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Chaos in einem geordneten Land

Eine Woche nach dem schweren Beben gedachte Japan der Opfer

  • Von Susanne Steffen, Tokio
  • Lesedauer: 3 Min.
Am Freitag um 14.46 Uhr Ortszeit hielt Japan inne. Exakt zu dieser Zeit hatte eine Woche zuvor das Unglück begonnen, das die Nordostküste des Landes verwüstete und den Wettlauf gegen den atomaren GAU einleitete.

Um 14.46 Uhr schrillten in ganz Japan die Sirenen. Genau eine Woche war vergangen, seit dem verheerendsten Erdbeben, das Japan als das am meisten erdbebengefährdete Land der Welt je erlebt hat. Den Erdstößen der Stärke 9,0 auf der Richterskala war ein gigantischer Tsunami gefolgt, der ganze Ortschaften auslöschte. Jetzt – eine Woche später – stand eine Minute lang alles still. Die Japaner gedachten der 6911 Toten, die inzwischen gefunden wurden. Mindestens 10 316 Personen sind bei der Polizei noch als vermisst gemeldet. 2513 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Normalerweise eine Majestätsbeleidigung

Auch eine Woche nach der Katastrophe sind zu einigen Siedlungen, die völlig von der Außenwelt abgeschnitten sind, noch immer keine Helfer vorgedrungen. Reporter des öffentlich-rechtlichen japanischen Fernsehens NHK schätzten, dass davon rund 16 000 Menschen betroffen sind. Seit einer Woche berichtet der Sender Tag und Nacht ausschließlich über die größte Krise des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg. Als sich Kaiser Akihito vier Tage nach dem Beben in einer seiner seltenen Ansprachen über NHK ans Volk wandte, um seinen Landsleuten Mut zuzusprechen, baten die Senderverantwortlichen um die Erlaubnis, seine Ansprache unterbrechen zu dürfen, falls es dringende Katastrophenmeldungen gebe. Unter normalen Umständen wäre eine solche Bitte als schwere Majestätsbeleidigung aufgefasst worden. Das ansonsten unter allen Umständen auf Etikette bedachte Hofamt stimmte jedoch zu.

280 000 Menschen leben laut NHK in Evakuierungszentren. Die Bilder aus den Notunterkünften sind erschütternd. Trotz eisiger Kälte mussten tausende Menschen in einer der reichsten Industrienationen der Welt ohne Heizung und mit rationierten Lebensmitteln auskommen. Kälte, Hunger, Angst und die Beengtheit in den Turnhallen, Gemeindezentren und anderen notdürftigen Unterkünften zehren an den Kräften der Betroffenen.

Immer mehr vor allem ältere Menschen und Kinder klagen über Fieber, Erkältungen und Durchfall. Die Zahl der Grippefälle steigt. Fast überall fehlen Medikamente. Ohne fließendes Wasser und Kochmöglichkeiten fragen immer mehr Mütter verzweifelt, wie sie Milch für ihre Babys zubereiten sollen.

Doch man hilft einander. NHK zeigte eine Gruppe Flüchtlinge, die keinen Platz mehr in den nahe gelegenen Notunterkünften gefunden hatten. Kurzerhand entschloss sich der Leiter eines Spielcenters, seinen Laden für die Opfer zu öffnen. Es gibt dort weder Strom noch Hilfsgüter. Bis staatliche Hilfe eintrifft, teilen sich die Leute das Wenige, was sie von zu Hause mitgebracht haben und die wenigen Süßigkeiten, die das Spielcenter vorrätig hat.

Erstes Bemühen um Normalität

In den am schlimmsten betroffenen Regionen kommen immerhin endlich größere Hilfslieferungen an. Selbstverteidigungskräfte und US-Armee bringen sie mit schwerem Gerät. Unterdessen gibt es andernorts erste Versuche, wieder etwas Normalität in das Leben der Betroffenen zu bringen. Im April beginnt in Japans Schulen das neue Schuljahr. Jetzt ist die Zeit der Abschlussfeiern. Bilder von ausgelassenen Partys gibt es nicht, aber NHK zeigt Schulzeremonien. Auch das traditionelle sportliche Großereignis der Saison – ein Baseballturnier der Oberschulen – wird wie geplant stattfinden.

In einer Ansprache an die Nation bedankte sich Ministerpräsident Naoto Kan für die Besonnenheit, mit der die Bevölkerung die Krise bislang gemeistert hat. Er versprach, seine Regierung werde alles tun, um die betroffenen Regionen so schnell wie möglich wieder aufzubauen.

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