Es geht um Profite, Rendite, um Haben, Haben, Haben.

Wofür würden Sie auch heute jederzeit kämpfen?
Für Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität.

Entsprechen die aktuellen Volksaufstände im arabischen Raum dem, was Sie sich unter Empörung vorstellen?
Ja. Was in Tunesien und in Ägypten vor sich geht, ist für mich eine enorme Unterstützung meines Denkens. Ich meine, da empören sich die Völker gegen Unterdrückung und stehen gegen ihre despotischen Regierungen auf. Das hat eine historische Dimension. Und dass eine Kulturgesellschaft, die durch kapitalistische Wirtschaft und Finanzmanipulationen an den Abgrund gebracht wurde, sich wehren muss, das empfindet und versteht man nicht nur in Nordafrika, sondern auch in Europa.

Wir erleben eine politische und soziale Freiheitsbewegung?
Ganz recht, im Sinne von dem, was wir Demokratie nennen. Wir sollten aber vorsichtig sein mit Begriffen, Erwartungen und Bewertungen. Demokratie kann dort anders gestaltet werden. Wenn sie zustande kommt, könnte diese Bewegung wie eine Flamme weithin lodern. Vielleicht wächst dann die Erkenntnis, dass Demokratie nicht durch Krieg entstehen kann, dass also das, was die USA in Irak gemacht haben, ein völlig falscher Weg ist. Aber wenn es eine andere Flamme gibt, eine Flamme der Freiheit, des Laizismus, eine Flamme der Selbstbestimmung der Völker – dann wäre das ein Beispiel und ein Weg des Friedens, an dem sich alle Länder im Süden orientieren könnten.

Müsste ein solcher Weg nicht auch in eine Zwei-Staaten-Lösung im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern münden?
Das müsste er natürlich. Aber im Augenblick ist von den Israelis leider nicht zu erwarten, dass sie sich wie die Tunesier oder Ägypter von ihrer gefährlichen Regierung Netanjahu-Lieberman trennen. Welchen Einfluss die regionalen Bewegungen auf das Verhältnis Palästina/Israel haben, ist schwer zu sagen. Ich bin der Meinung, dass politisch auf die israelische Regierung eingewirkt werden müsste. Aber bis jetzt kam weder von Obama noch von den Europäern ein klares Wort. Vielleicht kommt es noch – als Teil der Erneuerung des politischen Denkens in dieser Region.

Ihr Text klagt an. Mit Begriffen wie dreist, selbstsüchtig, verantwortungslos, Unrecht, Raffgier, Arroganz geißeln Sie Politik, Wirtschaft, die Banken und Finanzwelt. Was regt Sie auf?
Ich habe das Gefühl, dass die Krisis von 2008 noch gar nicht bewältigt ist, und dass die Macht der Banken- und Finanzwelt noch gefährlicher geworden ist. Wir leben in einer Welt, in der die Kluft zwischen extremer Armut und extremem Reichtum wächst. Das ist sehr, sehr gefährlich. Da wachsen Gründe und Auslöser für Katastrophen heran. Wir stehen an einer Schwelle, das ist mir klar. Wir müssen Alternativen suchen, andere Ansätze im politischen Denken und Handeln finden, Visionen entwickeln. Das ist eigentlich die Botschaft meines kleinen Buches.

Wo sehen Sie die Ursachen für die Teilung der Welt in Arm und Reich?
Die Ursache scheint mir die Globalisierung der Welt unter dem großen Einfluss des Neoliberalismus zu sein. Die Regierungen stehlen sich aus der sozialen Verantwortung. Sie schützen die Märkte und stützen die Banken. Also: Die Ursache ist das Versagen der Politik. Genau deshalb müssen die Bürger handeln und ihre Regierungen dazu bringen, die möglichen Gefahren anzuerkennen – und sie vor allem zu verhindern.

Der Weltwirtschaftsgipfel in Davos und der Sozialgipfel in Dakar: zwei sehr verschiedene Welten. Welche Welt ist Ihre Welt?
Ich empfinde mich natürlich als sehr nahe zum Dakar-Forum. Und ich sehe den Davos-Gipfel als ein Überbleibsel der geteilten Welt in zwei Machtblöcke, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Ein Relikt. Aber auch in Davos anerkennt man, dass einiges verändern werden muss in der Marktwirtschaft. Dass es so nicht weitergehen kann.

Weil sonst die Empörung zu groß würde?
Ja, man sieht sich schon ein bisschen vor. Aber ich glaube, die Davos-Klasse, die Leute, die da zusammen sind, haben es noch nicht richtig verstanden. Deshalb Protest und Empörung gegen ihre Politik und Strategien!

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das ist eine soziale und politische Bankrotterklärung des Systems der Davos-Klasse.
Ja. Aber die Davos-Leute würden gleich dagegenhalten: Vor 50 Jahren starben vielleicht zehn Kinder jede Sekunde – es sei also besser geworden. So gesehen stimmt das – aber welch ein Zynismus! Das ist und bleibt absolut inakzeptabel. Sie haben ganz recht: Wir leben in einer schrecklich ungerechten Welt. Dagegen sollten wir uns empören. Denn ein universeller Grundwert ist soziale Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist vielleicht die einzige wirkliche Hoffnung für die Welt. Vielleicht wächst diese Hoffnung in den Seelen der Aufständischen und auch in denen von jungen Europäern heran – und die Erkenntnis: Dagegen müssen wir uns auflehnen, solidarisch sein und zusammen etwas zustande bringen.

Meinen Sie denn, dass sich mit Gefühlen wie Empathie, Engagement, Empörung, Solidarität Machtstrukturen verändern lassen?
Ja, das glaube ich. Ich halte es für schwer, aber für möglich. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen.

Gibt es ein natürliches Recht auf Widerstand?
Wenn die Grundwerte durch irgendwelche Mächte, seien es politische, wirtschaftliche oder finanzpolitische, verletzt werden, vergewaltigt, dann hat man nicht nur das Recht, sondern man hat die Pflicht, Widerstand zu leisten. Das steht auch in der Charta der Vereinten Nationen und in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Sie würden zum Hass aufrufen?
Das sehe ich als eine falsche und böswillige Interpretation. Wenn man es wirklich liest, ist am Ende klar: Gewaltlos muss man vorwärtsgehen. Ich predige keine Ideologie. Eher das, was das Sozialforum auch sagt: Man soll sich die Welt ansehen und sie so verändern, dass die Grundwerte der Demokratie bestimmend sind.

Sie erhalten viel Unterstützung durch Intellektuelle und Künstler. Erreicht Ihr Appell auch den einfachen Arbeiter, den Taxifahrer, die Kindergärtnerin, die Verkäuferin?
Ja. Ein Pariser Taxifahrer sagte mir, dass er das Büchlein für seine Kinder gekauft habe – als Anleitung zum moralischen Handeln. Es wäre vernünftig, sagte er. Ich freue mich natürlich, dass es kraftvoll wirkt und verständlich ist in der Alltagswelt. Dafür habe ich es doch geschrieben.

Ihr Aufruf hat große Vorgänger, die Epochen verändert und wichtige Bewegung initiiert haben – 1789: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; 1834: Friede den Hütten – Krieg den Plästen; 1848: Proletarier aller Länder, vereinigt euch; 1849: Essay über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat in den USA; 1968: Das Manifest der 1000 Worte im Prager Frühling. Gefällt Ihnen das?
Ja. Aber das sind historische Meilensteine, Perlen unserer Kulturgeschichte. Meine Schrift ist nur ein kleiner Ruf in die Welt. Jedes Echo darauf freut mich.

Was ist Ihr Buch denn nun: Rhetorik, Revolte, Revolution?
Weder das eine noch das andere. Auch kein Programm der Revolution. Es ist ein Plädoyer für wirkliche Demokratie. Eine Streitschrift für die Rechte und die Würde der Menschen.

Aber Sie wollen schon verändern?
Natürlich.

Das Gespräch führte Burga Kalinowski.

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