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  • Marginalien zum Kleistjahr

Prinz und Traum

ADOLF DRESEN

Man kann aus dem Stück herauslesen, dass Homburg zu einem Werkzeug gemacht werden soll, das blindlings benutzt werden kann. So hat Brecht das Stück verstanden und deshalb nicht gemocht. (...) Wir aber sind beim »Prinz von Homburg« von dem Satz ausgegangen: »Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.« Dabei kommt es natürlich darauf an, was man unter Notwendigkeit versteht. Wenn es sich überhaupt um ein Erziehungsstück handelt, dann erzieht nicht allein der Kurfürst, denn der wird im Stück ja selbst erzogen, und zwar in der umgekehrten Richtung wie der Prinz. Der eine ein Träumer und genialer Utopist, der andere ein Pragmatiker, der das Staatsruder nicht nur mit harter Faust, sondern auch frei nach der Nase führt. Der Kurfürst ist bestimmt nicht der Weise, als der er oft dargestellt wurde. Auch er hat einen Fehler. Wenn nämlich Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit ist, dann handelt es sich um jene Notwendigkeit, die Einsicht in die Freiheit hat. Das ist durchaus ein symmetrischer Satz, den darf man nicht einseitig lesen. Für Kleist war aber eine Synthese, wie er sie sich wünschte und wie er sie in dem Stück auch zwischen Homburg und Kurfürst herstellte, ein Traum. Ich finde, gerade darin beweist sich Kleist als Realist. Er lässt Homburg fragen: »Ist es ein Traum?«, und die Antwort kommt: »Ein Traum, was sonst?« Spätestens an dieser Stelle wird der Schnitt zur preußischen Geschichte gemacht. Kleist denkt nicht daran, die preußische Miserabilität einzusegnen. Und auch keine andere. Das glückliche Ende bleibt Kleistsche Utopie. Die Realität waren die Schüsse am Wannsee.

(Aus: Regisseur Adolf Dresen über »Der Prinz von Homburg« (1975, DT) in »Dieter Kranz: Berliner Theater – 100 Aufführungen aus drei Jahrzehnten«, Henschel 1990.)

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