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Wahrheitssucher

ND im Club: »Zorn und Zuwendung« – das Gesprächsbuch von Friedrich Schorlemmer und Hans-Dieter Schütt

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 3 Min.
Schorlemmer: »Klarsehen und trotzdem hoffen!«
Schorlemmer: »Klarsehen und trotzdem hoffen!«

Wenn die rechte Hand wie eine Waagschale die Wahrheit hielte und die linke »nur« die Suche nach Wahrheit, würde ich, so Lessing, in diejenige mit der Suche nach Wahrheit fallen. Denn die Wahrheit hat nur einer allein. Ein Gedanke, den Friedrich Schorlemmer mit seinen eigenen Überlegungen vor den vielen Zuhörern verflocht, die am Mittwochabend zur Premiere des Gesprächsbuches »Zorn und Zuwendung« (erschienen in der Interview-Reihe von Neues Deutschland und Verlag Das Neue Berlin) ins ND-Redaktionsgebäude gekommen waren.

Wahrheitssuche und dementsprechend das Bedürfnis nach Orientierung, ein aus archaischen Zeiten herrührendes und unser Menschsein bestimmendes Grundbedürfnis – dieser so elementare Impuls ist es wohl immer wieder, der zum Interesse an Schorlemmers Denken führt, an seinen Büchern, an seiner Rede. Jedenfalls bei vielen derjenigen, die nicht »Herr Dumm und Frau Dämlich« (Schorlemmer), sprich: passionierte »Bild«-Zeitungsleser, sind.

Die Gespräche im Buch, so Autor Hans-Dieter Schütt, seien getragen worden vom Interesse an einem Seelsorger, der »es einigen, ihm gar zu bequemen und trägen Seelen immer auch heftigen Geistes besorgte und in der Gegenwart noch besorgt«. Charakteristikum des Pfarrers aus Lutherstadt Wittenberg – als Bürgerrechtler in der DDR und heute, in der Bundesrepublik, ebenso. Schorlemmer entwickelt seine Gedanken aus steter Selbsterforschung heraus und nimmt andere respektvoll und achtsam auf oft argem Weg der Erkenntnis mit. Aus ganz anderen Erfahrungen, aus ganz anderem biografischem Ansatz kommend: des Pfarrers Interviewer; aus intensivem Miteinander-Reden zweier antipodisch in Bewegung Gesetzter ist das Buch entstanden. Anregend, weitgreifend, in klarer, nie nüchterner Sprache.

Mit Blick auf Vergangenheit, auch der des ND, dem Gastgeber dieser abendlichen Begegnung, ist Schorlemmer beim Widerspruch zwischen Ideal und Realität, Sein und Schein, Freiheit und Disziplin kommt dabei über Luther, Gorbatschow und Apostel Paulus auf Lenin, Trotzki, Stalin, Ulbricht und in dieser Reihe auf Honecker und Schabowski (»mein ›Lieblings-freund‹«). Und dann geht's vorwärts zurück zu frühen Schriften von Karl Marx. Rede über Gott und die Welt – wie es im Buchvorwort heißt. Darüber, die Welt nicht zu lassen, wie sie ist. Weil sie sonst nicht bleibt.

»Unverwandt ergreift mich Zorn über den Zustand dieser Welt«, bekennt er auch im Buch-Gespräch, diesem »Essay zu zweit« (Schütt). Aber er habe mit zunehmendem Alter, bei allem Kämpferwillen, doch auch einen Grad von Verständnis – nicht falsche Milde! – entwickelt: »Nimm den Menschen nicht übel, sage ich mir manchmal ..., dass sie den Schmerz über blinde Gefolgschaft nicht verdrängen, dass sie so selten mehr wissen wollen, als sie brauchen, um hinterher sagen zu können: Das habe ich nicht gewusst.«

Er selber nennt dies die Kunst an jedem neuen Tag: »Klarsehen und trotzdem hoffen!«

Hans-Dieter Schütt – Friedrich Schorlemmer. Zorn und Zuwendung. Das Neue Berlin, 256 Seiten, geb., 16,95 Euro.

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