Cottbuser couragiert auch in Dresden

Busse fahren zu Aktionen gegen Nazi-Aufmarsch / NPD-Kreisvorsitzender zeigte Abgeordnete an

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Widerstand gegen Europas größten Naziaufmarsch in Dresden leisten, das wollen am heutigen Sonnabend auch viele Brandenburger, darunter Abgeordnete der Linkspartei wie Bettina Fortunato und Landtagsfraktionschefin Kerstin Kaiser. Durch Courage, Beharrlichkeit und zivilen Ungehorsam vieler Menschen könnten die Neonazis gestoppt werden, erklärten Kaiser und Fortunato vorher.

Auch aus Cottbus sollen Busse mit Gegendemonstranten in die sächsische Hauptstadt fahren. Erst am Dienstagabend hatte es in Cottbus einen NPD-Aufmarsch mit 200 Teilnehmern gegeben. Augenzeugen berichteten anschließend, dass ganz vorn Neonazis aus Dresden mitliefen. Die Anlässe gleichen sich.

Am 15. Februar 1945 gab es einen alliierten Bombenangriff auf Cottbus. In einer zeitgenössischen Tagebucheintragung heißt es: »Die Keller wackelten fast ... Die Branitzer 44 ist total zerstört, unsere Wohnung (Branitzer Str. 45) lädiert, Schlafzimmer und kleines Zimmer hinüber, wir sollen ausziehen und wissen noch nicht wohin ... Kaum eine Fensterscheibe ist in der ganzen Stadt erhalten, wir haben alles mit Pappen verkleidet.« So vermerkt in dem Sammelband »Die Russen sind da« (Lukas Verlag, 2011). Durch den Luftangriff auf den Bahnhof und die Südstadt gab es schwere Zerstörungen und viele Tote.

Rechtsextremisten möchten dies für ihre Zwecke propagandistisch ausschlachten. Alle Jahre wieder trommeln sie ihre Leute zu einem Trauermarsch zusammen. Dagegen wehrten sich diesmal 1000 Menschen, dazu gebeten vom »Cottbuser Aufbruch« und vom Bündnis »Cottbus nazifrei«. Letzteres erklärte in seinem Aufruf: »Wir trauern um alle unschuldigen Opfer des deutschen Angriffskrieges, wollen aber verhindern, das Täter zu Opfern gemacht werden ... So setzen wir ein sichtbares Zeichen gegen die Geschichtsverdrehung der Nazis und gegen den bundesweiten Opfermythos der rechten Szene.« Terror sei zuerst von deutschem Boden ausgegangen, »am 15. Februar 1945 kam dieser Schrecken in unsere Stadt zurück«. Der Bahnhof sei von den alliierten Bombern attackiert worden, weil er ein Verkehrsknotenpunkt war und dort Munitionstransporte lagen. Der Luftangriff auf die Südstadt habe der dort ansässigen Rüstungsindustrie gegolten.

Die Aktionen gegen den Nazi-Aufmarsch wertete »Cottbus nazifrei« hinterher als Erfolg. In der Thiemstraße, in der Eilenburgerstraße und in der Straße der Jugend sei es mehrmals gelungen, den Weg zeitweilig zu blockieren. Hunderte Menschen liefen und setzten sich dazu auf die Straßen. Während der Eröffnungskundgebung der Nazis auf dem Bahnhofsvorplatz sei an den Fahnenmasten gegenüber ein Transparent gehisst worden. »Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus«, habe darauf gestanden. Es sei gelungen, die Protestform des zivilen Ungehorsams in Cottbus zu etablieren und die Nazidemonstration »deutlich zu verzögern«. Leider seien aufgrund teilweise massiv angewendeter Gewalt durch Polizisten Verletzte unter den Gegendemonstranten zu beklagen, unter ihnen ein Schwerverletzter. Er habe mit einem Knüppel einen Schlag gegen das Ohr bekommen und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten.

Die Blockaden haben eventuell ein juristisches Nachspiel. Der Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Lausitz, Ronny Zaswok, stellte gegen Unterstützer von »Cottbus nazifrei« Strafanzeigen wegen angeblichen Aufrufens zu Straftaten. In seiner Liste tauchen Vereine und Verbände wie die Grüne Liga, Initiativen wie Attac, Gewerkschaften und einzelne Personen auf. Zu den genannten Politikern gehören der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Neskovic, die Landtagsabgeordneten Carolin Steinmetzer-Mann, Birgit Wöllert und Gerd-Rüdiger Hoffmann (alle LINKE) sowie Kerstin Kircheis (SPD) und Sabine Niels (Grüne).

Nach Angaben von »Cottbus nazifrei« wurde unter den Faschisten ein Mann gesichtet, der sich 1999 in Guben an der tödlichen Hetzjagd auf den algerischen Asylbewerber Farid Gouendoul alias Omar Ben Noui beteiligt hatte und dafür verurteilt wurde. Nach seiner Entlassung aus der Haft bemühte sich der Mann bei der Kommunalwahl 2008 erfolglos um einen Sitz in der Gubener Stadtverordnetenversammlung. Er kandidierte damals für die NPD.

Die Erklärung zum 15. Februar 2011 beendete »Cottbus nazifrei« mit dem Hinweis: »Wir sehen uns in Dresden!«

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