Werbung

Verzweiflung am Pflegebett

Überforderung und ökonomischer Druck führen in Heimen und Familien zu Gewalt

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Untersuchungen zufolge wird 350 000 Mal im Jahr Gewalt gegen Pflegebedürftige Menschen ausgeübt – zu Hause und im Heim. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer viel höher liegt.

Es reicht immer für einen öffentlichen Skandal, wenn sich eine auf dem Rollstuhl festgebundene Demenzkranke bei »unvorhersehbaren Bewegungen« selbst stranguliert. Mehr als 80 Prozent der Fixierungen dauern länger als acht Stunden. Diese und andere Formen des Freiheitsentzuges gibt es in der Pflege täglich und in allen Bereichen. Das reicht bis hin zu den Familien, die den verwirrten Großvater lieber im Zimmer einsperren, als einen Treppensturz zu riskieren.

Gewalt ist aber nicht nur physisch – auch Kränkungen, Unterlassungen und Nötigung gehören dazu. Vom bösen Wort ist es nicht weit bis zum Anschreien oder Schlagen. Auch strafrechtlich ist der Rahmen groß, er reicht von Beleidigung über die Misshandlung von Schutzbefohlenen bis zum Mord. Hinzu kommen als ein weiteres Themenfeld Übergriffe von Pflegebedürftigen auf die Menschen, die in Heimen, Krankenhäusern und Familien für sie sorgen.

Nach Hochrechnungen sind es bis zu 350 000 Fällen pro Jahr, in denen gegen ältere Menschen Gewalt ausgeübt wird. Mit einer besonders hohen Dunkelziffer wird in der familiären Pflege gerechnet. Von den heute rund 2,3 Millionen Pflegebedürftigen werden etwa 1,6 Millionen zu Hause betreut, der Sozialverband VdK zählt noch 2,5 Millionen andere alte, gebrechliche und verwirrte Menschen hinzu, die in Familien versorgt werden, die dafür aber nichts aus der Pflegekasse bekommen. Der Psychologe Thomas Görgen von der Deutschen Hochschule für Polizei Münster sammelte Daten zu den Gewalterfahrungen von Hochbetagten. Die von ihm befragten Angehörigen gaben zu 53 Prozent mindestens einen Übergriff im letzten Jahr zu. Bei den ambulanten Pflegekräften bejahten 40 Prozent die gleich Frage, 18 Prozent räumten sogar häufigere Übergriffe ein.

Die Hintergründe für den unfreundlichen Umgang liegen häufig in Überforderung. Pflegende Familien stehen sowohl unter moralischem als oft auch unter existenziellem Druck. Die professionellen Kräfte müssen ständig wachsender Arbeitsbelastung gerecht werden. Aber auch die Alten und Gebrechlichen können noch Macht ausüben: Vor allem verbal wird drangsaliert oder Mühe missachtet.

Der Deutsche Pflegeverband empfiehlt unter anderem, in den Teams Frühwarnsysteme und Deeskalationsstrategien zu entwickeln, um Aggression und Schäden rechtzeitig zu erkennen. Offenbar reichen auch Weiterbildung und Supervision für die Pflegekräfte allein nicht aus. Zu diesem Schluss kamen vor einigen Jahren Richter und andere Interessierte ganz im Süden der Republik. In Garmisch-Partenkirchen wurde der »Werdenfelser Weg« eingeschlagen. Mit Hilfe dieses Projektes konnten freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege reduziert werden. Spezielle Verfahrenspfleger mit juristischen und Pflegevorkenntnissen prüfen bei jeden Antrag sofort und gemeinsam mit den Einrichtungen die Alternativen. Denn häufig fürchten sich Pflegeheime, Mitarbeiter und Ärzte vor einer möglichen Haftung und verlieren so die Lebensqualität ihrer Patienten aus dem Blick.

Von hunderten dramatischen Einzelfällen berichten Beratungsstellen wie »Pflege in Not«. In Berlin und Brandenburg können sich hier Menschen aus allen beteiligten Gruppen telefonischen Rat holen. Zur Entlastung der Familien sind nicht nur, wie jetzt von Gesundheitsminister Rösler generös gefordert, Kuren und mehr Rollstühle nötig. Die Angehörigen brauchen einfacheren Zugang zu ambulanten Pflegediensten. Vielen wäre auch geholfen, wenn sie deutschen Pflegeheimen mehr Vertrauen schenken könnten.

www.pflege-in-not-berlin.de

www.pflegeinnot.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen