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Es ist öde, später zu sterben als das Herz ...

Kleist-Jahr 2011: Ulrich Matthes am DT

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Ulrich Matthes allein auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin. Der weitweiße Rundhorizont hat hinten eine Öffnung, etwa bis Türhöhe. Auf den ersten Blick ein Unschönheitsfleck. Auf den zweiten Blick, der nicht nur sehen, sondern deuten will: Der Raum ist plötzlich nicht nur Kathedrale, Kuppel, er ist Arbeitsgelände, Baustelle.

Und Ulrich Matthes – kam er nicht wie ein Arbeitender auf die Bühne, wenig weihevoll, sondern, in angedunkeltem Anzug über hellstem, kragenoffnem Hemd wie ein Alltäglicher? So treten Leute nicht in die Kunst, so gehen sie durchs schöne oder schnöde, durchs versuchte oder verfluchte, durchs geliebte oder gelittene, durchs verträumte oder versäumte Leben. So kam Matthes, den Kleist'schen Papierblätterberg in der Hand; jedes Blatt, von dem er liest (nein, das er spielt, fast ohne je draufzublicken), lässt er dann auf den Boden sinken. Ein Sinken wie das Sinken von Blättern am Lebensbaum. Blätter, die fallen, sind tot. Die hier werden, durch solchen Vortrag, immer wieder ins Leben gerufen, das man inzwischen ein unsterbliches nennen kann: Kleist und seine Briefe.

»Kleist. Geschichte einer Seele« heißt die szenische Lesung von Ulrich Matthes, Textfassung: Hermann Beil; längst eine Erfolgsgeschichte bis nach Wien, zum Glück noch immer ein Lust-Stoff für den Schauspieler.

So viel Trauer und Schmerz und Einsamkeit, so viel Vermessung einer unwirschen, ungerechten, lieblosen Welt, so viel Unzugehörigkeit des Mannes K., so viel vergeblicher All-Umarmungsdrang, dass man meint, auf viele Dunkeltöne oder Verzweiflungslippenbisse gefasst sein zu müssen. Matthes aber ist von großartiger, feinst gesetzter, ja: – Heiterkeit. Plötzlich geht unvermutet und unglücklich und natürlich unpassend das Saallicht an – und nicht wieder aus. Matthes unterbricht. In jedem landläufigen Bühnen-Schwelgen im Unglück eines Dichters wäre dieser Schlag gegen die Stimmung ein Zerstörungsakt mit vielleicht unreparierbaren Folgen. Matthes geht kurz von der Bühne, kommt dann (das Licht ist endlich wieder aus!) zurück; und es geht weiter, als wäre nichts geschehen. So paradox es klingt: Just dies bestätigt auf ungewollte Weise die Souveränität einer exzellenten Kunst des Maßes. Hoher Ton, der sich doch nie in künstlichen Höhen verliert.

Matthes ist blanke Sensibilität. Knochige Melancholie. Kein Schauspieler der vordergründigen Glaubenskraft, der fülligen Zustimmung, der ansteckenden Akklamation. Raum entsteht in diesen anderthalb Stunden für alle Hochfahrenheit, die sich einem verschmähten, wild träumenden Menschen zu entringen vermag. Und dann wieder: ganz und gar Enge, Gepresstheit ins Weltkorsett; ungebärdiges Ausholen im Schwung und erschöpfende Aushöhlung des Gemüts. Zwischendurch schwertscharfe Hiebe gegen die einzig nahen Menschen. Ein schauerschönes Erlebnis.

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