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Die Wahrheit ist oft langweilig

Bildungsfernsehen um 11.30 Uhr: 40 Jahre »Sendung mit der Maus«

Sie ist orange, größer als ein Elefant, spricht nicht und erklärt uns dennoch seit 40 Jahren nahezu jeden Sonntag um 11.30 Uhr die Welt: Die Maus, d i e Maus! Am 7. März 1971 trat sie zum ersten Mal im Fernsehen auf. »Lach- und Sachgeschichten für Fernsehanfänger«. Seitdem erfahren immer neue TV-Generationen, warum der Himmel blau ist, wie die bunten Streifen in die Zahnpastatube kommen und – natürlich – wie ein Fernseher funktioniert. In 40 Jahren hat die »Sendung mit der Maus« auch Ralph Caspers erzogen, seit 1999 moderiert er sie selbst. Zum Sendejubiläum sprach Jan Freitag mit Deutschlands Fernsehklugscheißer Nr. 1 über Lügen, unwissende Eltern, Erziehungsratgeber und warum die Banane krumm ist.

Herr Caspers, Sie gelten als jemand, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.
Caspers: Ist das so?

Zumindest sollen Sie Ihre Biografie um den Geburtsort Borneo aufgemotzt und in der WDR-Sendung »Zimmer frei« wieder revidiert haben.
(Grinst) Vielleicht war das ja wieder eine Lüge. Die Wahrheit ist oft langweilig. Es kommt immer auf die Verpackung an. Wenn wir bei den Sachgeschichten einfach nur die Fakten aneinanderreihen würden, wäre das eher langweilig. Also müssen wir die Geschichten um sie herum erkennen. Da hilft es, wenn man ein bisschen Fantasie hat.

Ist Fantasie die nette Schwester der bösen Lüge?
Sicher, aber die Lüge ist ja nur dann böse, wenn sie schadet. Dann fehlt ihr die Legitimität. Deshalb sind Märchen auch keine Lügen, sondern Übertreibungen. Die wenigsten Kinder dürften daran Schaden genommen haben. Ich jedenfalls nicht, und ich war ein absolutes Märchenkind. Vielleicht hat das meine Lust am Ausmalen geprägt. Ich erzähle schon viel Mist.

Als Entertainer?
Ich habe den Schalk im Nacken und Spaß daran, ihn nach vorn zu lassen.

Ist die »Sendung mit der Maus« dafür ein gutes Terrain?
Im Gegenteil. Was ich dort erzähle, hat Hand und Fuß, es stimmt alles. Trotzdem war sie in 40 Jahren stets unterhaltsam. Deshalb ist sie zu Beginn richtig angefeindet worden als angeblich zu schnell für Fernsehanfänger. Dabei können die einiges an Unsinn vertragen.

Ist Ihr Hang, den zu liefern, beruflicher Natur, oder waren Sie schon in der Schule der Klassenclown?
Im Gegenteil, da war ich unauffällig. Wenn es um die Wiedergabe des Geschehens ging, habe ich allerdings früh versucht, das Ende zu variieren. Dafür gab’s auch mal schlechte Noten. Ansonsten war ich, nein – ich bin ruhig und unauffällig (grinst).

Ein ruhiger, unauffälliger Klugscheißer.
Fragen Sie, was Sie wollen!

Warum ist die Banane krumm?
Das liegt am Staudenwuchs. Die Banane wächst der Sonne zum Ast entgegen. In den Jahren des Wissensfernsehens ist eine Menge hängen geblieben.

Ist irgendeine Antwort besser als keine?
Nur wenn sie lautet: Weiß ich nicht. Die zu geben ist mein Beruf, denn im Grunde weiß ich gar nichts. Weil ich bei den Sachgeschichten oft bei Null anfange, muss ich Experten so lang löchern, bis sie in einer Sprache sprechen, die ich verstehe. Es ist auch für Erwachsenes völlig okay, etwas nicht zu wissen; schlimm ist nur, Fragen zu ignorieren. Und das widerfährt Kindern viel zu oft. Nur wenn Erwachsene Wissenslücken eingestehen, kriegen Kinder ein entspanntes Verhältnis zum Versagen. Wenn meine mich was fragen, gebe ich offen zu, keine Antwort zu haben, was nicht ausschließt, dass ich gelegentlich den Käpt’n Blaubär mache. Doch obwohl ich übe, übe, übe – sie merken es schnell.

Fürchten Sie die heiklen Fragen der eigenen Kinder, die Pubertätsfragen?
Überhaupt nicht. Das ist Kindern ja meistens peinlicher als Eltern. Und das, obwohl Kinder mittlerweile ziemlich abgebrüht sind; Sexualität ist für die wie Blumenzüchten.

Ist diese Abgebrühtheit beklagenswert?
Beklagenswert sind nur ehrgeizige Eltern, die Dreijährigen Englisch beibringen und sich so viel Sorgen um die Zukunft ihrer Brut machen, dass sie permanent Druck aufbauen. Kinder hatten immer andere Interessen als Eltern, und Gefahren variieren. Als Bücher aufkamen, war das Teufelszeug. Als das Radio aufkam, war das Teufelszeug. Als Fernsehen aufkam, war das der Tod des Abendlandes. Und jetzt ist es das Internet. Wo Autoritäten infrage gestellt werden, entstehen Ängste.

Hatten Sie autoritäre Eltern?
Überhaupt nicht, fast das Gegenteil. Und ich wurde immer für das geliebt, was ich bin. Ich konnte mir selbst dann absoluter Loyalität sicher sein, wenn ich mir einen total abwegigen Beruf wie Fernsehmoderator suchen würde. Bankerlehre wäre ihnen lieber gewesen.

Wie war ihr Zugang zum Fernsehen?
Es war unser Babysitter. Wir haben mit dem Testbild auf die »Sesamstraße« gewartet.

Pädagogisch eher fragwürdig.
Von Pädagogik hab ich keine Ahnung. Das einzige Zitat, das ich diesbezüglich kenne, ist vom englischen Philosophen John Locke: Es schade nicht, Kinder mal im Winter im Hemd rauszuschicken. Erziehungsratgeber lese ich nicht. Da pflege ich konzentrierte Gedankenlosigkeit.

Kein einziges Erziehungsmotto?
Doch: Was ich sage gilt (grinst schmallippig). Bis sie 18 sind, vielleicht gar 23. Der Grundstein des familiären Verhältnisses wird sehr früh gelegt, dann läuft es. Meine Kinder dürfen fernsehen, schauen aber DVD. Da gibt’s ein Minutenregiment. Aber die gucken sowieso immer nur mich.

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