Kaum Anspruchsvolles

MEDIENgedanken: Die Suche am Bildschirm nach der Kultur

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

Orientierung finden im Gewimmel von zig öffentlichen und privaten Sendern, die alle ums Einschalten des Verbrauchers buhlen und bangen – sage niemand, das sei leicht zu bewältigen. Selbst die TV-Vorschau dieser Zeitung weist genau da Lücken auf, wo es die besten Funde zu machen gibt. Jenseits von arte und 3sat wird da kein anderer Kultursender angezeigt.

Ich bin der Endverbraucher. Nach der Werbewirtschaft, der politischen Lobby und anderen Zeitgeistfabrikationsanlagen bin ich derjenige, der das Produkt TV braucht und verbraucht. Kein Verbraucherschützer steht mir da zur Seite. Soll ich meine Sehbereitschaft denen anvertrauen, welche die wahren Interessen des Publikums zu kennen vorgeben? Drei Krimis hintereinander als programmatische Spitzenleistung? Albernes Schunkeln als geistiger Bewegungsfaktor? Das kichernde Kreischen eines Studiopublikums als vox populi? Aber bitteschön: Jedermann sei seine Vorliebe vergönnt. So viel Freiheit ist doch wohl selbstverständlich.

Wer zu der elitären Minderheit der Kunstfans und Kritikliebhaber gehört wie ich, muss sich ohnehin selbst orientieren. Die lügnerische sogenannte Einschaltquote geht ja immer vom »ist« oder »war« aus, nie von einem »soll« oder »kann«. Sie tut so ergebnisoffen, und weiß es doch immer schon im Vorhinein, was »geht« und was nicht. Wenn sie auf Gedeih und Verderb populistischen Zuschauer-Quantitäten ausgesetzt würden, könnten Kunst und Kultur gleich Suizid begehen. Seit die Privatsender dazu übergingen, nur die primitive Kaufkraft ihres Publikums statt seine geistige Potenz zu mobilisieren, ist der Offenbarungseid geleistet. So, wie sich das Finanzgebaren der Banken von einer Nutzbarkeit für die Gesellschaft im Ganzen verabschiedet hat, ist Privatfernsehen als gesellschaftlicher Bildungsfaktor längst abgemeldet. Wer Jux und Tollerei mit Beifallkonserven unterlegen muss, und filmische Knalleffekte auf Teufel komm raus beschwört, entzieht sich jeder seriösen Wertung.

Nun ist ja gegen Werbung grundsätzlich gar nichts zu sagen, wenn sie edlen Zwecken dient. Es wäre naheliegend und ohne weiteres möglich, die von ARD und ZDF längst zusätzlich ins Programm genommenen digitalen Sender zu bewerben. Da passiert jedoch nullkommanichts. Viele, die regelmäßig über das miese Niveau der Sender wehklagen, wissen gar nichts von »eins plus«, »eins extra«, »eins festival« – und andererseits »zdf info«, »zdf neo« (neuerdings statt »zdf doku«), »zdf theaterkanal«. Fast mühelos wären die technischen Hürden zu nehmen, und mit »br alpha« zusammen hätten sie ein weites Feld aktuellster und kultiviertester Bildung vor sich. Selbst wenn bei »eins plus« die Kochkunst alles andere mit köchelnden Zelebritäten eindampft, und »zdf neo« den Schnellsprechrekord in Soap-Formaten der höheren Weihe anzustreben scheint – auf all diesen Kanälen könnten gar viele fündig werden. Seit »zdf theaterkanal« von 9 bis 2 Uhr nachts nonstop ein Mix aus Jazz und Oper, Songs und Lyrik, Drama und Kabarett, Foyer- und anderen Gesprächen anbietet, ist alles offen.

Dagegen sind die offiziellen Kulturmagazine »titel, thesen, temperamente« (ttt) und »Aspekte«, »Metropolis« und »Kulturzeit« zwar etabliert, jedoch zumal in der Sendezeit ständig verunsichert. Kurz vor Mitternacht kulturelle Info-Flaggschiffe zu starten – eine Sparmaßnahme der Sonderklasse. Nur Kulturzeit auf 3sat hat von 19.20 Uhr an 40 Minuten Zeit, gründlich zu informieren – und zwar täglich. Moderiert wird im allgemeinen klug und ohne den Lächelzwang, der die Ansagen der anderen oft so peinlich macht. Gutes Grinsen ein Gewinn – ein Privileg platter Profis. Allerdings tauschen Sender hemmungslos untereinander aus. Wenn Filme wie »Poll« oder »PICO« überall mit demselben Beitrag vorgestellt werden, mag das Chris Kraus und Philip Koch als Schöpfer nützlich sein. Jedoch Sybille Skirachers Recherche »Wie der Sex nach Deutschland kam« auf allen Sendern als grandiose Entdeckung zu feiern, grenzt schon an Blasphemie.

Die Arbeitsteilung ist unverkennbar. Wenn ttt mal Spitze ist, hat es Grenzüberschreitendes zu bieten, wie einst der »Kulturweltspiegel«. »Aspekte« leidet arg an Abnutzung, und wird nur noch von »N 3 Kultur« und »Westart« an billiger Machart unterboten. Stuttgart lädt im Abseits des SWF einen Abend zu »Nachtkultur«, den andern zu »Nachtcafe« ein. Bei Wieland Backes sitzen Erlesene tiefsttraurig höchstmotiviert auf Weststühlen, auf denen nie ein Ostarsch Platz nehmen darf. Inzwischen sind »artour« und »capriccio« als sächsische und bayrische Glanzlichter zu einem Leuchten gekommen, das »Stilbruch« und »Hessenkultur« in den Schatten stellt. Die Nordlichter witzeln wenigstens mit »Extra drei« so frech wie eh und je, während RBB Tita von Hardenberg ihre satirischen Anwandlungen längst abgewöhnt hat.

Privat sendend ist man politisch korrekt bis zum Übelwerden. Wenn man bedenkt, dass Geert Müller-Gerbes’»Wie bitte?!« in den 90ern sich mal auf RTL knallhart der Alltagssorgen der Zuschauer annahm, welcher Absturz! Oder wie VOX nunmehr angewidert die tiefschürfenden dctp-Bildessays Alexander Kluges ersatzlos hinter sich gelassen hat. Einsam leuchten uns die »Simpsons« auf Pro Sieben jeden Abend weither aus einem aufgeklärten Amerika mit ihren Geistesblitzen heim. In unseren Fernsehabend einsteigend, finden wir bei Wallander nördlich oder Brunetti südlich zeitkritische Krimis. Wenn dort nicht gerade der Kölner Archivsturz schöngefärbt wird, dürfen wir im WDR montäglich über »Die Story« staunen.

Oder wir vertrauen uns einem erfahrenen Investigator wie Hubert Seipel an, wenn er kundig »Josef Ackermanns Welt« seziert. Darin wird auf alle Fälle moderne Geldmacherei überzeugender ad absurdum geführt als in der auf halben Weg abgebrochenen Carsten-Maschmeyer-Story. Da durfte für den NDR Christoph Lütgert kurz vor der Rente noch mal mutterseelenallein einen Giganten attackieren. Die große Frage ist nun – wird es weiterhin brillante kritische und kultivierte TV-Publizistik mit Hintergrund und Tiefenschärfe geben?

Der Autor ist Zeichner, Buchautor, Publizist und ND-Karikaturist.

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