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Abgerockt und Gleise geblockt

Der Castor ist unterwegs: Karlsruher Nachttanzblockade endete mit Gleisräumung

  • Von Michael Scheuermann, Karlsruhe
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mit einer Nachttanzblockade besetzten am Dienstagabend 700 Atomkraftgegner ein Gleisstück der Castorstrecke in Karlsruhe. Erst nach dreieinhalb Stunden war es wieder geräumt. Die Protestaktion richtete sich gegen den nach Ansicht der Atomgegner sinnlosen Transport von Atommüll nach Lubmin.

Zu wummernden Punk- und Rockklängen auf dem Neureuter Festplatz im Norden Karlsruhes tanzen sich Atomkraftgegner warm. Auf der kleinen Fläche, die dem Bündnis Südwestdeutscher Anti-Atom-Initiativen für ihre Nachttanzblockade zugewiesen worden war, scharen sich mittlerweile hunderte Protestierer um flackernde Feuertonnen oder stehen am Essenszelt an. Nur einen Steinwurf entfernt kontrollieren Polizeistreifen die Castorstrecke.

Mitten ins ausgelassene Treiben kündigt eine Megafondurchsage für 22.30 Uhr einen »Erkundungsspaziergang« an. Strohsitzkissen werden verteilt. 20 Minuten später stürmen die rund 700 Besetzer anderthalb Kilometer südlich über eine mondbeschienene Wiese aufs unbewachte Gleisbett. Mehrere Stunden dauerte es, bis Polizeikräfte um halb drei Uhr morgens die letzten Sitzblockierer von der Strecke tragen. Kurz nach drei Uhr passieren dann die fünf Castorwaggons unter starker Polizeibewachung auf ihrem Weg ins Atommüllzwischenlager Lubmin. »Nach Plan«, wie ein Polizeisprecher erklärt.

Axel und Franz sind erfahrene Gleisbesetzer. Die beiden Mainzer sind am Abend mit Schlafsack und Isomatte angereist, in der Hoffnung, bei Mitstreitern nach Ende der Aktion einen Schlafplatz zu ergattern. Am Tag zuvor hatten sie noch am allwöchentlichen Mainzer Montagsspaziergang teilgenommen, wie sie berichten. 60 Städte von Rostock bis Freiburg beteiligen sich mittlerweile an der Aktion, um gegen die von der Bundesregierung beschlossenen Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke zu protestieren.

Jörn aus dem Lahn-Dillkreis opfert seinen Jahresurlaub für den Atomprotest. Der 39-jährige Kraftfahrer war zwar schon immer dagegen, doch sei er erst mit der Laufzeitverlängerung aktiv geworden. Er war in Gorleben und Lubmin dabei, erzählt er. Heute feiere er seine vierte Gleisbesetzung.

»Ich bin mit der Straßenbahn zur Gleisbesetzung gefahren«, flachst Michael aus dem benachbarten Ettlingen. Nach seinem »positiven« Blockiererlebnis vergangenen November in Berg sieht der 49-jährige Informationselektroniker es als seine Bürgerpflicht an, gegen die »schmutzige Technologie« zu protestieren. Gewalt lehnt er ab. »Ich warte, bis sie mich wegtragen.« Eine Bestrafung dafür nimmt er »billigend in Kauf«. Direkte Anwohner kümmern Atommülltransporte dagegen wenig. Die seien öfter zu beobachten – viele sind froh, dass der Müll woanders hinkomme.

Eine so große Zahl von Teilnehmern bei der Protestaktion mitten in der Woche findet Herbert Würth vom Bündnis der Südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen »traumhaft«. Die Devise der Veranstalter der Nachttanzblockade ist es, »keine Geheimtransporte mehr zulassen«. 80 000 Fässer aus Karlsruhe lägen bereits in der Asse. Eine Entsorgung sei das nicht. Zum Bündnis gehören 20 Gruppierungen zwischen Freiburg und Köln, darunter auch die Parteien Bündnis 90/Die Grünen und die LINKE sowie der BUND. Das Freiburger »Volxküchen«-Team, »die Maulwürfe«, verteilt kostenlos 300 Portionen Couscousgemüse.

Ein Widerspruchverfahren der Grünen gegen das von der Stadt Karlsruhe erlassene Versammlungsverbot 50 Meter links und rechts der Castorstrecke war am Dienstag in zweiter Instanz zurückgewiesen worden. Ungeachtet dessen hatten sich Karlsruher Schüler, Studenten, Berufstätige, Rentner, einheimische und angereiste Castorgegner mit warmer Kleidung, dicken Mützen und Schals, festen Schuhen und Verpflegung auf eine lange Blockadenacht vorbereitet. Zuversichtlich gestimmt hatte sie wohl auch die am Nachmittag von der Polizei unter Einsatz von viel technischem Gerät beendete zehnstündige Gleisbesetzung von Greenpeace-Aktivisten am nur sieben Kilometer entfernten Werkstor der Karlsruher Wiederaufbereitungsanlage. Unter mondhellem Himmel und bei Temperaturen um die fünf Grad sorgte eine Trommel- und Pfeifergruppe für gefühlte Wärme.

»Lasst euch bloß nicht provozieren«, klingt ein Aufruf der Organisatoren durchs Megafon. Einsatzkräfte umzingeln allmählich den 300 Meter langen besetzten Gleis-streifen. Durch Häuserreihen und einen Rohrleitungsgraben schwer zugänglich, dauert es rund zwei Stunden, bis mobile Scheinwerfer das Gelände für eine Räumung ausreichend erhellen. Nach Einschätzung eines Beobachters von Greenpeace verlassen über 200 Menschen das Gleis nach Aufforderung der Polizei freiwillig.

Von kleinen Rangeleien und Hautabschürfungen auf beiden Seiten abgesehen, verläuft die mehr als eine Stunde dauernde Räumaktion »weitgehend friedlich«. So lauten die Einschätzungen von Polizei und Bündnissprecher Herbert Würth gleichermaßen. Würth berichtet von zehn Festnahmen. In einem so genannten »Freiluftgewahrsam« auf abgesperrtem Gelände müssen nach Angaben der Polizei rund 350 Schienenbesetzer bis zur Weiterfahrt des noch in Karlsruhe umrangierten Transportzuges gegen 6.45 Uhr in der Frühe ausharren.

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