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Worauf zielt Syriens Atomprogramm?

Inspektoren der IAEA reisen ab April zu Kontrollen von Anlagen in das arabische Land

  • Von Wolfgang Kötter
  • Lesedauer: 4 Min.
In Wien hat in der vergangenen Woche der Gouverneursrat der Internationalen Atomenergieorganisation getagt. Auf der Agenda standen neben dem iranischen Atomprogramm auch die nuklearen Aktivitäten Syriens.

Die USA hatten Syrien in der Vergangenheit vorgeworfen, ein geheimes Atomprogramm zu betreiben, und eine eine härtere Haltung der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) gegenüber dem Land verlangt. Gegenstand des Verdachtes ist eine 2007 von Israel zerstörte Anlage in El-Kibar in der Region Dair Al-Zour, von der Israel und die USA behaupteten, es habe dort einen fast fertigen Atomreaktor zur Produktion von Material für Atomwaffen gegeben. Der US-Botschafter bei der IAEA, Glyn Davies, forderte am Mittwoch beim Gouverneursrat der IAEA in Wien trotz fehlender Kooperation Syriens eine zusammenfassende Bewertung der UN-Behörde. Nach Ansicht der USA gebe es genügend Beweise dafür, dass ein Geheimreaktor existiert habe.

Ab April dürfen nun Kontrolleure erstmals seit langem wieder in Syrien einreisen. Sie werden eine als Chemiefabrik deklarierte Einrichtung nahe der westsyrischen Großstadt Homs untersuchen. Bei deren Produktion fällt ein Urankonzentrat, das sogenannte Yellow Cake, an. Von besonderem Interesse dürften für die Inspektoren aber drei vermeintliche Nuklearanlagen in Marj al-Sultan, Masyaf und Iskandariya sein. Dort soll Damaskus heimlich nukleare Aktivitäten betrieben haben.

Die »Süddeutsche Zeitung« und das Washingtoner »Institute for Science and International Security« berichteten über verdächtige Satellitenbilder. Die Aufnahmen zeigen dem Bericht zufolge chemische Apparaturen, wie man sie nach Meinung von Experten in einer Urankonversionsanlage verwendet. Dabei wird Yellow Cake in gasförmiges Uranhexafluorid umgewandelt, das zu Brennelementen, aber auch zu Ausgangsmaterial für die Kernwaffenproduktion verarbeitet werden kann.

Am 6. September 2007 hatten sieben israelische F-15-Jagdbomber eine Anlage in El-Kibar am Oberlauf des Euphrat bombardiert. Israel begründete die Aktion mit der Behauptung, der mit iranischem Geld finanzierte und mit nordkoreanischer Technologie erbaute Gas-Grafit-Reaktor sollte Plutonium zum Bau von Atomwaffen produzieren. Eine Kommandoeinheit, die Mitte August in zwei Hubschraubern zum Reaktorgelände El-Kibar geflogen sei, hätte Bodenproben entnommen und die Anlage fotografiert. Der Verdacht sei durch die Auswertung bestätigt worden.

Die IAEA schickte im Juni 2008 Kontrolleure nach Syrien, um den zerstörten Bau zu inspizieren. Die Trümmer der Anlage waren allerdings bereits weggeschafft, vergraben und einbetoniert worden. Auf dem Fundament stand inzwischen eine neue Halle. Dennoch wurden Uranspuren nichtnatürlicher Herkunft gefunden. Woher sie stammten, konnte nicht festgestellt werden.

Olli Heinonen, damals Chef des IAEA-Inspektorenteams, erklärte dazu: »Wir fanden die Partikel dort, und es gab keine gute Erklärung dafür. Die Syrer sagen, sie stammen von israelischen Bomben.« Die Kontrolleure halten die Wahrscheinlichkeit aber für »gering, dass das Uran durch israelische Waffen auf das Gelände gelangt sei. Die chemische Beschaffenheit stimme nicht mit dem überein, was bei uranhaltiger Munition zu erwarten sei. Laut IAEA hat Syrien niemals deklariert, solches Uran zu besitzen, wie es in den Proben gefunden wurde. Mehrfach forderte der IAEA-Chef Yukiya Amano seitdem vergeblich die Genehmigung für weitere Kontrollen, um beispielsweise im Fundament Bohrproben zu nehmen. Nun will Syriens Präsident Baschar al-Assad dem Verlangen teilweise nachkommen.

Eindrücke vor Ort wären auch deshalb interessant, weil es nach IAEA-Meinung eine »funktionelle Verbindung“ zwischen El-Kibar und Marj as-Sultan gibt. Angeblich wurden dieselben Personen an beiden Orten gesichtet und Transporte zwischen den Anlagen beobachtet.

Syrien gehört zu den Erstunterzeichnern des Nuklearen Nichtverbreitungsvertrages von 1968. Darin verzichtet das Land auf Atomwaffen, verpflichtet sich zur ausschließlich friedlichen Kernenergienutzung und öffnet seine Nuklearanlagen für IAEA-Kontrollen. Dem Zusatzprotokoll, das auch unangemeldete Verdachtskontrollen vorsieht, ist Damaskus bisher allerdings ferngeblieben.

1988 startete die syrische Atomenergiekommission ein Programm für den Bau von sechs Kernkraftreaktoren mit einer Gesamtleistung von 6000 Megawatt, deren Inbetriebnahme für Ende der 90er Jahre vorgesehen war. Da aber erhoffte ausländische Hilfe ausblieb, wurde das anspruchsvolle Programm aufgegeben. Zu Beginn dieses Jahrhunderts startete dann das Reaktorprojekt mit Teheran und Pjöngjang. Diese Aktivitäten wurden zwar international registriert, erregten aber zunächst keinen Argwohn.

Misstrauen rief jedoch ein Vorfall im Herbst 2006 hervor. Damals wurde ein unter panamaischer Flagge fahrendes Schiff, das in Nordkorea beladen worden war, auf seiner Route nach Syrien durch zyprische Behörden gestoppt und durchsucht. Die Frachtpapiere lauteten auf »meteorologisches Gerät«, tatsächlich hatte der Frachter aber unter anderem mobile militärische Radarsysteme an Bord. Das ist nicht verboten, warum aber die Heimlichtuerei? Sollte sie umfassendere militärische Aufrüstungsbestrebungen verbergen?

Antworten sind nicht ohne Berücksichtigung der Konstellation im Nahostkonflikt zu finden. Mit Hinweis auf den von der IAEA nichtkontrollierten Atomwaffenbesitz Israels ist Syrien – wie auch Ägypten – nicht der Chemiewaffenkonvention beigetreten. Als potentielle Trägermittel stehen etwa 250 Scud-Mittelstreckenraketen aus Nordkorea bereit. Iran half dabei, das syrische Potenzial von rund 100, von der Sowjetunion gelieferten SS-21-Raketen zu modernisieren. Schließlich verfügt Syrien auch über Flugzeuge, deren Reichweite groß genug ist, um Ziele in ganz Israel zu erreichen.

Zumindest in der Nuklearfrage wird nach den IAEA-Kontrollen hoffentlich mehr Klarheit herrschen, umso mehr, wenn es gelingt, sie auf weitere Anlagen auszuweiten. Einen ersten Bericht der Inspekteure wird der Gouverneursrat auf seiner nächsten Sitzung im Mai erwarten können. Grundsätzlich aber wird die Situation erst durch eine umfassende Lösung wie die Schaffung einer von Massenvernichtungswaffen freien Zone in Nahost zu entschärfen sein.

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