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»Wir umarmen die Kultur«

Wir umarmen die Kultur«. Mit diesem Slogan gehen in Italien immer mehr Menschen auf die Straße, um gegen den Verfall aller kulturellen Einrichtungen im Land zu protestieren. Am Wochenende der vorläufige Höhepunkt: Eine ideelle Umarmung des Kolosseums, dem wohl berühmtesten Monument der römischen Antike.

»Wenn man die Kultur verteidigt, dann ist dies ein Kampf für die Freiheit. Wir müssen die Kultur verteidigen, so wie wir die Schule und die Verfassung verteidigen«. Dies sagte die Generalsekretärin der Gewerkschaft CGIL Susanna Camusso in Rom. Seit Jahren schon verfallen – und das ist wörtlich zu nehmen – die Kunstschätze des Mittelmeerlandes immer mehr: Der Einsturz einiger antiker Mauern im Weltkulturerbe Pompeji war nur das eklatanteste Beispiel. Mit jedem Haushaltsgesetz werden die Mittel beschnitten, die der Staat für die Kultur ausgibt. Inzwischen sind es noch mal gerade 0,16 Prozent, womit Italien das absolute Schlusslicht in Europa bildet. Betroffen sind dabei nicht nur die Ausgrabungsstätten und Monumente der Antike, sondern alle kulturellen Einrichtungen des Landes. Der Staat fährt die Mittel für Theater und Festivals, für Museen und Bibliotheken, für Orchester, Archive und Kulturinstitute zurück, egal ob sie nun weltberühmt sind wie etwa die Mailänder Scala oder die Nationalbibliothek von Florenz, oder »nur« auf lokaler Ebene agieren.

Den Menschen, die jetzt das Kolosseum »umarmt« haben, ist klar, dass Kunst und Kultur der einzige Rohstoff sind, über den ein Land wie Italien verfügt und der einzige wirklich große Reichtum, um dem internationalen Wettbewerb standzuhalten. Wie wenig Wert aber die Berlusconi-Regierung auf die Kultur legt, wird schon dadurch bewiesen, dass der zuständige Minister Sandro Bondi seit Monaten erklärt, er habe keine Lust mehr, sich mit dem Ressort zu beschäftigen, gehe auch nicht mehr in sein Ministerium, habe sein Rücktrittsgesuch schon vor Längerem eingereicht und warte nur darauf, dass Berlusconi Zeit für die Kabinettsumbildung findet.

In Rom zitierte einer der Demonstranten jetzt Marcel Proust, der in Etwa gesagt hat: »Die wirklichen Barbaren sind nicht diejenigen, die nie etwas von Kunst gehört haben; es sind diejenigen, die inmitten von Meisterwerken leben, sie aber nicht wertschätzen und nicht schützen«. Dieser Satz scheint direkt auch auf Silvio Berlusconi und seine Regierung zugeschnitten zu sein.

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