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Die Grazie der Unvollkommenheit

Im Kleist-Jahr: Blick auf Penthesilea und die anderen Frauen im Drama des Dichters

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Hermann und Thusnelda. Gemälde von J.H. W. Tischbein, 1822
Hermann und Thusnelda. Gemälde von J.H. W. Tischbein, 1822

Frauentag ist in Kleists Dramen alle Zeit. Alkmene seufzt, Thusnelda schwelgt, Käthchen bebt, Penthesilea rast. Nur Eve, im »Krug«, schweigt lange. Die Frauen in Kleists Stücken sind Befreite in einem tragischen Sinn. Die unangreifbaren Gefühle, denen sie folgen müssen, provozieren eine bis ins Tödliche (Penthesilea) reichende Unvereinbarkeit mit der Realität. Diese ist porös, wandelbar, während besagte Gefühle nicht erschütterbar sind. Schlimm schön.

Goethe sprach von der Gestalten »Verwirrung«, Kleist-Forscher László Földényi schüttelt den Kopf: Kleists Frauen nähmen es sogar mit der gesamten Welt auf, »wenn sie das Gefühl ihrer inneren Gewissheit gefährdet sehen«.

Also: Das Gegenteil von Verwirrung ist hier der Fall, sondern eine innere Ruhe wirkt, die freilich schmerzvollst auf jede Wirklichkeit trifft – diese Frauen werden »starrsinnig, entschlossen«, so Földényi, denn sie verlieren nie jenen unsichtbaren Punkt aus den Augen, nach dem sich ihr Inneres richtet, und zwar in einer Überzeugtheit, die so anmutig wie selbstmörderisch sein kann.

Schwaches Geschlecht? Damit sie in ihm das göttliche Wesen entdecken, in ihm quasi Jupiter sehen kann, muss Alkmene ihren Amphitryon erst verlassen. Und wird ihn erst wirklich lieben können, indem sie das lieben kann, was ihm fehlt – das Göttliche. Zweimal Stärke. Stärker kann Liebe nicht sein.

Und wo Liebe ist, wird der Mensch von einer Macht niedergestreckt, über die er nicht herrscht, obwohl er diese Macht verkörpert. Deshalb sind Kleists Heldinnen meisterlich, wenn es darum geht, in Ohnmacht zu fallen. Käthchen etwa. Penthesilea fällt gleich in den Tod, die einzige Lösung, wenn man Kuss gnadenlos mit Biss gleichsetzt und also nicht wirklich Hass und Liebe auseinander halten kann. Das wäre wahre Befreiung, die freilich nicht lebbar ist, weil sie Rückkehr in eine Wildnis bedeutete, die sich nicht durch die Kulturlüge eines gedämpften, gemäßigten, temperaturlauen Umgangs beschneiden lässt. Deshalb muss man Furcht haben vor Kleists Frauen, die »Ach« sagen, nicht »Emanzipation«.

Emanzipation ist das unfraulichste Wort aller Wörter, wie auch Frauenpower, und der Sieg des Patriarchats setzt sich im Grunde fort – nämlich just im Gebrauch, den Frauen von diesem Wort machen. Im Irrtum, einer Freiheit das Wort zu reden. Es ist nicht Freiheit; das Wort von der Emanzipation kündigt die Kraft an, in der hierarchischen Welt des Mannes mithalten zu können. Aber eine Frau sieht nicht gut aus, wenn sie Macht hat; gut daran ist nur, dass es damit eine Stelle weniger gibt, an der ein Mann Macht ausüben kann.

An den Frauengestalten Kleists ist beobachtbar, was Grazie ist: unbewusst, ungesteuert gelebte Unvollkommenheit. Demgemäß ist Penthesilea, die Grausamste, doch auch die Graziöseste. Sie ist nämlich der pure Ausdruck von Unvollkommenheit: Sie vereint radikale Extreme beider Geschlechter, daher ist das Anziehende und Abstoßende eine entsetzlich peinigende Gleichzeitigkeit. Das macht ihre Grazie aus: Sie reizt, in mehrfachem Sinne bis aufs Blut.

Solange der Frieden gefeiert wird, ist er nicht wirklich ausgebrochen – aus dem Gefängnis der Machtinteressen. Heiner Müller sprach vom »Jahrhundert der Frauen, das noch nicht angebrochen« sei – solange der Frauentag als Signal, Fanal gefeiert werden muss, hat auch die Kunst zu tun: mit Spannung, welche die Geschlechter zerreißt auf dem Weg zu sich selber, zum anderen. Ewige Geheimnisstrecke. »Es ist des Himmels wunderbare Fügung,/ Die mir den Mund in dieser Sache schließt.« Sagt Eve.

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