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Wenn der Apfel zur Birne wird

Sprachtherapie hilft Senioren mit Demenz oder nach einem Schlaganfall

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Da das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt, wächst auch die Zahl von Krankheiten, von denen vor allem ältere Menschen betroffen sind. Sie können Sprachstörungen zur Folge haben.

»Wen sollen wir einladen? Bettina und Klaus oder die Nachbarn?« Darauf antwortet ein Senior, der in Folge eines Schlaganfalls an einer Sprachstörung (Aphasie) leidet, manchmal nur mit »Ja«. Den Gesprächspartner kann eine solche Reaktion irritieren. Wie soll er herausfinden, was der alte Mensch wirklich will?

Eine Situation wie diese kommt bei Menschen, die an einer schweren Form von Aphasie leiden, relativ häufig vor, wie Ulrike de Langen-Müller vom Deutschen Bundesverband der akademischen Sprachtherapeuten (dbs) berichtet. Wenn das Gehirn zum Beispiel durch einen Schlaganfall geschädigt wurde, kann es sein, dass Patienten Schwierigkeiten beim Sprechen, Verstehen, Lesen oder Schreiben haben. Dabei sind viele Varianten denkbar. Hat ein Aphasiker Probleme beim Verständnis, ist »Ja, ja« eine typische Antwort. Um nicht aneinander vorbeizureden, muss die Familie mit dieser Reaktion umzugehen wissen: »Es ist für einen Sprachtherapeuten ganz wichtig, auch die Angehörigen mit einzubeziehen«, sagt de Langen-Müller.

Durch ein spezielles Training kann die Kommunikation doch noch gelingen. So lernen die Familienmitglieder zum Beispiel, keine »Oder«-Fragen zu stellen, sondern sich konkret zu erkundigen: »Sollen wir Bettina und Klaus einladen?« Dabei kann dem Senior auch ein Foto helfen. »Wie wichtig Angehörigenarbeit bei der Behandlung von Patienten speziell mit einer chronischen Aphasie ist, ist eine wesentliche Erkenntnis der letzten Jahre«, sagt die Sprachtherapeutin. Dies war auch ein zentraler Punkt auf dem wissenschaftlichen Symposium des dbs, das vor Kurzem unter dem Motto »Sprachtherapeutisches Handeln im Arbeitsfeld Geriatrie« in München stattfand.

Sprachstörungen wie die Aphasie spielen hierzulande eine immer größere Rolle. Mit dem Durchschnittsalter der Bevölkerung wächst auch die Zahl der Betroffenen von Schlaganfällen, Demenzen und Parkinson. Solche neurologischen Erkrankungen können sich auf die Bewegungsabläufe, aber auch auf Sprache und Sprechen, Stimme und Schlucken auswirken. So haben Alzheimer-Patienten oft zunehmend Probleme, die richtigen Wörter zu finden und Dinge zu benennen; Parkinson-Patienten dagegen fällt das Sprechen und häufig auch das Schlucken schwer, da ihre Mund- und Rachenmuskulatur vom Gehirn nicht mehr korrekt gesteuert werden kann. Sprachtherapie kann betroffene Senioren zwar nicht heilen, aber ermöglichen, dass sie besser kommunizieren und dadurch am Leben teilhaben können. »Kommunikation ist das A und O für Würde und Selbstständigkeit«, sagt de Langen-Müller. So hätten Senioren bei einer Befragung Selbstständigkeit an erste Stelle gesetzt, Grundbedürfnisse wie Essen tauchten dagegen unten auf der Liste auf.

Bei den meisten betroffenen Senioren sind die Grunderkrankungen – wie etwa Alzheimer – bekannt, die zu den Sprach- und Sprechstörungen führen. Es gibt aber auch Fälle, in denen eine auffällige Sprache erstes Symptom einer beginnenden Demenz sein kann, wie Barbara Geist, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Frankfurt, berichtet. So lässt sich eine bestimmte Form, die »primäre progressive Aphasie«, daran erkennen, dass die Patienten auffällig stockend sprechen. Typisches Merkmal einer anderen Form, der »semantischen Demenz«, ist dagegen, dass die Betroffenen die Bedeutung bestimmter Begriffe nicht mehr kennen und daher Wörter miteinander vertauschen, etwa »Apfel« mit »Birne«. Solche Störungen zeigen sich oft schon vor dem 60. Lebensjahr. »Eine frühe Diagnose ist optimal«, sagt Geist. »Dann kann man durch eine Therapie versuchen, die sprachlichen Regionen, die noch vorhanden sind, zu stärken.«

Wem aber gelegentlich ein Name nicht sofort einfällt, der braucht sich nicht zu sorgen. »Da reagiert man zum Teil zu sensibel darauf«, sagt Geist. »Das Namensgedächtnis ist als erstes vom Alterungsprozess betroffen. Das fängt schon mit Mitte 20 an.« Um etwas gegen die Vergesslichkeit zu tun, könnten Senioren gemeinsam mit Bekannten versuchen, den Namen herauszubekommen – wie bei einem Quiz.

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