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Die Party ist vorbei – bei uns und anderswo

Zum Abschluss: Unpassende Comedy. Ins Netz verbannte Jury-Urteile. Und richtige Entscheidungen.

Warum treffen wir nur immer wieder Anke Engelke bei Gelegenheiten, wo wir sie gar nicht treffen möchten, etwa der Berlinale-Preisverleihung? Das ist doch eine ernste Sache, nicht nur ernst, aber vor allem ernst – und warum quält uns Festivalpräsident Dieter Kosslick dann im Wiederholungsfall mit so unpassender Comedy? Bloß nicht würdig und ernst sein, nur immer leicht und lustig, sonst könnte der Zuschauer wegzappen.

Aber wer im Berlinale Palast oder bei 3 sat dabei ist, der interessiert sich nicht für Anke Engelkes Sprüchemacherei, sondern fürs Kino. Engelkes Berlinale-Resümee lautet, alles sei dabei gewesen, »Katzen, ein leerer Platz, 3D-Brillen«. Ja, so kann man die sechzehn zumeist wichtigen Wettbewerbsfilme auch in der massenkulturellen Nichtigkeit verschwinden lassen. Und dass das iranische Jury-Mitglied Jafar Panahi fehlte, weil dieser Regisseur in seiner Heimat aus politischen Gründen zu Gefängnis und Berufsverbot verurteilt wurde, ist dramatisch, selbst wenn man hier versucht, sich davon die Partylaune nicht verderben zu lassen. Sollte man aber, denn die Party ist vorbei, nicht nur anderswo, auch bei uns.

Statt die Möglichkeiten zu nutzen, eigene Urteilsmaßstäbe für Kunst sichtbar zu machen, lässt man die Jurybegründungen für die prämierten Filme einfach weg, genauer: Man verlegt sie ins Internet. So geht es noch schneller und Engelke und Kosslick haben noch mehr Zeit zum lustigen Plaudern. Vielleicht sollte man künftig die Namen der Preisträger nur noch auf die Berlinale-Homepage stellen? Das ist nicht weniger als die moralische Bankrotterklärung eines der weltweit wichtigsten Filmfestivals.

Man spricht diesmal fast durchweg englisch bei der Preisverleihung, auch die prämierten Deutschen, wenn sie von einem deutschen Jury-Mitglied einen Preis bekommen. Das ist dann wahre Comedy. Die meisten der Preisträger fassen sich kurz, wissen, sie sollen hier den Betrieb nicht aufhalten. Am besten, man sagt nur danke.

Bei den Kurzfilmpreisen fällt eine Dokumentation von Konrad Mühe über seinen Vater Ulrich auf. Die möchte ich gern bald im Ganzen sehen. Die Präsidentin der internationalen Jury, Isabella Rossellini, wird von Anke Engelke mit den Worten vorgestellt, sie stehe auf »total abgefahrene, etwas seltsame Filme«. Schön, wenn man immer die passenden Worte findet. Gewiss meint sie damit solche Meisterwerke des Vaters der Jury-Präsidentin Roberto Rossellini wie »Stromoboli« mit ihrer Mutter Ingrid Bergman, oder »Rom, offene Stadt« und »Deutschland im Jahre null«. Richtig ist, dass Isabella Rossellini, die einmal sagte, der wichtigste Mann in ihrem Leben sei ihr Vater, in ihrem Urteil darüber, was einen künstlerischen Wert hat, sehr rigoros ist. Denn alle Filme Roberto Rossellinis gingen in die Filmgeschichte ein und alle waren sie kommerzielle Misserfolge. Solchen Werken eine Bühne zu bieten, ist Aufgabe der Berlinale.

Nur zwei Filme im Wettbewerb konkurrierten ernsthaft um den »Goldenen Bären«: Asghar Farhadis »Nader und Simin, eine Trennung« (ND vom 16.2.) und Béla Tarrs Epos »Das Turiner Pferd« (ND vom 17.2.). Darüber waren sich die Kritiker in diesem Jahr einig wie nie. Wer jedoch bei den letzten zehn Berlinalen war, wusste auch, dass eine Jury noch nie den Kritiker-Favoriten prämierte.

Es spricht für diese Jury um Isabella Rossellini, dass sie darauf verzichtete, sich mit einer überraschenden Entscheidung zu profilieren. Bestenfalls der Silberne Bär für die Beste Regie an Ulrich Köhlers »Schlafkrankheit« kann als eine Konzession an den Gastgeber gelten, es hätte für diesen Preis ein Reihe Anwärter gegeben. Erstaunlich auch, wie leer die amerikanischen Filme ausgingen, so der spannende Börsenthriller »Margin Call« von JC Chandor oder der eindrucksvolle Blick in den Abgrund aus Gewalt im Ghetto-Drama »Yelling to the Sky« von Victoria Mahoney. Für Andres Veiel blieb der Alfred-Bauer-Preis, der allgemein als eine Art Trostpreis gilt, für sein sehenswertes Debüt als Spielfilmregisseur »Wer wenn nicht wir« (ND vom 19./20.2.) über die Vorgeschichte der RAF. Hier fehlte jedoch jene Durchbruchstelle, die das Panorama zum Drama werden lässt. Dass jedoch die beiden herausragenden Hauptdarsteller August Diehl als Bernward Vesper und die bislang völlig unbekannte Lena Lauzemis leer ausgingen, ist schade.

Stattdessen also teilten sich Béla Tarr und Asghar Farhadi die begehrtesten Bären. Béla Tarr bekam für sein »Turiner Pferd« den Großen Preis der Jury. Eine salomonische Entscheidung, denn Tarr, dessen Filme einen einmaligen Kosmos aus Langsamkeit erzeugen, hat längst einen solchen Preis für sein Gesamtwerk verdient. Und nun verkündete er zudem, dies sei sein letzter Film (Tarr ist erst 55 Jahre alt). Also hatte die Jury nur die Möglichkeit, ihm hier und jetzt einen Preis zu geben – für einen Film, der bei mir einen zwiespältigen Eindruck hinterließ und ganz gewiss nicht sein stärkster ist. Aber immerhin, was für eine Konsequenz, mit der er auf jede konventionelle Handlung verzichtet! Tarr ist ein Philosoph der Bilder und als solcher zweifellos ein Meister. Nicht nur seine Filme sind ungewöhnlich schweigsam, auch er selbst – zumindest bei dieser ihm sichtlich nicht behagenden schnöden Preisverleihungsshow. So nahm er seinen Bären, winkte kurz ins Publikum und ging – ohne ein Wort – am Mikrofon vorbei, zurück auf seinen Platz.

Warum sollte er auch etwas sagen, wenn über seinen Film und darüber, warum er diesen Preis überhaupt bekommt, hier kein Wort zu hören war? Diese offene Nichtachtung machte fast alle Prämierten sichtlich einsilbig.

Im Interview zuvor hat Tarr sich dann doch über den Kulturkampf, der sich derzeit in Ungarn abspielt, geäußert. Die Freiheit der letzten zwanzig Jahre werde schrittweise wieder zurückgenommen, gegen unabhängige Intellektuelle laufen hässliche Kampagnen. Gefragt, ob er dann nicht lieber im Ausland leben wolle, antwortete er: »Ich bin Ungar. Diese Regierung ändert gerade die Verfassung und stellt sich auf 20 Jahre Amtszeit ein. Aber sie muss weg. Nicht ich.«

Der große Gewinner des Abends war der iranische Beitrag »Nader und Simin, eine Trennung«. Keine Überraschung, aber alle waren erleichtert, als er dann tatsächlich als Gewinner des Goldenen Bären verkündet wurde. Zuvor hatte er sowohl den Silbernen Bären für den besten männlichen, als auch den für den besten weiblichen Schauspieler erhalten – jeweils als Ensemble-Preis. Das ist ein konsequentes Bekenntnis zu dem filmischen Ereignis des Wettbewerbs.

Der tiefe Riss in der iranischen Gesellschaft wird sichtbar, die Not aller, nicht länger weiter so leben zu können wie bisher. Farhadi ist ein Mann des neuen Iran, einer, der die Dramatik der Widersprüche zwischen arm und reich, religiös und aufgeklärt, deutlich macht und sich trotzdem offen zeigt für Traditionen verschiedenster Art – bereit zu Ausgleich und Versöhnung ist. Kein Polemiker, sondern ein Künstler, der sich für sein Land verantwortlich weiß.

Er beschreibt die Situation in seiner Heimat so: »Ich hoffe jeden Tag, aber ich habe auch Angst.«

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