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Licht im Jenseits

»Lux Aeterna«: ein Festival im Berliner Club »Berghain« und die Transzendenz der Musik

Dieses Jenseits ist jetzt ein Diesseits für mich. Gleich neben dem ND-Gebäude klotzt ein Geisterbau im sozialistisch-neoklassizistischen Stil der 50er Jahre, ein stillgelegtes Heizkraftwerk. Seit Jahren lasse ich diesen grauen Quader auf dem Arbeitsweg links liegen, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass dies das sagenumwobene »Berghain« ist, jener gigantische Technoclub, dessen Magnetwirkung die Wesen der Nacht aus aller Welt erfasst.

Gehört und gelesen hatte ich einiges über die ekstatische Aura dieses Andernorts: orgiastische Partys und ein Kraftfeld, das DJs in Magier und Tänzer in Zombies verwandelt. Vor allem die Türsteher des »Berghain« sind berüchtigt; Zerberusse meiner Fantasie, Höllenhunde, die grimmig darüber wachen, dass kein Lebender die Unterwelt betritt.

Stimmt gar nicht. Es war einfach, reinzukommen und raus – zumindest an diesem Abend. Abseits der Wochenend-Ekstase öffnet sich das »Berghain« zuweilen auch anderer Kunst als der seiner DJs, so am vergangenen Donnerstag und Freitag einem Festival namens »Lux Aeterna« – ewiges Licht. Es hätte keinen besseren Ort für dieses Festival geben können, das der »Transzendenz der Musik« gewidmet war.

Zu fühlen, dass man soeben die Grenzen einer Welt überschritten hat, bedarf es gar keines Höllenhunds an der Pforte des »Berghain« – nicht mal unbedingt der Musik. Es genügt das schwarzlichterne Halbdunkel im domhohen Innenraum dieses Steinskeletts, um Körper in schattenhafte Silhoueten zu transformieren und den Saal in eine Sphäre.

Als dann aber Theo Nabicht die Lippen um das Mundstück seiner Kontrabassklarinette schloss, um diesem selten gehörten, edlen Giganten unter den Holzblasinstrumenten ein markdurchdringendes Schnarren, hämmerndes Klopfen und feines Singen zu entlocken, wähnte man sich doch mit Orpheus auf dem Irrgang durch den Hades. Wie gebannt nahmen Hunderte hochkonzentrierte Ohren das geordnete Vibrieren der Luft in sich auf, es war kein Mucks zu hören. Gérard Griseys »Le noir d'étoile«, 1983 komponiert, füllte den geschlossenen Raum zur Gänze, kein Hüsteln hatte mehr darin Platz.

György Ligetis 1966 entstandenes Chorwerk »Lux Aeterna«, dem das Festival seinen Namen verdankt, wurde vom Berliner Ars Nova Ensemble gesungen. Stanley Kubrick hatte die Komposition 1968 in seinem Science-Fiction-Film »2001: A Space Odyssey« verwendet. Es leuchtet ein, warum. Das intensive Flirren, Auf- und Abwallen der dicht beeinander geführten Stimmen öffnet den Himmel ins All. Wenn Griseys Stück die unendliche Unterwelt symbolisiert, so offenbarte sich beim Hören des Ligeti-Gesangs etwas ganz ähnliches wie jene Sphärenharmonie, die Pythagoras in den Bewegungsrelationen der Himmelskörper vermutete.

Ein erklärtes Anliegen der Festivalveranstalter um Ekkehart Ehlers und den Verein »Wandering Star« war es, eine Musik jenseits von Warencharakter und Funktionalität in Erinnerung zu rufen. Was damit auch gemeint sein kann, führte Lê Quan Ninh in körperlicher Schwerstarbeit an der Großen Basstrommel vor. Wer die alleinige Funktion der Trommel im Erzeugen von Rhythmen vermutet, wurde auf faszinierende Weise eines Besseren belehrt. Hielt man die Augen geschlossen, während dieser Musiker sein Instrument mit Becken, Schlägeln, Zapfen und anderem Werkzeug belebte, glaubte man eher, einen omnipotenten Synthesizer zu hören als eine tumbe Trommel. Dass nichts das bleiben muss, wozu es bestimmt zu sein scheint: Auch diese Erkenntnis hat mit Grenzüberschreitung zu tun, mit Transzendenz. Das Kammerflimmer Kollektief schließlich erwies dem US-Amerikaner Albert Ayler und dessen Welten verbindendem Werk »Ghost« die Ehre, verstärkt durch Evan Parker am Tenorsaxofon. Folk, Blues, Marschrhythmen, Free Jazz – Worte, die nicht beschreiben können, auf welch betörende Weise Aylers Geist hier beschworen wurde.

Wenn Kunst es uns ermöglicht, ein Jenseits der Welt, wie sie ist, zu erfahren, so sind diejenigen, die diese Kunst hervorbringen und diejenigen, die sie in sich aufnehmen, doch immer noch Teil dieser Welt. In seinem literarischen Vortrag »Woran wir Menschen merken werden, dass wir gestorben sind«, brachte Schriftsteller Dietmar Dath es an diesem Abend so auf den Punkt: »Die heiligsten Töne aus dem Jenseits, die ich gehört habe, wurden im Diesseits gemacht.« Selbst entrückendste Musik hat ihren Ursprung, vielleicht nicht ihr Ziel, im Tatsächlichen.

Die »Transzendenz der Musik« ist kein Fluchtweg in ein Geisterreich. Wer nicht wirklich stirbt, fällt nach jeder Ekstase zurück auf den harten Boden der Wirklichkeit. Aber er fällt als ein anderer.

Die vielleicht am besten gesicherte Grenze, die Kunst zu überwinden vermag, ist aber die zwischen Menschen. Musik machen, sie erleben – das Glück, das darin liegt, wächst mit der Zahl derer, die es teilen. Dath: »Jeder Chor ist eine Person, alle Personen sind Chöre. Und niemand muss alleine bleiben.«

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