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Halsbrecherische Balance

Ausstellung zur »sozialen Reproduktion im Neoliberalismus« im Kunstraum Kreuzberg / Bethanien

Der Weltfrauentag bringt es zumindest einmal jährlich in unser Bewusstsein: der Geschlechterkampf um Gleichberechtigung geht weiter. So verwundert es nicht, dass auch Künstlerinnen und Künstler, die ihre Arbeit als Reflexion von Gesellschaft begreifen, sich mit Ursachen und Bedingungen bestehender Ungleichheiten auseinandersetzen. Ein zentrales Thema ist dabei die Frage nach sozialer Reproduktion in neoliberal ausgerichteten Gesellschaften. Felicita Reuschling hat für ein Ausstellungs- und Forschungsprojekt das Geschlechterverhältnis speziell in Bezug auf Mutterschaft (Mothering) sowie Haus- und Pflegearbeit (Care Work) unter die Lupe genommen. Herausgekommen ist die sehenswerte Ausstellung »Beyond Re/Production: Mothering – Dimensionen der sozialen Reproduktion im Neoliberalismus«, die mit einem umfangreichen Beiprogramm noch bis Ende April im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien läuft.

Der lange Titel deutet es bereits an, hier wird inhaltsschwere und diskussionswürdige Kost präsentiert. Die Arbeiten von insgesamt 19 Künstlerinnen und Gruppen aus zehn Ländern bewegen sich an den Grenzen zwischen Selbstbeobachtung, künstlerischer Forschung und politischer Praxis. Die begleitend zur Ausstellung stattfindenden Filmabende und Diskussionsrunden sind ebenfalls empfehlenswert. Sie bieten den Besuchern ausgiebig Gelegenheit, sich nicht nur zu informieren, sondern auch selbst zu Wort zu melden. Vorträge thematisieren die Haus- und Pflegearbeiten, die in reicheren Ländern hauptsächlich von Frauen mit Migrationshintergrund und oft unter prekären Bedingungen ausgeführt werden. Die Filmreihe verknüpft diesen Aspekt mit dem der Adoption und der Kindesvernachlässigung und bietet mit »Ein Blick zurück« ein Stück feministische Filmgeschichte.

In der Ausstellung werden künstlerische und dokumentarische Arbeiten bewusst gleichwertig präsentiert und durchdringen einander zum Teil. So informiert der Videoclip »Know your Rights« vom Arbeitskreis »undokumentierte Arbeit« der Gewerkschaft ver.di über Illegalisierung und damit verbundene Entrechtung von Arbeiterinnen ohne Papiere im Haus- und Pflegebereich. Die Videoinstallation »Cycles of Care« von Lizza May David und Claudia Liebelt basiert auf dokumentarischen Videos über fünf Frauen, die nach jahrelanger Tätigkeit als Hausarbeiterinnen oder Pflegekräfte alter Menschen in Israel nach Manila zurückgekehrt sind.

Gegliedert ist die Schau in fünf Kapitel: »Wunschbilder, Angstbilder, Kitsch und Projektion«, »Superheroes, Superprecarias, Supermothers«, »Global State of Care Work«, »Entgrenzte Arbeit – Entgrenzte Familie« und »Intensive Mothering«. Insgesamt fällt die Bestandsaufnahme eher negativ aus. Sei es aufgrund des oft halsbrecherischen Balanceaktes zwischen Berufstätigkeit und Familie, der schlimmstenfalls in den von Heike Ruschmeyer auf beklemmende Art und Weise inszenierten Formen von Vernachlässigung bis hin zum Kindesmord enden kann. Sei es aufgrund der aufgezeigten menschenunwürdigen Situation von Migrantinnen aus ärmeren Ländern, die als schlecht bezahlte Pflege- oder Bertreuungskräfte in wohlhabenderen Ländern arbeiten. Moira Zoitls Objekt »Theresas Room« bringt das Missverhältnis symbolisch auf den Punkt, als Modell des winzigen Zimmers der Hausangestellten Maria Theresa Hamto in der riesigen Wohnung ihrer Arbeitgeber in den New Territories von Hongkong.

Bis 25. April 2011, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg, Öffnungszeiten: täglich 12-19 Uhr, Katalog: 5 Euro, Infos zum Programm unter www.kunstraumkreuzberg.de

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