Plattenbau

Wo sie sich zusammenrotten, fliegen die Fetzen. Geballte Fäuste schnellen gen Himmel, laut wird es, sehr laut, und ein rasendes Gewirr von Füßen zertritt mit Wucht die Illusion vom Stillstand. In einem wallenden Nebel aus Schweiß und guter Laune birst die Luft, die längst nicht mehr zum Atmen taugt. Heißen Blutes zelebrieren die Massen den Umsturz – den Umsturz eines mit Bierflaschen und Wodkagläsern gedeckten Tisches zwar vorerst nur, aber dafür gleich hier und heute Nacht. Yuriy Gurzhy und Wladimir Kaminer haben den urbanen Partysanen, von denen hier die Rede ist, einen kraftvollen Soundtrack geschenkt: »Revolution Disco«.

Ein Geschenk ist diese Platte auch für ihre Macher. Gurzhy und Kaminer feiern zehn Jahre Russendisko. In der Sowjetunion aufgewachsen, suchten beide nach deren Ende das Weite und fanden es in Berlin. Hier lernten sie sich kennen. Als Treffpunkt machten sie ein gemeinsames Heimweh aus; ein musikalisches. Dieses Heimweh, leidenschaftlich kultiviert, ist auf den Plattentellern unter Gurzhys und Kaminers Händen bald zu einem Fernweh geronnen. Eine andauernde Erfolgsgeschichte im Berliner Kaffee Burger, hat die Russendisko ihren Siegeszug durch viele Länder angetreten; die explosive Mischung aus slawischen Stimmen, Klezmer, Ska und tanzwütigem Punkrock zündete überall.

»Revolution Disco« nun sprengt alle Grenzen. Auf ihren DJ-Reisen, so Gurzhy, haben die osteuropäischen Soundmissionare festgestellt, »dass es fast überall Musik gibt, die unserer sehr ähnlich ist – und interessanterweise hat sie oft auch politische Botschaften. Nicht ›Please, Please Me‹, nicht ›Let's Spend The Night Together‹, sondern ›Hasta Siempre, Comandante‹ und ›Ritmo die Protesta‹!« Fern jeder ironischen Attitüde, ganz ohne Hass, dafür voller Lebensfreude und beflügelt vom unbedingten Willen, der globalen Geldhatz zu trotzen, vereint »Revolution Disco« türkische, französische, italienische, englische, belarussische, polnische, lateinamerikanische, österreichische, moldawische und multinationale Bands zu einem Hort des musikalischen Aufruhrs. Nicht zufällig erklingt in der Mitte der Zusammenstellung »Die Internationale« – im Instrumentalarrangement von Willy Bergman, dem Erfinder des Yiddish Twist, orginalgetreu nachgespielt vom Yiddish Twist Orchestra um den Londoner Trompeter Lemez Lovas.

Politisch sind viele der Texte, soweit man sie denn verstehen kann oder im Booklet erklärt bekommt. Aber geht es um Worte in diesem Sprachengewirr? Nein, hier hat vor allem die Musik das Sagen. Eine Musik, die die Verhältnisse tanzen lässt. Revolution, sagt jeder einzelne Song, muss Spaß machen dürfen.

Martin Hatzius

Revolution Disco (Trikont)

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