Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Wiedersehen mit einem Vermissten

»Die Tränen meines Vaters« – 18 nachgelassene Erzählungen von John Updike

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Nach Lage der Dinge müsste dies wirklich das letzte neue Buch John Updikes (1932 – 2009) zum Rezensieren gewesen sein. »Die Witwen von Eastwick«, sein letzter Roman, war auf deutsch kurz nach Updikes Tod Ende Januar 2009 erschienen. Nun liegt ein Band mit 18 nachgelassenen Erzählungen unter dem Titel »Die Tränen meines Vaters« vor. Bis auf die erste sind sie alle im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts entstanden und von Updike kurz vor seinem Lungenkrebs-Tod zusammengestellt worden. Seine Lesergemeinde darf sich freuen: Der »literarische Spion im Durchschnitts-Amerika«, als der sich der produktive Schriftsteller (60 Bücher, davon fast 40 Romane und Kurzgeschichten) einmal bezeichnete, nimmt uns mit an Orte seines Lebens, auf die Spuren seiner Vorfahren, vor allem zu teils lang verschütteten Erinnerungen. Diese so nicht mehr erwartete neue Begegnung mit dem großen Erzähler macht schlagartig bewusst, wie sehr man seine Lebensnähe, seine Menschenkenntnis und sein Lebensthema »Die Liebe und ihre fehlende Dauer« seit seinem Tod vermisst hat.

Updike, der unvergleichliche Chronist des Mittelstands in den USA in der langen Spanne zwischen Kennedy und heraufziehendem Obama, tritt uns als heiterer, weiser, altersgebeugter, jedoch keineswegs altersstarrer Menschenbeobachter entgegen. Die Begleiterscheinungen von Krankheit, Niedergang und Todesahnung stehen im Blickfeld. Doch der gerade in seinen letzten Jahren so gütig wirkende Weißhaarige ertränkt den Leser nicht in Trübsal. Die Resignation ist wissend und von einer Leichtigkeit, die die Kapitulation mit fliegenden Fahnen ausschließt. Die Alten sind bei Updike wie das vertraute Städtchen in Pennsylvania: »Alton war eine sterbende Stadt, aber seine Bewohner lebten beharrlich weiter.«

Köstlich die Erzählung »Deutschunterricht«, die den alternden Immobilienhändler Ed Trimble Mitte der siebziger Jahre in Boston sich an manch Deutschem reiben lässt. Das Lehrbuch »Deutsch als Fremdsprache« fand Ed wegen der Fotos befremdlich: »Die Leute auf den Photos hätten Amerikaner sein können, wäre da nicht dies Förmliche gewesen und die Allgegenwart von Mercedes-Autos. Die Männer, selbst die Automechaniker, trugen Schlips, und die jungen Frauen zeigten sich stolz in leicht veralteten Miniröcken und Jackie-Kennedy-Frisuren, hochtoupierten, mit Glanzspray besprühten Haargebilden.« Ed muss an seinen älteren Bruder denken, der in den Ardennen gegen die Nazis gekämpft und eine lebenslängliche Verletzung erlitten hatte. Ed »hatte etwas gegen den pedantischen, unblutigen Wohlstand, der sich in diesen Illustrationen zeigte. Während die Vereinigten Staaten den Einsatz von Truppen riskierten und bankrottgingen, weil sie das beschützten, was die Russen von Deutschland übriggelassen hatten, schwelgten diese geschlagenen Hunnen geschniegelt und gebügelt in einem Bilderbuchkapitalismus.«

Nicht weniger vergnüglich die vorangehende Geschichte, in der wir Bekanntschaft machen mit Martin Fairchild. Auf dem Weg ins Alter war er in seiner Firma hochgestiegen, sodass er alle sechs Monate mit seiner Frau eine Auslandsreise antreten konnte. Als er in Sevilla Opfer eines glimpflich verlaufenden Straßenüberfalls wird, der ihn in eine Klinik führt, fragt er sich erstaunt, weshalb ein so traumatisches Ereignis, in einem fremden Land überfallen und verletzt zu werden, für ihn irgendwie angenehm war. Es hatte, vermutete Fairchild, mit der Nähe zu tun, die ihm der spanische Arzt bei der sicherheitshalber anberaumten Untersuchung zuteil werden ließ. »In seinem Universum sich beschleunigender Ausdehnung hatte er immer seltener das Vergnügen, Nähe zu spüren. Als er in den Ruhestand ging, hatte er den Kontakt zu seinen alten Partnern verloren, sosehr sie sich beim Abschied auch versprochen hatten, weiterhin geselligen Umgang zu pflegen.«

Leise Melancholie statt Heulen und Zähneklappern durchzieht die nachgelassenen Kurzgeschichten, mit denen der Meister beim Magazin »New Yorker« Mitte der 50er Jahre seine Laufbahn begonnen hatte und von denen Updike einmal sagte: »In all diesen Arbeiten von jeweils ein paar tausend Wörtern stecken ... unmittelbarer als in meinen Romanen und ausführlicher als in meinen Gedichten, die Ereignisse und Bedrängnisse, die Krisen und Höhepunkte meines Lebens.« Dazu gehört die Erkenntnis Craigs nach einem kleinen Streit mit Ehefrau Grace (in der Erzählung »Archäologie in eigener Sache«), dass die einfach ehrlich gewesen sei, als sie errötend bekannte: »Ich dürfte so etwas nicht sagen, aber manchmal glaube ich, ich hasse dich.« Craig rastet nicht aus, wie er es 30 Jahre jünger getan hätte. Vielmehr weiß er, dass die Äußerung seiner Frau »mit Mühe hervorgezerrt worden war aus der dichten Last täglicher Vortäuschung und Anpassung. So wie wir einander lieben, so hassen wir einander auch, sogar uns selbst.«

In der Titelgeschichte der Sammlung ist die diskrete Melancholie gleichfalls beherrschend. Updike erinnert sich an das einzige Mal, da er seinen Vater weinen sah – als er, der Sohn, sich am Bahnhof von Alton auf den Weg zum Studium nach Boston machte. Der damals achtzehnjährige und beim Niederschreiben alt gewordene Updike über seinen Vater: »Er liebte mich, nie zuvor war mir das so klargeworden. Es war etwas, das bisher nicht gesagt zu werden brauchte, und jetzt sagten es seine Tränen. Vorher, in all den Jahren und den kleinen Abenteuern, die wir gemeinsam erlebt hatten, gab es das von ihm ausgehende Gefühl, dass das Leben ein Schlamassel war, und er und ich steckten eine Zeitlang zusammen in dem Schlamassel.« Ja, so ließe sich die Grundstimmung dieser Kurzgeschichten auch zusammenfassen: Erinnerungen an den Schlamassel.

John Updike: Die Tränen meines Vaters. Aus dem Englischen von Maria Carlsson. Rowohlt Verlag. 368 S., geb., 19,95 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln