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Kämpfe und Erfolge

Dem Maler und Zeichner Willi Sitte zum 90. Geburtstag

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Mit 90 Jahren kann Prof. Willi Sitte mit berechtigtem Stolz auf das zurückschauen, was er geleistet und erlebt hat. Er darf den Dank und die Glückwünsche Vieler entgegennehmen, auch von dieser Zeitung und dem Autor dieser Zeilen. Vor über 60 Jahren berührten sich unsere Wege zum ersten Mal.
Das Ölgemälde »Wasserplansch«, 1995
Das Ölgemälde »Wasserplansch«, 1995

Zwei Handlungsstränge, die in einem komplizierten Verhältnis zueinander stehen, muss der Rückblick erfassen. In erster Linie wollte Sitte, wie jeder Künstler, mit einer unverkennbaren Eigenart erfolgreich sein. Gleichzeitig setzte er sich entschieden dafür ein, in einer Gesellschaftsordnung ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg leben zu können, die auch der Kunst zugute käme. Bei Versuchen, beide Absichten zur Deckung zu bringen, musste er bittere Enttäuschungen verkraften. Die Entfaltung seiner Kunst ist geradezu ein Paradebeispiel für die von der Kunstwissenschaft jetzt weithin anerkannte Tatsache, dass die persönlichen Entscheidungen eines Künstlers für seine Schaffensziele durch äußere Umstände, unter denen er lebt und arbeitet, maßgeblich beeinflusst werden, ganz gleich, wie weit ihm das selbst bewusst wird.

Seit 1947 wohnt Sitte in Halle an der Saale. Im Jahr darauf schloss er sich der dortigen Künstlergruppe »Die Fähre« an. Er konnte bereits perfekt altmeisterlich zeichnen und war jetzt dabei, auch als Maler eine ganz andere, zeitgemäße Ausdrucksweise zu gewinnen. So vielfältig wie wohl kein anderer, aber im Austausch mit Malerfreunden, prüfte er nach- und nebeneinander verschiedene Möglichkeiten surrealistischer, kubistischer, expressionistischer, abstrakter und realistischer Gestaltung, wie sie ihm in Ausstellungen in Berlin und der Kunsthandlung Henning in Halle oder wenigstens durch Abbildungen bekannt wurden und auch von Älteren wieder wie vor der Nazizeit praktiziert wurden. 1951 begann er an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein zu unterrichten – bis zur Emeritierung 1986. Etwa zwanzig Jahre lang musste Sitte darum ringen, dass Gesellschaft und Staat der DDR seinen Beitrag zum Profil der bildenden Kunst akzeptierten. Bündnisse und Konkurrenzkämpfe mit Künstlern, Meinungsverschiedenheiten von Kunstkritikern und vor allem ein Wechselbad von Förderung und Maßregelung seitens Instanzen und Funktionären der Partei, der er aus Überzeugung angehörte, wirkten auf sein Schaffen.

Das befasste sich nebeneinander mit ganz verschiedenen aktuellen, historischen, mythologischen und privaten Themen in unterschiedlichen Formen. »Kampf der Thälmannbrigade in Spanien« (1954- 58) war das erste Bild, bei dem örtlich und zeitlich verschiedene Szenen auf drei Tafeln verteilt waren. Später konnte diese komplexe Veranschaulichung wechselseitiger inhaltlicher Zusammenhänge auch auf einer einzigen großen Bildtafel erfolgen, zum Beispiel »Leuna 1969«.

Obwohl das einem traditionellen Realismusverständnis widersprach, wurde es schließlich als eine neue realistische Möglichkeit angesehen, um politisch wichtige Themen eindringlich vor das Publikum zu bringen. Doch Sitte selbst wandte dies keineswegs immer an. Seine Malweise wurde heftiger, skizzenhafter, wozu er sich nicht mehr von Picasso oder Léger, sondern von Lovis Corinth anregen ließ. Figuren in seinen Bildern waren fast durchweg in lebhafter Bewegung erfasst, und füllige Frauenakte oder stürmische Paarungsszenen provozierten durch ihre Sinnlichkeit. Das blieb bis heute so. Andere gute Maler im Lande arbeiteten ganz anders. Weil westdeutsche Kritiker die Veränderungen bei Leipziger Malern zuerst wahrnahmen, kann man heute bei unbedarften Autoren den Unsinn lesen, dass der Hallenser Sitte zur Leipziger Schule gehörte.

1969 wurde Sitte in die Akademie der Künste gewählt, beteiligte sich aber kaum an ihrer Arbeit. Wichtig war ihm nur der Verband Bildender Künstler, dessen Präsidentschaft ihm die Partei 1974-88 zuteilte. Er erwirkte dem Verband mehr Einfluss auf die Kunstpolitik und seinen Mitgliedern bessere Einkünfte und Ausstellungsmöglichkeiten, auch im westlichen Ausland, schuf sich andererseits Neider und Feinde, die sich nach 1989 an ihm zu rächen versuchten. Er wurde zu dem am häufigsten in den Medien angegriffenen bildenden Künstler und verstand seinerseits den verbreiteten Wunsch nach einem besseren Leben im vereinigten Deutschland so wenig, dass er heftige Angriffe auf die mittelmäßigen »Wendehälse« malte und zeichnete und in Ostdeutschland nicht mehr ausstellen wollte.

Im Westen Deutschlands ließen sich hingegen einige nicht davon abhalten, die Erfindungs- und Gestaltungskraft Sittes zu bewundern, über den schließlich 2002 im Katalog einer Ausstellung des Kunstvereins Coburg zu lesen war: »Willi Sitte ist nicht mehr und nicht weniger als einer der bedeutendsten europäischen Künstler des 20. Jahrhunderts«. Es erschien die umfangreichste Publikation über ihn, an der der Hallesche Weggefährte Wolfgang Hütt mitarbeitete, und Gisela Schirmer (Osnabrück) erforscht sein Lebenswerk. Ein neues Buch von ihr ist für dieses Jahr vorgesehen. Sitte konnte dann dafür gewonnen werden, wieder in Ostdeutschland auszustellen. Er und seine Familie errichteten eine Stiftung von 213 Gemälden und über 1000 Zeichnungen und Grafiken, für die 2006 in Merseburg ein Galeriegebäude eröffnet wurde. Das Galeriecafé ist nach der italienischen Stadt Montecchio Maggiore benannt, wo der aus Nordböhmen stammende Soldat Sitte, der gut Italienisch gelernt hatte, kurz vor Kriegsende die Partisanen unterstützte, weshalb er dort 2008 Ehrenbürger wurde. Auch die Stadt Halle und Sitte versöhnten sich. Ministerpräsident Wolfgang Böhmer würdigte ihn, als er 2007 den Preis für verdiente Bürger Halles empfing, und der Hallesche Kunstverein unter Hans-Georg Sehrt verlieh ihm 2008 den Halleschen Kunstpreis.

Willi Sitte hat nicht mehr die Kraft, an der Staffelei zu stehen, aber was er in Jahrzehnten geschaffen hat, zum Beispiel »Bergung«, »Die Überlebenden«, »Chemiearbeiter am Schaltpult«, »Mensch, Ritter, Tod und Teufel«, »Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg«, »Die Wahrheit begehrt Einlass«, viele Selbstbildnisse und Hommagen an große Künstler, wirkt weiter, so es nicht in Museumsdepots bleibt, zerstört wurde, oder verschollen ist wie das Bild, das er 1960 über die Mordtaten der SS für das Museum in Lidice (Tschechien) malte. Derzeit zeigt ein neues Museum für Aktuelle Kunst des Sammlers Rüdiger Hurrle in Durbach/Baden Werke der 50er Jahre, die Galerie Schwind in Frankfurt am Main Bilder von 1960 bis 2002 und die Merseburger Sitte-Galerie grafische Arbeiten zu »Lust, Leben, Erotik«.


Ausstellungen

»Willi Sitte – Bilder 1960-2002« in der Galerie Schwind, Frankfurt am Main, bis 30. April
»Willi Sitte – Frühe Gemälde 1950-60« im Museum für aktuelle Kunst Durbach, bis 25. April. Zu dieser Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen.

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