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Spürt auch Gaddafi den Volkszorn?

Widersprüchliche Beobachtungen in Libyen

Rund um den Tag des Zorns am 17. Februar sollen in Libyen bei Demonstrationen in verschiedenen Städten Dutzende Menschen gestorben sein, viele Demonstranten wurden festgenommen.

Er war zwar am Tag des Zorns mittendrin, aber nicht dabei. Der Programmleiter eines Infrastrukturprojektes in Benghasi, der um Anonymität bat, berichtete gegenüber ND, er sei nach dem Aufflammen der Proteste von Regierungsbeamten angewiesen worden, sein Apartment nicht mehr zu verlassen. Doch habe er von dort am Abend Schüsse gehört. Er könne allerdings nicht ausschließen, dass es sich um Feuerwerk handelte. Die Sicherheitsberater seines Arbeitgebers erwarteten jedenfalls derzeit nicht, dass sich die Situation weiter zuspitze, »aber die Lage insgesamt sei doch ziemlich unberechenbar«.

Am Tag des Zorns kam es in El Baida, Benghasi, Zenten, Derna und Ajdabiya zu Protesten gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi. Dies bestätigte gegenüber ND Heba Fatma Morayef, die von Kairo aus für Human Rights Watch arbeitet. Morayef liegen Augenzeugenberichte vor, wonach mindestens 24 Demonstranten durch Sicherheitskräfte getötet worden seien.

Nach ihrer Einschätzung wurden die Proteste am Donnerstag »definitiv von den Ereignissen der Nachbarländer beeinflusst«. Dem widersprach gegenüber ND Renate Eisel, die in Tripolis wohnt und als Deutschlehrerin arbeitet. Aufstände im Osten Libyens hätten Tradition. Nur würden sie derzeit wegen der Ereignisse in Tunesien und Ägypten stärker vom Westen beachtet. Zwischen den drei besiedelten Gebieten Libyens im Nordwesten, im Nordosten und im Süden liegen jeweils mehr als tausend Kilometer Wüste. »Diese drei Landesteile haben sich in den vergangenen Jahrhunderten getrennt voneinander völlig unterschiedlich entwickelt und haben nichts miteinander zu tun«, schätzt Renate Eisel ein. Im Nordosten sei die Stammeszugehörigkeit viel stärker ausgeprägt als in den anderen Landesteilen. Dies erkläre die Aufstände dort. Zudem werde vor allem in El Baida der 1969 gestürzte König Idriss as-Senussi noch immer innig verehrt.

Diese Hintergründe kämen »in der von Vorurteilen geprägten Berichterstattung des Westens zu kurz, die zudem von Journalisten geleistet wird, die niemals vor Ort gewesen sind«, erläutert Frau Eisel, die Libyen sehr gut kennt und schon in den 80er und 90er Jahren für einige Zeit im Land war. Sie wohnt in der Innenstadt von Tripolis unweit des 110 mal 160 Meter großen Grünen Platzes und hat daher die Ereignisse miterlebt: »Die vom Regime initiierte Demonstration hatte Volksfestcharakter, wie wenn die Fans nach einem gewonnenen Bundesligaspiel auf die Straße gehen, Lieder singen und feiern. Nur ist in Libyen kein Alkohol mit im Spiel.« Laut Eisel feierten ein paar Tausend Leute auf dem Platz: »Passanten guckten, die Polizei regelte den Verkehr. Das, was sich bei den jungen Menschen geäußert hat, war Lebensfreude.« Allerdings, räumt sie ein, werde der Jugend wenig geboten. Wenn dann mal etwas auf dem Grünen Platz stattfinde, »dann machen die sofort mit, egal wer dazu aufruft. Das ist die Alles-Geht-Haltung einer jungen Generation, die würden bei entsprechenden anderen Kundgebungen auch für die andere Seite schreien.«

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