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Eine Erfolgsgeschichte

»Leipzig liest«: 2000 Veranstaltungen mit 1500 Autoren

  • Von Eberhard Reimann
  • Lesedauer: 4 Min.

Leipzig liest« ist vielleicht ein überzogenes, vielleicht ein wahnsinniges Projekt, es gehört mit Sicherheit zu den ehrgeizigsten Rahmenprogrammen, die je rund um eine Buchmesse veranstaltet wurden.« – Als dieser Satz an den Anfang der Presseerklärung vom 10. April 1992 gestellt wurde, ahnten auch die größten Optimisten nicht, dass diese Zeilen auch noch im Jahr 2011 ohne jeden Abstrich, aber mit vielen Verstärkungen vor das Programm hätten gesetzt werden können.

Nach den Erfahrungen von 1991 – halbherzige und unprofessionelle Organisation, schlechte Infrastruktur und vor allem den immer lauter werdenden Rufen nach »Abwicklung« wurde in Verleger- und Verlagskreisen sehr zögerlich überlegt, ob es sich überhaupt noch lohne, »rechne«, sich in Leipzig zu engagieren. Niemand »rechnete« aber im Herbst 1991 mit einer Handvoll Enthusiasten aus dem ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück. Sie entwickelten das Konzept für ein Rahmenprogramm der Leipziger Buchmesse, gleichermaßen attraktiv für Verlage, Autoren und vor allem Besucher. Nicht Selbstdarstellung einzelner Verlagshäuser sollte das sein, keine PR-Aktion für den Bertelsmann-Club, für den die Akteure arbeiteten und aus dessen Zentrale, der Bertelsmann AG, Geld für die Aktion zur Verfügung gestellt wurde. »Um einen Akt der Solidarität gegenüber der Verlags- und Messestadt Leipzig und gegenüber dem Buch schlechthin« ging es.

Das Ergebnis: 70 Verlage beteiligten sich, mehr als 180 Autorinnen und Autoren kamen, so de Bruyn, Sigrid Damm, Grass, Gysi, Hilbig, Kopelew, Leonhard, Loetscher, Franca Magnani, Uta Mauersberger, Heiner Müller, Reich, Schorlemmer, Szczypiorski ...

55 Veranstaltungsorte in der Stadt, vier im Messehaus Am Markt und vor allen auch das Pressecafé Am Neumarkt entwickelten sich in den drei Messetagen zu Publikumsmagneten. Rosamunde Pilcher wurde im Festsaal des Alten Rathauses mit der Goldenen Feder als Autorin des Jahres geehrt. Michael Naumann, damals noch Rowohlt Verleger, hielt die Laudatio, auf Englisch, natürlich. – Und alle bekamen nach der Veranstaltung eine Rose.

Am Ende jener Tage im Mai 1992 eine dramatische Überziehung des von der Bertelsmann AG bewilligten Budgets. Mit Verweis wegen des Geldes und Lob für die Arbeit. Mit einem immer noch skeptischen Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main, der dem Konkurrenten aus Leipzig den Erfolg nicht gönnte, mit einer Leipziger Messeverwaltung, die unter neuer Führung, auch der Buchmesse, verstand, dass das Überleben nur in der Entwicklung zur Publikumsmesse garantiert werden konnte. Und vor allem mit einen begeisterten Leipziger Publikum.

Das erste richtige Programm des alliterativen Namen »Leipzig liest« passte auf ein Faltblatt für die Jackentasche, heute muss man schon mehr als ein Kilo Papier in einer extra Tasche tragen. Nach dieser gelungen Neuauflage wurde das Konzept weiterentwickelt, auch mit konstanten Partnern, der Stadt Leipzig, später auch dem Mitteldeutschen Rundfunk.

Neue Veranstaltungsreihen entstanden, »Jüdische Lebenswelten« in der Alten Nikolaischule, Lyrik im Schlösschen, Lesungen und Veranstaltungen in allen verfügbaren Orten der Stadt, im Frisiersalon, im Sitzungsaal des Landgerichts, im Gefängnis, im Standesamt, in Kirchen und Schulen, Banken, Bibliotheken und im Bettenhaus, auch ganz weit draußen in Grünau, in Kneipen und Bars, am Hauptbahnhof zwischen abfahrenden Zügen, mit Trommeln und Pfeifen in der ersten Straßenbahn, die am Morgen quer durch die Stadt fuhr, in privaten Wohnzimmern, mit Schmalzstullen für die Gäste. Das auch noch heute verwendete Logo wurde aus einem Wettbewerb von Leipziger Grafikstudenten entwickelt. Selbst der mit Kassandrarufen begleitete Umzug auf das neue Messegelände brachte keine Einbrüche des Publikumsinteresses. Im Gegenteil …

Die vielleicht beeindruckendste Veranstaltung in meinen 12 aktiven Jahren war wohl die mit Salman Rushdie: die streng geheimen Vorbereitungen, sein Aufenthalt als erster Gast im Hotel Fürstenhof am Tröndlinring, der Gang durch die Stadt mit einer Traube von Personenschützern im Schlepptau und einem über uns kreisenden Hubschrauber, seine ständigen Abweichungen vom vorgeschriebenen Protokoll. Und sein Auftritt selbst in der Stadtbibliothek mit dem feinfühligen Moderator Hansjürgen Rosenbauer, damals Intendant der ORB. Und skandierenden Leipzigern, die mit dem Ruf »Wir sind das Volk!« Einlass in den rettungslos überfüllten Veranstaltungsraum demonstrieren wollten. Diese Sprechchöre hatten aber nur ein einziges Mal Erfolg!

Das Programm 2011, der zwanzigste Jahrgang, ist ein grandioser Blick auf das Angebot deutscher und internationaler Verlage. Wobei die Leipziger Buchmesse sich in der Aufgabe sieht, den Blick nach Osteuropa zu weiten. Messethema wird ist diesmal Serbien sein. Insgesamt sind 1500 Autoren eingeladen. In über 2000 Veranstaltungen an mehr als 300 Veranstaltungsorten werden sie ihre Bücher vorstellen.

»Leipzig liest« boomt nach wie vor. Und das setzt Zeichen für eine Messe mit Charme und Publikumsnähe. Und für die Branche. Und für das Buch.

In der Manöverkritik des Jahrgangs 1992 ist zu lesen: Mehr als 100 Veranstaltungen vertrüge Leipzig nicht. Und vor 17 Uhr sollte keine Veranstaltung beginnen. Zu Tode gefürchtet ist eben auch gestorben. Denn Leipzig liest und liest und liest … Und das ist gut so!

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