Jens Grandt 19.02.2011 / Debatte

Eine einheitliche Linke hat es nie gegeben

Gunst und Gift des Pluralismus

Auf einem Flur der Berliner Akademie der Wissenschaften stand – 1974, wenn ich mich nicht täusche – Walter Markov im Kreis junger, ihm offensichtlich vertrauter Wissenschaftler aus Leipzig. Die Türen zum Leibniz-Saal offen. Die Gelehrten versammelten sich, um seinen Vortrag über die »äußerste Linke« während der Französischen Revolution 1789 bis 1794 zu hören. »Mal sehen, ob wir mit unseren Ansichten durchkommen«, sagte Markov. Rätselhafte Bemerkung. Wieso sollte der hochgeachtete Revolutionsforscher und Universalhistoriker auf Ablehnung stoßen? Nach zwei Stunden war die Brisanz seiner Ausführungen klar. Walter Markov hatte dargelegt, dass es in der Französischen Revolution nicht eine, nicht »die Linke« gab, sondern dass »die Linke« von Anfang an aus unterschiedlichen Strömungen bestand. Als nach dem Sturm auf die Bastille die erste Nationalversammlung im Reitsaal der Tuilerien zusammentrat, saßen die »Schwarzen« oder »Aristokraten«, zunächst fast ausschließlich Monarchisten, vom Präsidium aus gesehen auf der rechten Seite des Auditoriums. Die Patrioten, die die Revolution vorantreiben wollten, fanden sich auf der linken Seite ein. Etiketten haben meistens sehr trivialen Leim. Die Gruppierungen waren keine Parteien im heutigen Sinne, sondern Zusammenschlüsse von Protagonisten, die sich gemäß ihrer Gesinnung ergänzten. Die Ziele und das Personal veränderten sich mit den Etappen der Revolution. Aber das Grundschema – stark vereinfacht: Bremser rechts, Fortschreiter links – hat sich über die Zeiten erhalten. Nach intensiven Quellenstudien konnte Markov nachweisen, dass mit den gängigen Vorstellungen von »Sansculotten« und »Jakobinern« das Spektrum der treibenden Volkskräfte bei Weitem nicht erfasst wird. In jenem lange Zeit ungenutzten Kloster, in dem der Klub der Jakobiner tagte, versammelten sich auch die Hebertisten, nach Jacques René Hébert benannte Ultraradikale. Dann gab es die intellektuellen Extremisten, die ihre Gesellschaftskritik nur den Schriften anvertrauten. Sie unterstützten aus pragmatischen Gründen Robespierre, die »Bergpartei« (Montagne), gelangten aber oft zu weiter reichenden Schlussfolgerungen als die eigentlichen Akteure. Markov bezeichnete sie als den »Treibsand der Revolution«. Schließlich traten noch die Enragés auf, die »Wütenden« mit ihrem Wortführer Jacques Roux, plebejische Gleichheitsfanatiker. Und dann erscheint Babeuf, der Bannerträger des utopischen Kommunismus. Walter Markov differenzierte die »äußerste Linke« und warnte davor, ihre Auszweigungen zu missachten. Damit war gesagt, dass schon im blutgetränkten Beet der Großen Revolution der Franzosen mehrere »linke« Pflänzchen keimten. Sie streuten ihre Samen in das kommende Jahrhundert, und etliche Mutationen führten zu noch ganz anderen, kräftigeren Spezies. Dieser Befund behagte den Einheitsideologen der SED nicht. Auf die »Parteilinie« eingeschworen, hat die staatstragende Orthodoxie jede abweichende Meinung geahndet. Bereits 1951 war auch Markov mit der an den Haaren herbeigezogenen Begründung des Titoismus aus der Partei ausgeschlossen worden; er betrachtete sich seitdem als »Kommunist ohne Parteibuch«. Wenn wir die Geschichte der Arbeiterbewegung, des Emanzipationskampfes insgesamt, Revue passieren lassen, sehen wir, dass in allen Epochen verschiedene Stränge und Strebungen wirkten. Nach der Niederlage der 1848er Revolution und einer Phase der Reaktion konkurrierten – von den Utopisten (Weitlings Gefolge) abgesehen – die von Marx und Engels überzeugten Kreise mit den Lassalleanern. Zwar glaubte Friedrich Engels, mit dem zweiten, dem Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie sei die Partei im Wesentlichen auf marxistischen Positionen angekommen. Aber die Sozialdemokratie war in ihrer Mehrheit nie »marxistisch«, jedenfalls nicht im Sinne der revolutionären und radikalen Gesamtkonzeption von Karl Marx. Manche Interpreten meinen, Marx habe durch seine Unversöhnlichkeit ungewollt zur Spaltung der Linken beigetragen. Gewiss, Florett und Degen des Polemikers verletzen.

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