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»Alla turca« – Orient und Okzident

Philharmonie:

  • Von Liesel Markowski
  • Lesedauer: 3 Min.

Um einen Dialog der Kulturen bemüht sich die Berliner Philharmonie nun bereits im vierten Jahr. Begegnungen mit Unbekanntem sind in dem besonderen Programm »Alla turca« angesagt. Nicht nur Eigenes von anderswo wird da vorgestellt, sondern ebenso Wechselwirkungen zwischen Orient und Okzident offengelegt. Vier Konzerte gehören in laufender Saison zum vorgesehenen Dialog. »Alla turca« meint natürlich im Besonderen musikalische Traditionen der Türkei und fordert zum Verständnis für Anderes und zu Akzeptanz des Fremden heraus. Gleichsam eine konkrete Tat zur kritischen Auseinandersetzung um multikulturelle Existenz hier und heute. Prägnant wurde dies beim Gastspiel des international bekannten Ensembles »Hespèrion XXI« unter dem ebenso berühmten spanischen Gambisten Jordi Savall. Vergessenes aus westeuropäischer wie östlicher Historie wieder zu entdecken und in heutiger Perspektive zum Klingen zu bringen, ist oberstes Ziel dieser Musiker.

Ihr Angebot führte denn auch zu für uns Entferntem und Fremdem aus osmanischer Musik, einer exklusiven, hoch artifiziellen Kunst. Das Thema »Istanbul – die musikalische Welt des Dimitrie Cantemir« erhellt Arbeit und Wirkung eines um die Musik am Hofe des Sultans um 1700 bemühten Künstlers. Dieser Cantemir (1673-1723), Sohn eines Fürsten aus Moldawien (damals zum osmanischen Reich gehörend) lebte über zwanzig Jahre in Istanbul und hat sich als einer der ersten um Sammlung und Aufzeichnung der sonst nur mühselig oral überlieferten osmanischen Musik verdient gemacht: Eine der wenigen Sammlungen (1710) mit selbst erfundener, allerdings erfolglosen Notenschrift von Cantemir gehört zu den sonst mageren Quellen aus osmanischer Zeit.

Die zu hörenden Musiken, im wesentlichen aus Cantemirs Sammlung (352 Stücke) zeigten dialogisierende Einflüsse mit anderen – auch abendländischen – Traditionen und entsprachen damit einem Grundsatz Jordi Savalls: nämlich nicht historische Rekonstruktion zu versuchen, sondern aus heutiger Erfahrung zu musizieren. Das machte schon die internationale Besetzung seines siebenköpfigen Ensembles deutlich: Zwei Türken, ein Armenier, Marokkaner und Grieche sowie zwei Spanier brachten Spezifisches ein und vereinigten sich in feinst ziseliertem Zusammenspiel.

Urtümliche Wirkung einer faszinierenden Vitalität ging vom Musizieren dieses Ensembles aus. Die »Taksims« (Instrumentalimprovisationen ) mit so nie vernommener Bravour eines Zither- und Lautenspiels, der sich steigernden ostinaten Rhythmen wie sanft dunkler Oboen-Töne und in Tiefen beruhigender Streicherklänge. Auch sephardische (jüdische) Stücke fesselten: eine Sternenmusik mit meditativem Solo und zarten Flageoletts der Lyra, ferner Armenisches, ein Tanz und ein Klagelied der Oboe. Intensive Aufmerksamkeit bis zum tänzerisch forschen »Taksim« nach Cantemir als hinreißendes Finale. Eine Musik, die sich im Ostinato (Wiederholung) in fantasiereichen Varianten ausbreitet. Die durch rhythmisches Temperament und instrumentale Farbigkeit bezaubert. Beifallsstürme des dankbaren, zu Teilen türkischen Publikums im vollbesetzten Rund des Kammermusiksaals.

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