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Der Islam ist ein Teil Europas

Der Penzberger Imam Benjamin Idriz im Gespräch über Muslime in Deutschland und ihren Anspruch auf Respekt

Als Symbolfigur für die geglückte Integration einer islamischen Gemeinschaft in die Mehrheitsgesellschaft repräsentiert Benjamin Idriz einen weltoffenen, transparenten Islam. Das schützt ihn und seine Gemeinde freilich nicht vor islamphobischen und politischen Anfeindungen. In seinem kürzlich erschienenen Buch »Grüß Gott, Herr Imam« (Diederichs Verlag, München 2010) berichtet Benjamin Idriz über sein bisheriges Wirken im Sinne eines umfassenden interreligiösen und gesellschaftlichen Dialogs sowie über seine Zielsetzungen für die nächste Zukunft.
Als Symbolfigur für die geglückte Integration einer islamischen Gemeinschaft in die Mehrheitsgesellschaft repräsentiert Benjamin Idriz einen weltoffenen, transparenten Islam. Das schützt ihn und seine Gemeinde freilich nicht vor islamphobischen und politischen Anfeindungen. In seinem kürzlich erschienenen Buch »Grüß Gott, Herr Imam« (Diederichs Verlag, München 2010) berichtet Benjamin Idriz über sein bisheriges Wirken im Sinne eines umfassenden interreligiösen und gesellschaftlichen Dialogs sowie über seine Zielsetzungen für die nächste Zukunft.

ND: Herr Imam Idriz, wie ist es zu erklären, dass sich ausgerechnet Ihre muslimische Gemeinde in der kleinen oberbayerischen Stadt Penzberg zu einem Zentrum modernen Islams mit weitreichender Strahlkraft auf ganz Deutschland entwickelt hat?
Imam Idriz: Hinter dem Erfolg steht unsere Unabhängigkeit. Wir sind im Unterschied zu anderen Moschee-Gemeinden frei von allen Dachverbänden und gestalten unser Gemeindeleben nach unseren Vorstellungen. Einziges Kriterium des Vorstandes bei seinen Entscheidungen sind die Bedürfnisse der Menschen in der Gemeinde. Als Imam kenne ich die Herausforderungen und schlage eine Brücke zwischen der muslimischen Gemeinschaft und der Mehrheitsgesellschaft. Für mich ist die Meinung des Bürgermeisters wichtiger als die irgendeines Dachverbandes.

Wenn die Gemeinde unabhängig von anderen muslimischen Organisationen ist, wie trägt sie sich wirtschaftlich?
Die islamische Gemeinde Penzberg wurde 1995, noch bevor ich hierherkam, von Muslimen vor Ort gegründet. Das Gemeindeleben, einschließlich der Miete für die Räumlichkeiten und meines Lohnes, finanzierte sich aus Spenden. Auch das Grundstück für die Moschee erwarben wir 2000 mit Spendengeldern. 2003 begannen wir mit dem Bau der Moschee. Die Baukosten überstiegen dann allerdings unsere Möglichkeiten. Da gelang es mir, den Emir vom Emirat Schardscha der Vereinigten Arabischen Emirate, der im Bereich Kultur, Dialog und Völkerverständigung viel investiert, für das Projekt zu begeistern. 2005 feierten wir die Eröffnung der Moschee. Damit wuchsen die Herausforderungen und die Aktivitäten wurden vielfältiger. Mittlerweile haben wir drei Einnahmequellen: Mieteinnahmen, Beiträge unserer Mitglieder und Spenden von Menschen, die unsere Arbeit gerne unterstützen wollen.

Die Moschee steht am Rande der Stadt. Ähnlich werden in den meisten anderen Städten Deutschlands Moscheen in Randzonen angesiedelt, Gebetshäuser in Hinterhöfe verbannt. Wie empfinden Muslime das?
Wenn die städtischen Verantwortlichen, die für den kommunalen Moscheebau zuständig sind, die Muslime absichtlich in Stadtviertel fern des Zentrums schicken, in denen niemand sie sieht, dann ist das eine falsche Politik. Denn damit schafft man gerade die so unerwünschten Parallelgesellschaften. Andererseits verstehe ich Menschen, die nicht sofort in der Lage sind zu akzeptieren, dass Moscheen im Stadtzentrum gebaut werden. Schauen Sie aber auf das Signal, das wir jetzt von München bekommen. Der Oberbürgermeister befürwortet einen Moscheebau im Stadtzentrum. Damit machen wir Geschichte in Europa. Auch ist es eine wichtige Botschaft an die islamischen Länder. Wenn die Europäer den Muslimen erlauben, eine Moschee zu bauen, warum sollen sie nicht auch eine Kirche erlauben?

Dieser Moscheebau in München, der ein »Zentrum für Islam in Europa« werden soll, ist im Sinne der verstärkten Repräsentation eines weltoffenen Islams Ihr großes Ziel. Wie weit ist das Projekt gediehen?
Meine Mitstreiter und ich haben in Penzberg Erfahrungen gesammelt, auf die wir in München aufbauen können. Unsere Philosophie war damals, dass, wenn wir etwas erreichen wollen, wir es mit allen Bürgern, den staatlichen Behörden und den kommunalen Politikern erreichen müssen. Denn es geht um unser gemeinsames Interesse. Darum haben wir diese Initiative »Zentrum für Islam in Europa – München (ZIE-M)« geschaffen. Was wir anstreben, ist ein Zentrum für Muslime, die sich mit Deutschland und Europa identifizieren und in dem wir den Islam im europäischen Kontext interpretieren.

Sie gelten als Deutschlands fortschrittlichster Imam …
Ich bin selbst Europäer. Ich kenne keinen anderen Kontinent, auf dem ich mich wohlfühlen könnte und es gibt für mich keine andere Identität, die ich annehmen möchte, als die europäische. Wenn ich an Kollegen denke, die aus anderen Ländern kommen, um für eine gewisse Zeit in Deutschland als Imam tätig zu sein, deren Seele wird immer dort bleiben, woher sie gekommen sind. Sie warten nur auf den Tag, an dem sie wieder zurück dürfen. Ein solcher Imam hat keine Visionen oder Zukunftsbilder für das religiöse Leben hier. Meist erleidet er bei seinem Eintreffen einen Kulturschock. Er kann die Mentalität der muslimischen Kinder und Jugendlichen hier nicht verstehen.

Wird der Islam in vielen muslimischen Gemeinden Deutschlands noch immer in einer – aus westlicher Sicht – antiquierten, unzeitgemäßen Form vermittelt und gelebt?
Europa versucht besonders in der letzten Zeit, den Islam so darzustellen, als sei er überhaupt nicht kompatibel mit der europäischen Welt. Er sei nicht zeitgemäß und gehöre zu einem anderen Kontinent. Wer solche Meinungen vertritt, kennt die Geschichte nicht. Der Islam hat Europa sehr stark geprägt. Er ist Teil von Europa wie das Judentum und das Christentum. Viele Menschen vergessen, dass auch das Judentum und das Christentum aus dem Osten kommen und sich hier integriert haben. Wer heute stolz auf Aufklärung und Humanismus sein will, der muss wissen, dass diese geistigen Strömungen ihren Ursprung im Islam haben. Sei es in der Kultur, Philosophie, Astronomie, Mathematik, Medizin, auf allen Gebieten waren es die Werke von Muslimen, die die neuen Entwicklungen auslösten.

In Ihrem Buch »Grüß Gott, Herr Imam« beschreiben Sie Ihr »Penzberger Modell« eines weltoffenen Islams.
Ich habe in letzter Zeit viele islamische Gemeinden kennengelernt und eine Reihe negativer Entwicklungen beobachtet. Gleichzeitig beobachte ich eine Hetze gegen den Islam und die Muslime, eine Politik der Ausgrenzung der Muslime aus der Mehrheitsgesellschaft. Wie viele andere Muslime auch überkommt mich in letzter Zeit das Gefühl, dass wir in diesem Land nicht erwünscht sind. In den letzten fünf Jahren besuchten uns etwa 20 000 Nichtmuslime in Penzberg. Dabei kamen immer wieder dieselben Themen zur Sprache wie Frauen im Islam, Gleichberechtigung und Kopftuch, Ehrenmorde und Scharia sowie Grundgesetz und Dschihad. Vor diesem Hintergrund war es notwendig, etwas Schriftliches zu verfassen. Die Auseinandersetzung mit dem Verfassungsschutz war ein weiterer Faktor.

Seit mehr als drei Jahren wird die Islamische Gemeinde Penzberg im Verfassungsschutzbericht des Landes Bayern erwähnt. Überzeugende Gründe dafür werden nicht genannt ...
Mir scheint, dass einige Angehörige des Verfassungsschutzes einen moderaten Islam in Deutschland verhindern wollen. Ich habe mit denen auch schon gesprochen. Es geht ihnen nicht um Islamismus oder Extremismus, sondern um den Islam. Und was sie gar nicht wollen, sind erfolgreiche muslimische Persönlichkeiten. Denn für sie ist der moderne integrative Islam gefährlicher als extremistische Islamisten. Leider haben diese Angehörigen des Verfassungsschutzes großen Einfluss auf Behörden und Politiker.

Im Vorwort Ihres Buches schreiben Sie, dass die Gemeinde »den Druck kompromissloser Islamfeindlichkeit in den letzten Jahren zunehmend zu spüren bekommen« habe.
Es gibt in München einen Verein, der sich Bürgerbewegung Pax Europa nennt. Das ist eine sehr islamfeindliche Gruppe. Ihre Mitglieder sind überall unterwegs, wo eine Veranstaltung über den Islam stattfindet, um zu stören und zu hetzen. An einem Feiertag der evangelischen Kirche stellten sie sich mit Kameras vor die Kirche in Penzberg und fragten die Bürger, was sie davon hielten, dass der Imam Idriz vom Verfassungsschutz beobachtet werde. Dann gibt es eine weitere Gruppe, die Flugblätter verteilte, auf denen gefordert wurde, dass ich nach Hause zurückkehre. Diese Kampagne läuft intensiv seit drei Jahren. Aber das Innenministerium nannte das Meinungsfreiheit. Das ist das Problem, dass die Politiker die Meinungsfreiheit als Deckmantel für Islamkritik benutzen. Die können uns beleidigen, verletzen, beschimpfen. Alles ist erlaubt.

Nach jüngsten Umfragen empfinden vierzig Prozent der Deutschen die Existenz einer muslimischen Gemeinschaft als »Bedrohung« der Identität ihres Landes. Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die Zukunft?
Es leben in Deutschland fünf Millionen Muslime. Sie haben dazu beigetragen, dass dieses Land wirtschaftlich, politisch und kulturell so wunderbar ist. Darum erwarten sie Respekt und nicht Ausgrenzung. Vor allem die ständige Forderung, die Muslime müssten sich zu den Werten in Deutschland bekennen, wirkt verletzend. Wer hat diese Werte infrage gestellt? Wer hat Demokratie oder Rechtsstaatlichkeit in Deutschland infrage gestellt? Die Muslime nicht. Weder auf der Straße, noch in den Moscheen demonstrieren sie gegen das Grundgesetz. Mit den ewigen Mahnungen aber wird suggeriert, Muslime wollten ein anderes System als die Demokratie. Aufs Spiel gesetzt werden diese Werte, wenn wir Kriege führen in anderen Ländern, wenn wir gegenüber Muslimen eine andere Politik verfolgen als gegenüber Nichtmuslimen und wenn Muslime aufgrund ihrer Religion stigmatisiert werden. Der Islam ist ebensowenig eine Gefahr für Europa wie das Christentum. Extremismus, Rassismus, Xenophobie, Antisemitismus und Antiislam sind die Gefahren für Europa. Die Situation ist nicht gut. Als Beobachter von außen sehe ich ein gefährliches Bild.

Gespräch: Adelbert Reif

Imam Benjamin Idriz, 1972 in Skopje (Mazedonien) geboren, entstammt einer viele Generationen zurückreichenden Familie von Imamen und Theologen. Bereits im Alter von elf Jahren wurde er »Hafis« (Ehrentitel für jemanden, der den Koran vollständig auswendig beherrscht). Nach dem Besuch des Islamisch-theologischen Gymnasiums in Damaskus erwarb er sein Abschlussdiplom über die Emanzipation der Frau im Islam. 1994 bis 1998 absolvierte er ein Fernstudium bei der Europäischen Fakultät für Islamische Studien (IESH, Château Chinon, Frankreich). 2000 wurde er Magister in Islamischer Theologie an der Al-Ouzai-Universität Beirut/Libanon. Seit 1995 ist er Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg e.V. (IGP) und seit 2009 Vorsitzender des Vereins »Zentrum für Islam in Europa – München«.

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