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Die Bank gewinnt immer

Wettbewerb: »Margin Call« von IC Chandor

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Auch das Geld hatte einst seinen Zauber. Einen gefährlichen natürlich, wie ihn Mark Twain in seiner Erzählung von jener Eine-Million-Pfund-Note beschrieb, die eigentlich sehr unnütz ist, da sie ohnehin niemand wechseln kann. Aber man bekommt – ohne sie je ausgeben zu müssen! – überall Kredit. Das ist bei Twain höchst pointiert beschrieben, aber die Lust, über derartige Geschichten zu lachen, ist uns doch etwas verloren gegangen.

Wie banal ist doch alles geworden, was mit Geld zu tun hat. Die Gier nach immer mehr Nullen hinter der Zahl auf dem Kontoauszug hat tatsächlich bloß Nullen gezüchtet, die nun die Geschicke der Welt bestimmen. Einst eine – wenn auch fragwürdige – Elite, sind die Banker und Börsianer immer mehr zu Bewohnern ihrer eigenen virtuellen Blase geworden.

JC Chandor hat mit »Margin Call« seinen ersten Spielfilm (nach einer Reihe von Dokumentationen) gedreht, der es nun auch sofort in den Wettbewerb der Berlinale gebracht hat. Chandor ist Insider, denn er ist auch im Immobilienhandel aktiv, wie man in seinem Lebenslauf nachlesen kann. Und diese Finanzbranche hat vor zwei Jahren einen Untergang erlebt, der die gesamte kapitalistische Welt in eine schwere Krise stürzte. Aber nach der Krise ist vor der Krise, das hat sich inzwischen herumgesprochen.

Wenn eine Handvoll gewissenloser Profitjäger noch aus Schulden Aktienpakete macht, dann hat das System. Wer erfolgreich betrügt, ist kein Betrüger, sondern einfach nur erfolgreich. Aber wehe, es verlässt ihn der Erfolg! Ein Ende hat dieses Spiel nicht gefunden, so der Befund von »Margin Call«, der präzise die Ereignisse protokolliert.

Wir blicken 24 Stunden in das Büro einer Investmentbank, an dem Tag, da der systematische Betrug auffliegt und der Markt zusammenbricht. Das Spiel, bei dem man anscheinend immer nur gewinnen kann, scheint erst einmal zu Ende. Wir sehen einige der Aktienverkäufer: der jüngste gerade dreiundzwanzig und mit einem Jahresgehalt von mehreren hunderttausend Dollar. Wer schon länger im Geschäft ist, macht problemlos Millionen. Womit? Mit bloßen Versprechungen, mit wertlosen Papieren. Doch sobald die Suggestion verflogen ist, dass sich hinter den Zahlen auch reale Werte verbergen, bricht das System zusammen. Es ist im Jahr 2008 bereits zusammengebrochen – daran werden wir h ier erinnert.

Mit kühlem Blick porträtiert Chandor die Bewohner der plötzlich geplatzten Blase. Jeremy Irons spielt den Finanztycoon John Tuld, einen müden Herrscher im Reich der Zahlen, die doch alles sind, was er hat. Diese Männer haben immer nur ein Thema: das Geld. Es ist die Gier nach immer mehr, die sie immer ärmer macht. Chandor legt in seinem großartigen Börsenepos die menschliche Ödnis solcherart Leben offen. Große Häuser, teure Autos, bezahlter Sex – den Rest nimmt sich schon das Finanzamt, so klagen Millionenverdiener. Kevin Spacey spielt einen der leitenden Investmentbanker, der weiß, dass an diesem Tage Tausende Existenzen vernichtet werden. Er weint, aber nicht darüber, sondern über seinen kranken Hund, für dessen Krebsbehandlung er jeden Tag Tausende Dollar ausgibt. Dieser Hund ist das einzige in seiner Umgebung, was lebt, wenn der stirbt, dann ist er wirklich allein.

Eine brillante Szene gibt es, da fahren zwei der Banker im Fahrstuhl. Man spricht über die desaströsen Zahlen und Möglichkeiten, sie doch noch ins Positive umzulügen: Zwischen ihnen aber steht stumm die Putzfrau. Das sind zwei Welten, die doch nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben. »Die Party ist vorbei« – das wissen die Angestellten der Bank, von denen die meisten nun ebenfalls entlassen werden.

Nur einer weiß es bereits wieder besser: Jeremy Irons gibt dem Finanzmagnaten Tuld eine sich mit Lebensklugheit tarnende Gewissenlosigkeit. Man kann auch an der selbstverschuldeten Krise bestens verdienen.

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