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Der Weg der OP-Schere

Jedes Krankenhaus braucht keimfreie Instrumente, doch die Sterilisation wird schlecht bezahlt. Ein Beispiel aus Hessen

  • Von Sandra Tauner, dpa
  • Lesedauer: 5 Min.
Fulda, Kassel, Eschwege. Zahlreiche Krankenhäuser hatten seit Beginn des Jahres Probleme mit Rückständen an OP-Instrumenten. Ein Gang durch die Zentralsterilisation des Frankfurter Uni-Klinikums zeigt, wie schwierig und teuer das gründliche Abtöten von Keimen ist.

Frankfurt/Main. Zwischen dem stinkenden Anfang und dem keimfreien Ende liegen vier Stockwerke und vier Stunden. Wir begleiten Scheren, Schläuche und Schalen aus den OP-Sälen im zweiten Stock durch die Zentralsterilisation des Frankfurter Universitätsklinikums auf Etage minus zwo. »Unreiner Bereich«, »Reiner Bereich«, »Reinreiner Bereich« – vier Stunden brauchen die verschmutzen Geräte auf ihrem Weg durch die drei weiß gekachelten Räume.

Im »Unreinen Bereich« sieht es aus wie in einer Großküche. Weiße Kacheln, Linoleumboden, Neonröhren. An der einen Wand Waschbecken an Waschbecken, an der anderen Spülmaschine an Spülmaschine. Die weiße Doppeltür schwingt auf, hereingerollt wird eine schulterhohe verchromte Kiste, einem amerikanischen Kühlschrank nicht unähnlich. Susanne Naffin klappt die Türen des Kastens auf und entnimmt vier Metallkisten wie sie Cateringfirmen für warmes Essen verwenden. Innen vier flache Metallkörbe, im Klinikjargon »Siebe« genannt. Darin Messer, Zangen, Klammern, ein zerlegter Bohrer, Lampengriffe. Es riecht unangenehm.

9,10 Euro Stundenlohn

Unter fließendem Wasser spült Naffin die Geräte. Sie trägt nicht nur dicke blaue Handschuhe und eine weiße Schürze, sondern auch einen grünen Mundschutz und eine übergroße Plastikbrille. »Per Definition ist alles hier kontaminiert, selbst wenn es sauber aussieht«, erklärt Christian Brandt, der Leiter des Bereichs Krankenhaushygiene des Frankfurter Uni-Klinikums. »Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass ein Patient HIV oder Hepatitis hatte.«

Dann wird es zum ersten Mal kritisch: Die »Durchspülwagen« werden bestückt und in die mannshohen Geräte geschoben, in denen sie gewaschen und desinfiziert werden. »Das ist wie beim Beladen einer Spülmaschine«, sagt Brandt. Nur, dass diese Maschinen 15 000 Euro kosten, neun davon in einer Reihe stehen, das »Spülmittel« automatisch aus dem Keller in die Maschinen gepumpt wird und der Inhalt nicht nur gesäubert, sondern auch desinfiziert wird.

»Das Einräumen ist alles andere als banal«, betont Brandt, als Naffin die Einzelteile in Körbe legt, auf Stäbe fädelt, über Bügel hängt. »Jedes Stück muss am richtigen Ort sein, sonst wird es nicht sauber.« Am schwierigsten »aufzuarbeiten« sind lange dünne Hohlkörper, wie sie für minimalinvasive Operationen verwendet werden. Sie müssen auf genau die richtigen Röhrchen mit Löchern gesteckt werden, damit Wasser und Desinfektionsmittel auch die Innenseite erreichen. Für acht Spülgänge braucht das Programm 70 Minuten, am heißesten Punkt zeigt die Digitalanzeige 93 Grad.

Sind die Instrumente desinfiziert, kommt Frau Naffin mit ihren dreckigen Handschuhen nicht mehr in ihre Nähe. Die Maschinen sind so in die Wand eingebaut, dass sie im ersten Raum beladen, im zweiten ausgeräumt werden. Petra Pfannkuchen, die blonde Leiterin der Zentralsterilisation, und ihre 23 Mitarbeiter halten an der Frankfurter Uni-Klinik 24 Stunden am Tag die Zentralsterilisation am Laufen. Sie sind keine Krankenhausmitarbeiter, sondern bei der Tochtergesellschaft Klinikservice GmbH angestellt. Früher arbeiteten hier ausgebildete OP-Kräfte, »aber das kann sich heute kein Krankenhaus mehr leisten«, sagt Martin Wilhelm, der zugleich Pflegedirektor des Uni-Klinikums und Geschäftsführer der Service-GmbH ist. »Heute ist das ein Niedriglohnsektor.« Die einfachen Mitarbeiter verdienen nicht mehr als 9,10 Euro die Stunde. Nach 80 Stunden »Fachkundekurs« bekommen sie 10,22 Euro. Dafür kann Wilhelm aber Frau Pfannkuchen höher bezahlen als im Öffentlichen Dienst möglich wäre.

Warum kein Beruf?

Die Deutsche Gesellschaft für Sterilgutversorgung (DGSV) fordert seit Jahren ein staatlich anerkanntes Berufsbild für die Mitarbeiter. »Technischer Sterilisationsassistent« ist qua Definition kein Beruf, sondern gilt nur als Tätigkeitsbereich. »Jeder Maurer hat eine Berufsausbildung«, regt sich DGSV-Vorsitzende Marion Peißker auf. »An das Personal werden sehr hohe Anforderungen gestellt – und wir sprechen von einer Tätigkeit und nicht von einem Beruf.« Auch die Verordnungen und Empfehlungen zu Aufbereitung von Medizinprodukten gehen der DGSV nicht weit genug, sie will bundesweite, verbindliche Vorschriften »zum Schutze des Patienten«.

Wir sind inzwischen im zweiten Zimmer, dem »Reinraum«, angekommen. Hier sieht es aus wie in einer Packstation. Metallkisten in fahrbaren Regalen, Papierbögen, die von Stäben hängen, Tüten hinten weiß, vorne durchsichtig. An einem der langen Arbeitstische steht Leif Stügelmeier. Vor ihm stapeln sich Scheren in allen Größen, Klemmen in allen Größen, Pinzetten in allen Größen. Er dreht sie hin und her, klappt sie auf und zu, lugt in jeden Spalt. Ist das Gerät beschädigt? Ist es noch verschmutzt? Rostig gar wie in Fulda? Dort war zu Beginn des Jahres im Klinikum OP-Besteck beanstandet worden.

Dann schichtet Stügelmeier die Instrumente zurück in ihre jeweiligen Siebe. Eine Nummer am Korbrand macht sie unverwechselbar, definiert Inhalt, Herkunft, Bestimmungsort. Selbst die Anordnung der Instrumente im Sieb ist exakt festgelegt. »334« tippt Stügelmeier in den Computer. Der Bildschirm zeigt an, welches Instrument wie oft vorhanden sein muss und wie genau es hineingelegt werden soll: »4x – von rechts unten nach rechts oben mit dem Griff nach oben.«

Die Mitarbeiter der Packstation tragen keine Handschuhe. »Die Instrumente sind bereits desinfiziert, aber noch nicht sterilisiert«, sagt Hygieniker Brandt und erklärt für Laien auch gleich den Unterschied: »Desinfizieren reduziert die meisten Keime, also Pilze und Bakterien. Sterilisieren tötet alle Erreger, auch die Viren.« Desinfiziert wird mit Wasser und Chemikalien, sterilisiert mit Dampf.

Damit am Ende niemand mehr die »reinreinen« Teile anfassen muss, werden die Gegenstände vor dem Sterilisieren verpackt. Alle Verpackungen haben kleine Löcher, durch die der heiße Wasserdampf eindringen kann, wenn sie für eine Stunde im Sterilisator stehen. 134 Grad zeigt das Thermometer während der entscheidenden fünf Minuten.

Etikett mit Verfallsdatum

Zum Entladen müssen wir wieder ein Zimmer weiter. Im dritten Raum, dem »Reinreinraum«, kontrolliert Chefin Petra Pfannkuchen die drei wichtigsten Parameter der Sterilisation: Zeit, Temperatur und Druck hinterlassen bunte Kurven auf einem Blatt Papier. 30 Jahre lang werden diese Protokolle aufgehoben. »Die Klinik muss jederzeit nachweisen können, dass alles in Ordnung war«, erklärt Pfannkuchen diese Vorsichtsmaßnahme.

Gibt es später Beschwerden, zum Beispiel weil ein OP-Instrument defekt oder nicht sauber war, kann Pfannkuchen genau sehen, wer es wann desinfiziert, sterilisiert und verpackt hat. Denn am Ende bekommt jede Kiste, jede Tüte, jedes Paket ein Etikett. Der kleine weiße Zettel sagt den Mitarbeitern, wo das Sterilgut hin muss, und zeigt das Verfallsdatum. Wenn der nächste Patient mit diesen Geräten operiert wird, kommt das Etikett in seine Akte – und das Gerät bald darauf erneut vier Etagen tiefer in die Zentralsterilisation.

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