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Missliebige Konkurrenz

Geschichte eines Traditionsbetriebes: Bergmann-Borsig

Da es heute schon recht selten ist, dass die Geschichte von ostdeutschen Betrieben dargestellt wird, ist diese reich bebilderte Publikation als verdienstvoll anzusehen. Das Buch, begleitend zu einer gleichnamigen Ausstellung entstanden, folgt in weiten Teilen zwar der heute üblichen Geschichtsinterpretation, hebt aber doch viele positive Seiten in der Entwicklung des VEB Bergmann-Borsig hervor, der zum bedeutendsten Hersteller von Energieanlagen und Kraftwerksausrüstungen in der DDR wurde.

Gründer der Firma war Sigmund Bergmann (1851-1927), ein bedeutender Erfinder und erfolgreicher Unternehmer, der zeitweise in der Werkstatt von Thomas Alva Edison in den USA gearbeitet hatte. Die 1893 von ihm im Wedding gegründete Fabrik für Isolier- und Leitungsrohre dehnte er 1907 nach Wilhelmsruh aus. Die Bergmann Elektricitätswerke waren nach Siemens und der AEG das drittgrößte Unternehmen der Berliner Elektroindustrie. Bereits im Gründungsjahr erhielt der Betrieb Rüstungsaufträge; im Ersten Weltkrieges stieg er zu einem bedeutenden Rüstungsbetrieb auf, Und 1937 dienten 40 Prozent der Produkte militärischen Zwecken.

Der antifaschistische Widerstand im Betrieb wird entschieden zu knapp behandelt, obwohl es genügend Beispiele gibt. Ausführlich ist dagegen die Ausbeutung von Zwangsarbeitern dargestellt. Anschaulich wird der Neuaufbau des Betriebes nach 1945 geschildert, verwiesen nicht nur auf die sowjetischen Demontagen, sondern auch darauf, dass die französische Besatzungsmacht in ihrem Sektor wegen missliebiger Konkurrenz Borsig-Werkhallen zerstörte, 500 Maschinen zertrümmerte und Werkeigentum im Wert von etwa 80 000 Dollar im Tegeler See versenkte. Damit war ein wichtiger Zulieferer für Kesselanlagen in ostdeutschen Betrieben weggefallen. Erstaunlich ist, wie fair der Lebensweg Hans-Günter Kühnels vom Lehrling zum amtierenden Betriebsdirektor geschildert wird.

Besonders ausführlich wird die Konsumgüterproduktion dargestellt, vor allem die des legendären Rasierapparates bebo-sher (Foto: Archiv). Zwar gelang es nicht, die Produktion auf das international übliche Niveau zu heben, trotzdem gingen 1985 insgesamt 29 Prozent der Produktion in das sozialistische und 18 Prozent in das kapitalistische Ausland. In Dänemark, England, Finnland, Frankreich, den Niederlanden und der Bundesrepublik fand bebo-sher Liebhaber. Auch die Hauptproduktion des VEB Bergmann Borsig, der Turbinen-, Generatoren und Anlagebau, konnte sich in Ländern wie Ägypten, Finnland, Indien, China und Kuba mit günstigen Installations- und Wartungskosten gegen die westliche Konkurrenz durchsetzen. Detailliert werden die Arbeits- und Lebensbedingungen im Betrieb beschrieben, von Kindergarten und Kinderkrippe über die Betriebspoliklinik, Ferienheim und Ferienlager sowie die Betriebssportgemeinschaft bis zum Wirken von Künstlern im Betrieb.

»Ohne Kapitalisten geht es besser« war der Titel einer Betriebschronik zum 10. Jahrestag des volkseigenen Betriebes 1959. Doch die »Bergmänner« wollten einen anderen Weg gehen. 1989/90 standen sie an der Spitze der Protestbewegung. Am 20. März 1991 verkaufte die Treuhand Bergmann-Borsig an den Konzern Asean Brown Bovery (ABB), der die Turbinenproduktion sehr bald nach Mannheim verlegte. Von 4200 Beschäftigten blieben nach acht Jahren noch 415. Diese erfasste ein »Sturm der Entrüstung«, als 1998 die Energiemaschinenproduktion in Wilhelmsruh völlig eingestellt werden sollte. Vergebens. Wieder einmal wurde missliebige Konkurrenz ausgeschaltet.

Bernt Roder/Bettina Tacke (Hg): Energie aus Waldesruh. Geschichte eines Industriestandortes. Bergmann Elektricitätswerke AG. VEB Bergmann-Borsig. Text Verlag, Berlin. 336 S., br., 19,90 €.

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