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Stuhl vor einem dunklen Korridor

Hartmut Langes unheimliche Geschichten »Im Museum«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Wir wollen fortwährend wissen, wir wollen Gewissheit, wir sind der Logik Verfallene; dem Uneindeutigen geben wir uns bedenkenlos nur hin, wenn es in der Unzweideutigkeit einer Zote auftritt. Ansonsten: Aufklärung als Geheimnisräuberei; die Bedeutungen müssen katalogisierbar, die Zusammenhänge abrufbar sein.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein aber fragt, ob es denn wirklich immer von Vorteil sei, ein unscharfes Bild gegen ein scharfes einzutauschen, er plädiert für eine stärkere Suche just nach unscharfen Bildern. Also nach Abbildungen, die zugleich Hervorbringungen sind. Bilder, bei denen sich der Gewinn des Sehens vor den Wert des Gesehenen schiebt. Bilder, die das, was sie zeigen, in der weisen Schwebe einer nicht besiegbaren Deutungsvielfalt belassen. Denn was wir wahrnehmen, lässt sich nicht auf ein Einziges reduzieren, das den Erkenntnissen geleitend vorgeschaltet ist. Das unscharfe Bild gibt uns einen Mut zur Verunsicherung zurück, der nahe jener Unschuld beheimatet ist, die wir in den Härtungsschulen der richtenden Vernunft verloren.

»Hier ist alles geordnet und einsehbar. Nirgends ein Hinweis darauf, dass hinter den Dingen etwas lauert. Und doch, dachte ich, müsste es, und besonders in diesem Gebäude, eine Möglichkeit geben, zu erfahren, was einen, wenn man das Phänomen der Zeit hinter sich gelassen hat, erwartet.« Der dies sagt, ist Ich-Erzähler in einer der obskur-schönsten Geschichten im neuen Novellenband von Hartmut Lange: »Im Museum«.

Im Deutschen Historischen Museum zu Berlin interessiert diesen Mann ein halbdunkler, kleiner Korridor hinter einem Ausstellungsstück, einer Uhr. Der Korridor ist eher nur die Andeutung eines Gangs. Im Grunde nichts Außergewöhnliches. Aber unsere Bedürftigkeit, unsere Sehnsucht, unser Erkennensdrang richten sich nicht nach Geboten einer Prioritätenliste. Umgeben von unzähligen imposanten Exponaten, ist der Mann von einer Sekunde auf die andere auf diesen Schemen von Korridor fixiert, und eines Tages ist die Uhr ein wenig zur Seite gerückt, und vor der nun entstandenen Blicköffnung steht ein Stuhl. Jetzt kann sich der vom Korridor-Phänomen Hingerissene in Ruhe niederlassen und ins Wesenlose blicken. Als sei auch das, was hinter den Ausstellungsgegenständen doch nur deren staubigen, unattraktiven Hintergrund bildet, nunmehr selbst Teil der Präsentation. Es ist, als habe ein Museumsangestellter Erbarmen mit beidem gehabt: mit dem weggedrängten Unwichtigen wie mit dem Wunsch eines Besuchers, diesem Weggedrängten durch ein geradezu exaltiertes Interesse Würde zurückzugeben. Der Anflug eines Korridors als Vereinigungsgleichnis: Das Unsichtbare gesellt sich zum Sichtbaren. Und ein Stuhl vor dem Nichts, der gemessen an den Gepflogenheiten und Strukturen eines bedeutenden Museums völlig deplatziert wirkt, erweckt doch den Eindruck, Geschichte sei wieder offen und nicht mehr länger reduzierbar auf das lediglich Prunkvolle und Wirkungsvolle.

Die kurze Erzählung über die Anziehungskraft des abseitigen Korridors eröffnet eine der beglückend umdunkelten Metaphern dieses Buches, dessen sieben Geschichten alle im besagten Deutschen Historischen Museum spielen. Dass es von irgendwoher zieht in den langen hohen Räumlichkeiten – es wird einer der Angestellten, die zwischen den Besucherströmen ihren Bewachungsdienst tut, zum Beginn ihres später unaufklärbar bleibenden Verschwindens. Ihr zurückbleibender Pullover mutet zeichengebend an: Da wurde ein belangloses Textil selber zum zeit- und lebenskündenden Exponat, wie es die Ritterrüstungen sind – birgt denn aber der Pullover einer Margarete B. weniger Drama als eine napoleonische Uniform?

Auf wenigen Seiten eine beklemmende Expedition in sehr tief in unserem unteren Bewusstsein angelegte Katakomben. Katakomben jenes Kontakts, den Gegenwart und Vergangenheit, Präsenz und totales Vergessensein aufnehmen können. Wenn wir nur genügend Kraft aufbringen, alles als brüchig, verletzlich und vorübergehend anzusehen, was uns in jenen Momenten, da wir unsere Existenz mit starken Behauptungen von Beständigkeit ausstatten, so unangreifbar und unverrückbar dünkt.

In diesen sieben Geschichten huscht Hitler durch die Nachtschatten des Erdgeschosses, jemand findet nicht mehr hinaus aus dieser ausgestopften Museumswelt, ein Stasi-Offizier begegnet einem einstigen Opfer seiner Verhöre … Es hat wenig Sinn, all dem Wundersamen, Merkwürdigen, Irrealen hier nacherzählend zu folgen, alle Kurzgeschichten zusammen üben eine unwiderstehlichen Sog aus. Das gesamte Novellenwerk Langes kreist um die Melancholie des unstillbar an der Vergeblichkeit des Lebens leidenden Menschen, aber es scheint, in Sinn- und Realbild des Museums habe der Dichter nun den unübertreffbaren Raum gefunden für seine Blicke in jenen »Abgrund des Endlichen«, wie eine seiner jüngsten Novellen betitelt ist.

Und dies in einer Sprache, so entgegengesetzt etwa dem Grauensfieber eines Edgar Allan Poe, der notierte: »Schon die Worte, wie ich sie wähle und setze, stelle ich mir als Gespensterzug vor, der den Schmerz, die Kälte, den Tod ankündigt.« Lange aber verblüfft durch die nahezu unscheinbare Präzision einer Sprache, die sich eher für den Bericht bewirbt als fürs Bedrohliche, fürs Protokoll eher als für den dunklen Gesang. Diese Sprache bleibt in unaufkündbarem Ruheatem einer sachlichen Geschehensabfolge verpflichtet – aber genau das strengst durchgehaltene Lakonische treibt Spannung zwischen die Wahrnehmungsschichten.

Dieser Schriftsteller hat der Geschichte nie gestattet, sich mit Verweis auf die Unabänderlichkeit der Fakten als eisern und ehern zu definieren. Seine metaphysische Lust hat Särge geöffnet und Tote zum Reden gebracht; in der Fülle seiner Gesichte stürzen Zeiten, die einander nie streiften, und Gestalten, die einander nie begegneten, zu lebendiger Konfrontation ineinander. Was vergessen schien, trifft plötzlich wie selbstverständlich auf das, was Epochen überstieg; was als reale Konstellation nach den Gesetzen der Vernunft unmöglich ist, geschieht in diesen Novellen als Vollzug des Unheimlichen – das kein Anfang und kein Ende hat und schon gar nicht Geschichtsschreiber gebräuchlicher Prägung fände, die dies fassen könnten. Hier muss der Poet her, der sich den verfluchten Behauptungen, alles sei erkundbare Gegebenheit, kühn widersetzt, und Hartmut Lange gehört zu den Meistern solcher Aufwirbelungskünste, er gehört zu den Meistern einer Verwischenstechnik von Hell und Dunkel, von Schein und Sein – einem Sein, das doch ebenfalls nur Täuschungskostüm eines weiteren Scheins ist.

Vielleicht lässt sich sagen: Hartmut Lange zu lesen, das ist Aufenthalt in der bedrängenden Verschwommenheitswelt eines Gerhard Richter. Erzähler und Maler – zwei Hauptlehrer in der Oberstufe der Aufkündigungen von gut ausgeschildeter Existenz. In diesen Geschichten im Museum erscheint das Vorstellungsvermögen des Einzelnen als ein Selbststeigerungsbegehren, das sich freilich nicht entfalten kann ohne die Einflüsterungskräfte des Bösen, des Statussprengenden. Denn man verlässt nicht nur neugierig die bisherige Bahn, man wird immer auch erschrocken aus der Bahn geworfen. Bestimmte Ahnungen von einsickernder Daseinsstörung, hervorgerufen durch simpelste atmosphärische Veränderungen, sind irgendwann nicht mehr zu verdrängen – die Fantasie verdunkelt, umnebelt, macht bang, bildet einen Bannkreis der Beklommenheit um die bislang so geregelten Verhältnisse, sei es im Beruf oder in der Ehe.

Hartmut Lange ist somit der sich immer weiter steigernde Fahrtenschreiber unaufhaltsamer Reisen ins Bodenlose. Zentralpunkt auch des vorliegenden Buches ist im Grunde jene Pfütze, vor welcher in Büchners »Dantons Tod« ein Bürger den anderen warnt: Nur nicht hineintreten! Unter dem, was so flach anmutet, könnte das alles Verschlingende, könnte das gähnendste der Weltlöcher verborgen sein.

Hartmut Lange: Im Museum. Unheimliche Begebenheiten. Diogenes Verlag Zürich. 114 S., Leinen, 18,90 Euro.

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