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Natürliche Auslese und Frühjahrsputz

Über Tassen, die man so im Schrank hat

Es begann, als ich den Geschirrspüler ausräumte. Da merkte ich, dass meine Lieblingstasse einen Sprung in der Schüssel hatte. Es war eine gute Tasse. Kein Rosenthal, auch kein so alter Kram. Nein, sie war ziemlich neu, aber hochwertig. Meine Ex achtete auf Hochwertiges. Gerade ein Jahr alt, das Teil. Immer gute Dienste geleistet. Und jetzt das. Futsch. Da war nichts mehr zu retten – nicht bei der Ex und nicht bei der Tasse. Eimer auf, Tasse rein, Eimer zu.

Das brachte mich auf das erneute Nachdenken über die Darwinsche natürliche Auslese. In der Schule hat man mich das so gelehrt, dass sich immer der Stärkere und Flexiblere durchsetzt. Jetzt weiß ich, dass das alles Quatsch ist.

Mit in dieses Nachdenken hinein gehört ein Artikel aus der GEO, den ich letztens in einem Café las und in dem es um die Menschen und ihre Entstehung ging. Alle Vorfahren und Anverwandten des Homo sapiens wurden beschrieben. Unter anderem der Neandertaler. Beide sind sich gelegentlich begegnet, lebten also zeitgleich. Der eine ist ausgestorben, der andere nicht. Woran lag das? Das wissenschaftliche Autorenkollektiv wusste es nicht. In einem Nebensatz versteckte es aber einen Hinweis, von dem mein Weltbild so stark angeknackst wurde wie die Tasse beim durchaus üblichen Gebrauch vor der letzten Spülung: Da stand, Schwarz auf Weiß: Der Neandertaler hatte ein größeres Gehirn als der Homo sapiens.

Ups, wie denn das?

Meine Logik bestand bisher aus der durchaus simplen Gleichung: Großes Gehirn ist gleich viel Intellekt ist gleich viele gutverdrahtete Synapsen, daher auch schnelle Reaktion, Kreativität, bessere Werkzeuge und Waffen, bessere Überlebenschancen im täglichen und nächtlichen Kampf ums Überleben.

Soweit die alte Theorie. Aber das war gestern. Denn heute ist meine Tasse zerdeppert, ohne wirklichen Anlass. Und Ausgestorben ist der Neandertaler. Ohne erkennbaren Anlass.

Die anderen Tassen hab' ich alle noch im Schrank. Und die sind ganz. Auch die hässlichen. Besonders die. Und die unpraktischen. Und die, die nicht spülmaschinenkompatibel sind – die mit Goldrand und so. Und jene, die mich irgendwie an komische Zeiten erinnern. Und die von meinem Sohn, die er aus dem Kindergarten mitbrachte (nein, nicht geklaut. Selbst getöpfert. Schwer wie Hammer, krumm und scharf wie Sichel). Auch die Konfirmations-Teetassen und Omas Kaffeepott: Alle sind ganz.

Aber: Die werden auch nicht benutzt. Sie sind zu 98 Prozent überflüssig. Keine von ihnen wird nun in den Rang meiner Lieblingstasse aufsteigen. Sie ist Liebling oder ist es nicht. Ich werde eine neue geschenkt bekommen oder, wenn ich ungeduldig bin – was ich meist bin – eine kaufen. Wieder solide und praktisch, spülmaschinenfest und ohne Nippes dran, schlicht und trotzdem edel – irgendwie. Eine gute Tasse eben, eine für alle Tage. Und die anderen 27 Pötte stehen so nutzlos als wie zuvor als Staubfänger im Regal.

Die Wahrheit über die natürliche Auslese ist: Kaputt gehen immer die besten. Nicht die alten oder unpraktischen oder zerbrechlichen. Nein. Immer die besten. Die edelsten. Die klügsten. Die Neandertaler. Die Tassen für die Ewigkeit von der Ex. Kaputt gehen die, die am meisten gefordert werden Tag für Tag. Und Nacht für Nacht. Die, die verzweifelt versuchen, allen Anforderungen gerecht zu werden. Die, die eigentlich so gebaut sind, dass sie es aushalten könnten – intellektuell und körperlich. Kaputt gehen die, die sich täglich anpassen an die immer neuen Anforderungen. Kaputt gehen die, die gelernt haben, Formulare richtig auszufüllen. Kaputt gehen die, die ihre Pflicht tun im Schweiße ihres Angesichts. Und am Monatsende Aufstockung beantragen. Kaputt gehen die jungen Fitten am Hindukusch und auf der Gorch Fock.

Kaputt gehen die, die so klug sind nachzugeben.

Und wer überlebt?

Die Kleingeistigen. Die Überflüssigen. Nicht die, die Sarrazin gemeint hat, dessen Frau gerade im Schuldienst überflüssig geworden ist – so wie auch Sarrazin als Finanzsenator überflüssig war und als Bundesbanker überflüssig wurde – so überflüssig wie ein Herr Ackermann von der Deutschen Bank.

Die überleben.

Die, die nicht spülmaschinengeeignet sind. Die mit Goldrand. Die aus alten Zeiten. Die, die immer das Gleiche tun – in der Ecke stehen und einstauben. Die bleiben. Die, die nicht nachgeben, von denen man sich aus Faulheit oder falsch verstandenem Hang zur Romantik noch nicht hat trennen können. Die Oettingers schiebt man gar noch ein Fach höher, damit lebhafte Kinder sie nicht beim Spielen aus dem Regal reißen. Die Kochs und Schröders verziert man nachträglich mit Platinmuster. Und Mappus will sich zur Sicherheit gediegen tieferlegen lassen.

Da gibt es nur eins: Weg mit dem Krempel! Zeig Darwin, wo der Hammer hängt. Zeige, wer der Macher ist. Habe Mut, dich deines eigenen Mülleimers zu bedienen!

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